Barths Ignoranz & Himmels Willen

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. März

Als Debattenbeitrag getarnte Ignoranz ist ein Megatrend der modernen Mediengesellschaft. Im Internet wird er durch Kampfbegriffe wie Upload-Filter befeuert, mit denen die PR-Strategen der Tech-Giganten von Facebook bis Google User in Wallung lügen. Im Fernsehen sind es seit neuestem, nun ja, „Komiker“. Acht Tage, nachdem Mario Barth zum Thema Feinstaub und Fahrverbote bewiesen hat, wie AfD-gespeist seine Dummdreistigkeit ist, zog Dieter Nuhr nach. Donnerstag riet er den Zuschauern von Nuhr im Ersten, mehr T-Shirts aus Sweat Shops zu kaufen statt Verzicht fürs Klima zu üben. Dessen Wandel, gegen den freitags weltweit Schüler die Schule schwänzen, ist aus Sicht der elitären Ulknudel nur mit noch mehr Konsum zu retten.

Was beim RTL-Populisten Barth schon bedenklich, weil rasend schnell digital verbreitet war, wurde durch den angeblichen „Satiriker“ Nuhr nun vollends irre. Wenn selbst Entertainer, die formell zu Empathie und Logik fähig sind, ihr besseres Wissen verraten, dann ist das einst so honorige Fernsehkabarett wohl endgültig auf dem Weg zur gesendeten Bild. Anfang der Woche war es allerdings doch noch einmal das Original, dem die eigene Macht so wichtig war, dass es als einziges Medium von Belang die unsäglichen Bilder des rechtsextremen Terroranschlags von Christchurch geteilt hat.

Während es selbst brachiale Boulevard-Blätter wie die Hamburger Morgenpost vorzogen, schwarze Titelseiten zu drucken, sorgte das Springer-Sturmgeschütz dafür, dass der Attentäter sein Ziel maximaler Aufmerksamkeit auch wirklich erreicht. Aber gut – Chefredakteur Julian Reichelt würde gewiss auch Fotos seiner toten Mutter posten, wenn’s nur Clicks brächte. Oder auch Live-Streams aus Thomas Gottschalks Dickdarm. Warum der hier als Beispiel dient? Weil er nach DWDL-Recherchen 2020 ein Revival von Wetten, dass…? moderieren wird, was ein paar Tage, nachdem er im Interview mit Deutschlandradio Kultur beteuert hatte, unsterblich zu sein.

Die Frischwoche

25. – 31. März

Damit dürfte dann auch klar sein, wer nächstes Jahr um diese Zeit das kriegt, wofür das ZDF am Samstag wieder mal zweieinhalb Stunden kostbarer Primetime vergeudet: Die Goldene Kamera. Dabei hat ausgerechnet das Zweite in dieser Woche zwei sehr bemerkenswerte Ausstrahlungen im Angebot. Am Montag läuft dort der bemerkenswerte Justizthriller Gegen die Angst, in dem Nadja Uhl sehr glaubhaft gegen Berliner Clan-Gangster ermittelt. Und am Sonntag wird das heute-journal von 15 auf 30 Minuten verlängert. Klingt marginal, ist in Zeiten grassierender Dummheit, die auch der künftige Faktencheck bei Facebook durch dpa-Journalisten nicht lindern dürfte, ein weithin hörbares Zeichen öffentlich-rechtlicher Verantwortung.

Von der ist dann tags drauf aber schon wieder wenig zu spüren, wenn uns das Erste die 18. Staffel Um Himmels Willen beschert. Dann doch lieber tags drauf Runde 15 von Grey’s Anatomy auf ProSieben oder parallel dazu die ARD-Ausstrahlung von Heinrich Breloers episch schönem Biopic Brecht, das zuvor allerdings schon auf Arte gelaufen ist. Dort also, wo zeitgleich das wunderbare Filmporträt Paula läuft, mit der wunderbaren Carla Juri als stilbildende Malerin Modersohn-Becker. Der BR würdigt tags zuvor eine Kunstfigur der anderen Art: Um 22.30 Uhr wird dort das One-Bestseller-Wonder Patrick Süskind mit der Hommage Duft & Distanz gewürdigt.

Bevor wir hier nochmals eindringlich davor warnen, am Mittwoch Mario Barth deckt (Steuerbetrug) auf zu sehen oder besser: Menschen mit Moral dazu ermutigen, Barths Helfershelfer wie den Schauspieler Hendrik Duryn, den Moderator Florian König und den Fiskus-Kontrolleur Reiner Holznagel zur Rede zu stellen, wie sie sich mit dem populistischen Intelligenzverächter derart gemein machen können, freuen wir uns aber aufrichtig über ein paar Wiederholungen der Woche.

Zuallererst und immer wieder sehenswert: The Blues Brothers (Sonntag, 20.15 Uhr, 3sat) von 1980 mit der vielleicht legendärsten Autoverfolgung aller Zeiten. Gefolgt von der legendären Literatur-Verfilmung Der dritte Mann, in dem der noch legendärere Hauptdarsteller (Orson Welles) zur endlegendären Filmmusik (Anton Karas) durchs Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit jagt. Nur unwesentlich niedriger auf der Legendenskala steht Volker Schlöndorffs Roman-Adaption Die Blechtrommel von 1979 (Samstag, 22.50 Uhr, RBB). Auch aus Deutschland, wieder schwarzweiß, aber 40 Jahre jünger: Michael Hanekes Meisterwerk Das Weiße Band (Donnerstag, 22.25 Uhr) über die Spießbürgerhybris am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und auch der alte Tatort verhandelt ethische Fragen seiner Zeit: In Salzleiche (Montag, 22 Uhr, RBB) ermittelte Charlotte Lindholm 2008 einen Leichenfund im Atomklo Gorleben.

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