Heinrich Breloer: Dokudramen & Brecht

Es wird eine lange Nacht!

Seit mehr als 40 Jahren ist Heinrich Breloer (Foto: Overmann/WDR) einer der einflussreichsten Filmemacher im Land. Mit seinem Dokudrama Brecht schließt sich heute ein Kreis: Schon 1978 porträtierte er den großen Dramatiker, im Ersten erweckt der 77-Jährige sein früheres Vorbild heute mit Tom Schilling und Burghart Klaußner zum Leben. Ein Interview mit dem Regisseur über neun Jahre Vorbereitung auf Brecht, was uns der Dichter heute noch zu sagen hat und warum auch Geschichte Gefühle braucht.   

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Breloer, vielleicht ist da was an uns vorbeigegangen, aber Bertolt Brecht feiert im März weder Geburts- noch Todestag oder sonst ein Jubiläum. Warum dann jetzt dieses ausschweifende Biopic?

Heinrich Breloer: Weil der Film Ergebnis einer intensiven Beschäftigung ist, die bereits vor neun Jahren begonnen hat. Ein Problem dabei war, vertraglich alles zu regeln, falls wir irgendein Copyright berühren. Außerdem musste ein Stück entwickelt werden, das die beteiligten Sender im Rahmen der Sparmaßnahmen auch finanzieren können.

Was genau war denn so teuer?

Unter anderem, dass Brecht nach dem Reichstagsbrand ins Exil ging. Um Brechts Zeit in der Schweiz, Paris, Dänemark, Schweden, Finnland, Moskau und den USA nicht darstellen zu müssen, machen wir einen recht großen Sprung in die Nachkriegszeit, wo Burghart Klaußner vorm Ausschuss für unamerikanische Umtriebe versichert, „I was never a member of the communist party“. Dieser Satz führt uns dann zurück nach Deutschland, also in den Film.

Weil ein fließender Übergang von Tom Schilling als junger auf Burghart Klaußner als alter Brecht unglaubwürdig gewesen wäre?

In jedem Fall schwierig. Außerdem gibt es über Brechts Zeit in Amerika kaum bewegte Bilder. Ich habe zwar welche gefunden, auf denen dieser kleine Mann ein sehr dickes Auto besteigt oder am Schreibtisch von seiner Freundin gefilmt wird; ansonsten fehlt sie im Zweiteiler. Das ist aber nicht gravierend; wir erzählen das Leben halt weiter, wenn er nach der Rückkehr mit dem Berliner Ensemble ein Stück befreites Land zwischen Ost und West erschafft.

Darüber erzählt die Dokumentation im Anschluss?

Nochmals interessante 52 Minuten lang.

Und das, nachdem der Zweiteiler am Stück vorweg läuft!

Es wird eine lange Nacht! Aber das wird dieser Figur ja auch gerecht.

Was hat sie der Gegenwart übers nostalgische Element zeitgeschichtlicher Unterhaltung hinaus noch zu geben, dass ihr ein ganzer Abend gewidmet wird?

Zum einen unglaublich schöne, kluge, lehrreiche Gedichte. Und dann die Dramen, in denen ja wichtige Fragen gestellt werden, die uns heute umtreiben. Mutter Courage, wie verhältst du dich zu Krieg, Pazifismus, zur Rüstungsindustrie? Oder im Galilei nach Verantwortung der Wissenschaft für ihre Erfindungen; damals die Atombombe, jetzt künstliche Intelligenz.

Und Ihnen persönlich?

Brecht hat mich fast mein Leben lang fasziniert. Ich habe seine erste große Liebe schon 1976 für meinen Film Bi und Bidi in Augsburg getroffen.

Im Grunde arbeiten Sie also seit damals am Zweiteiler?

Schon. Damals habe ich erstmals erlebt, welch starken Eindruck der junge Brecht auf Freunde und seine Geliebten gemacht hat. Schon als Schüler stellte er sich für ein Foto vor dem Theater in eine Nische unter Schiller und sagte „Ich komme gleich nach Goethe. Ich bin das letzte Genie der deutschen Sprache.“ Und sie haben es ihm geglaubt. Als junger Filmemacher stand ich bewundernd vor dieser Selbstinszenierung; gut dreißig Jahre später konnte ich nun zeigen, was hinter dieser Chuzpe stand, wie viel alter Brecht im jungen steckt und umgekehrt.

Und dafür ist ein Dokudrama nach wie vor am geeignetsten?

Ja, denn das Dokumentarische liegt wie eine zweite Spur über den Spielszenen und sorgt dafür, dass diese unlenkbare, eigensinnige, zutiefst dialektische, ständig kämpfende Figur nicht nur nostalgisch historisiert, sondern in den Kontext seiner, aber auch unserer Zeit eingeordnet wird. Brechts appellierender Glaube an die Kraft der Vernunft, das Recht auf Zweifel, den Mut zum Widerstand und Willen zur Wahrheit – all dies ist auch heute von höchster Aktualität.

Sein Medium war jedoch das Theater, von dem damals gesellschaftspolitisch größtmögliche Wucht ausging, während es nun ein hochkulturelles Nischenprodukt ist. Lässt sich die Bühne als Medium aufs Fernsehzeitalter übertragen?

Wenn man sich vor Augen hält, dass ich in den Sechzigerjahren viel von ihm gelernt und auf mein Wirken fürs Fernsehen übertragen konnte, ja. Durch ihn sind wir zum kritischen Denken gekommen, was sich auch in dieser Arbeit wiederfindet.

Aber verglichen mit dem Internet ist das das Fernsehen seinerseits ein schrumpfendes Medium.

Es ist aber noch immer ganz gut im Geschäft. Und das Dokudrama als Darstellungsform, um Fiktion und Realität dialektisch gegenüberzustellen, ohne es moralisch zu bewerten, ist dem Brecht’schen Theater durchaus nachempfunden.

War die Form des Dokudramas, das Sie hierzulande quasi erfunden haben…

Na ja, sagen wir, mit weiterentwickelt.

War es demnach die beste oder einzige Form, sich Brechts Widersprüchen zu nähern?

Es war die griffigste und hat sich gewissermaßen natürlich entwickelt. Ein Denkmal lebendig zu machen, ohne es einzureißen, kommt für mich weder ohne Dokumentation noch Inszenierung aus. Zumal kein Filmmaterial seiner aufgewühlten Jugend existiert.

Ihr letztes großes Projekt Buddenbrooks war ein reiner Spielfilm. Den haben Sie hier nicht in Erwägung gezogen?

Doch. Aber wenn Spielszenen auf die Sekunde genau klug kalkuliert auf Dokumente prallen, kann im Kopf des Zuschauers etwas  Neues Drittes entstehen, das so allein im Dokument und im Spiel nicht vorhanden  ist. Und das wirkt intensiver und länger als pure Erzählung. Ganz ähnlich hat Brecht ja auch selber gearbeitet. Die berühmte Verfremdung.

Klug kalkuliert, heißt in diesem Fall auch: sehr emotional. Warum führen Sie den jungen Brecht als verliebten Teenager ein?

So beginnt der Spaziergang mit Paula am sommerlichen Lech. Aber das andere, die Angst vor dem Verlust, der unromantische Kampf um die Macht über dieses Mädchen – auch das ist in dieser ersten Liebesszene angelegt.

Dennoch scheint sein Liebesleben auch Zucker fürs breite Publikum zu sein…

Na, wenn das mein Hauptziel gewesen wäre, hätte ich davon doch viel mehr berichtet. Dass er in seiner Entwicklung, die Jahr für Jahr aufwärts geht, von einer Frau zur nächsten wechselt, bis er teilweise drei gleichzeitig hat, muss halt erzählt werden, um Brecht zu verstehen. Aber da habe ich mich sogar zurückgehalten; sein Liebesleben hat Zumutungen bis hin zu Selbstmordversuchen erzeugt. Das kommt bei uns gar nicht vor.

Sein Zeitgenosse Theo Lingen, erwähnt im Film: Brecht wolle besitzen, und zwar auch Menschen.

Genauso war’s.

Wird diese Lichtgestalt des deutschen Theaters damit auch ein wenig entzaubert?

Nein. Aber wir sind erstmals dabei, wie sie als Person handelt, denkt, fühlt und dabei ängstlicher, schüchterner, verletzlicher, manchmal auch opportunistischer und kleiner ist, als viele denken. Brecht wird bei uns vom Dichter und Denker auch zum leidenschaftlichen Menschen.

Ist dieser Mensch ein anderer als der, den Sie für Ihre Doku Bi und Bidi in Augsburg 1976 kennengelernt haben?

Aber sicher.

Und hat sich damit ein Kreis für Sie geschlossen, der Ihr gesamtes Schaffen umschließt?

Das könnte man so sagen, aber endgültig kennengelernt habe ich ihn trotzdem nicht. Als ich die Schauspielerin Regine Lutz im Film frage, ob Sie Brecht kenne, überlegt sie sehr lang – was in Dokumentationen höchst eindrücklich ist, wenn man die richtigen Fragen stellt – und sagt dann: Er kannte mich, und zwar sehr gut. Ihn konnte man nicht kennen.

Gibt es dennoch Brecht in einem Wort?

Höchstens in vier: Schauen Sie diesen Film!



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