Constantin Lieb: Arte, Eden & Dominik Graf

Fiktion ist subtiler

Obwohl der Nachwuchsautor Constantin Lieb (Foto: Antony Sojka) vor sechs Jahren noch weithin unerfahren war, hat ihn Arte für sein sechsteiliges Flüchtlingsdrama Eden verpflichtet, das derzeit mittwochs in der ARD läuft. Im Interview spricht der 32-Jährige über das europäische Großprojekt, amerikanisierten Kitsch in Serie und warum er gern mit Platzhirschen wie Dominik Graf arbeitet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lieb, während zeitgeschichtliche Ereignisse oft Jahrzehnte brauchen, bis daraus fiktionale Fernsehunterhaltung wird, hat es die sogenannten Flüchtlingskrise sofort zu Dutzenden von Spielfilmen und Seriengeführt. Woher rührt dieses Tempo?

Constantin Lieb: Es gab sogar vor Eden großartige Verfilmungen wie Maggie Perens Die Farbe des Ozeans. Unabhängig davon vollzieht mediale Berichterstattung sich aber generell in Wellen, die je nach Intensität auch das Thema Migration immer mal wieder an die Oberfläche spült – im Autorenkino der Siebziger etwa zum Thema Gastarbeiter.

Allerdings mit großer Verzögerung. Die Anwerbung von Gastarbeitern war schon 1973 beendet. Wie erklären Sie sich die Echtzeit, in der Migration derzeit verarbeitet wird?

Mit dem Hochdruck, unter dem dieses Thema unumgänglich ins kollektive Bewusstsein geraten ist. Es wurde in gewisser Hinsicht unmöglich, einfach wegzuschauen. Wir thematisieren ja etwas, das nicht Teil der Geschichte ist, sondern Tag für Tag für jeden relevant und damit die Politik zum Handeln zwingt. Sich damit nicht nur dokumentarisch auseinanderzusetzen, sondern fiktional, sehe ich als Chance. Fiktion ist emotionaler. Und subtiler. Für viele Menschen sind das unglaubliche Leid und die Strapazen auf der Flucht weiterhin abstrakt. Insofern ist die Fiktion auch eine Möglichkeit der Sensibilisierung.

Erwarten die Zuschauer womöglich sogar vom Fernsehen, ein derart schwelendes Thema umgehend auch fiktional aufzugreifen, um dafür sensibilisiert zu werden?

Erwartungen sind schwer einzuschätzen und noch schwerer zu erfüllen. In einem Land mit so starkem öffentlich-rechtlichen Rundfunk dürfen, ja sollten wir allerdings eine gewisse Erwartungshaltung an die Sender und ihre Verantwortung stellen – auch im Kontrast zu Privatsendern und Streamingportalen, also jenseits marktökonomischer Mechanismen. Dieser Auftrag ist auch eine Chance zur Profilbildung gegenüber dieser vermeintlichen Konkurrenz.

Gab es demnach Direktiven von Arte, das Thema in einer publikumswirksamen Tonalität und Stoßrichtung umzusetzen?

Was ich in der gesamten Entwicklungsphase nach meinem Einstieg in das Projekt erlebt habe, ist eine unglaubliche Offenheit hinsichtlich des dramaturgischen Zugangs und der politischen Haltung. Da haben wirklich alle an einem Strang gezogen, das Thema so realistisch und wertfrei wie möglich und konsequent multiperspektivisch zu erzählen. Es gab zu keiner Zeit Einwände, irgendwas könnte zu drastisch oder verharmlosend dargestellt werden.

Dennoch bedient Arte gewisse Zielgruppen stärker als RTL2. Sollten Sie der kultivierten Filterblase da nicht unterschwellig auch die Schattenseiten der Migration zeigen?

Es war stets unser Anliegen, nicht nur eine Seite dieses brisanten Themas zu zeigen. Dabei haben wir auch immer wieder darüber gesprochen, wie jene zu erreichen sind, die Ressentiments gegen Flüchtlinge hegen. Ich glaube nicht, dass Fernsehen Menschen in die eine oder andere Richtung nachhaltig beeinflussen, also politische Einstellungen verändern kann, aber es gibt Denkanstöße und regt zum Dialog an, ohne zu belehren. Aggressivität basiert ja in der Regel auf Angst, Unkenntnis, Distanz und Fremdheit; all dies kann Fiktion eindämmen. Allerdings nur, wenn man ein Thema wie dieses nicht ausnutzt, um rein unterhaltend zu sein.

Also eine Liebesgeschichte ins Zentrum stellen?

Das wollten wir keinesfalls! Es ging bei aller Komplexität um Augenhöhe aller Protagonisten. Worum es nicht ging: irgendeine Art Wahrheit zu präsentieren oder die Fiktion durch Schauwert, Cliffhanger, emotionalen Kitsch zu amerikanisieren. Ich finde es erschreckend wie sehr deutsche Serienmacher teilweise versuchen, einen bestimmten internationalen Style zu kopieren, der die eigene Identität ignoriert. In unserem Zentrum stehen die Motivationen und Konflikte unserer Protagonisten, ohne Hierarchie und Zuordnung von „richtig“ oder „falsch“.

Wie wird man bei so einem Thema sechsmal 45 Minuten nie pädagogisch?

Indem wir keine der Figuren bloß als gut oder böse darstellen. Eine Unternehmerin zum Beispiel, die ein Konzept erarbeitet hat, wie man Camps privat führt, ließe sich leicht als neoliberale Antagonistin selbstloser Helfer aufbauen. So einfach ist es aber nicht. Sie will in diesem Multimillionen-Markt zwar Geld verdienen, aber mit einem Weitblick, der auch das Wohl der Betroffenen im Auge behält, also nicht nur auf Wachstum gerichtet ist, sondern auch auf das Potential jener Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen.

Aber entstammt solch eine Figur nicht dramaturgischem Wunschdenken?

Nein, die gesamte Fiktion basiert auf akribischer Recherche. Wir hatten umfassenden Zugang zu Nichtregierungsorganisationen, der EU und verschiedenen Flüchtlingscamps, haben NGO-Mitarbeiter getroffen, Politiker, Rechtsexperten, Flüchtlinge und Menschen, die sich mit Schmugglern auskennen. Es war dem gesamten Team ungeheuer wichtig, keine Märchen zu erzählen, sondern der Wirklichkeit so nah wie möglich zu kommen.

Haben Sie in der kurzen Zeit, in der Sie als Autor tätig sind, je so umfassend geforscht?

Nie. Es war von Beginn an klar, dass man sich bei solch einem Projekt verpflichtet, ununterbrochen daran zu arbeiten und keine anderen Stoffe parallel entwickelt, wie es oft der Fall ist. Anfangs war ich daher kurz davor, abzusagen; der Respekt, fast die Angst vor der Komplexität war enorm. Gerade deshalb habe ich es aber doch gemacht; schon, um an dieser universellen, oft tagesaktuellen Herausforderung im permanenten Austausch mit allen zu wachsen.

Permanenter Austausch mit allen kann allerdings auch bedeuten, dass einem ständig andere in die Arbeit hineinreden!

Grundsätzlich ja, ich habe es allerdings zu keinem Zeitpunkt so empfunden. Mit etwas Erfahrung findet man heraus, wer bloß aus subjektiver Haltung statt inhaltlicher Beschäftigung Einfluss nimmt. Dies war aber bei keinem im Team der Fall. Eden war für alle Beteiligten ein Ausnahmeprojekt und für mich die Chance, mich zu beweisen und zu lernen.

Begonnen hat das Projekt allerdings mit anderen Autoren…

…richtig. Die Grundidee etwas über die politische Situation in Europa zu machen stammt von Felix Randau und Jano Ben Chaabane. Edward Berger hat dann als erster Regisseur mit Nele Mueller-Stöfen, Marianne Wendt und Laurent Mercier den Stoff entwickelt. Er ist allerdings ausgestiegen, um Patrick Melrose zu drehen. Damit hat sich auch die Autorensituation neu formiert.

Bis dahin war nur eins ihrer mittlerweile drei langen Bücher realisiert worden – Detlev Bucks Asphaltgorillas. Wie bitte kam ein Jungautor wie Sie zu diesem Riesenprojekt?

(lacht) Als Dominik Moll das Projekt als Regisseur übernahm und damit auch der ästhetische, narrative Zugang wechselte, sollte ich zunächst zwei Bücher schreiben. Der Produzent Felix von Boehm, mit dem ich schon lange eine große Vertrauensbasis habe, hat mich schließlich mit seiner Begeisterung fürs Projekt angesteckt und ich konnte mich mehr und mehr einbringen. Die Rolle des Headautors hat sich dann sukzessive herauskristallisiert, da Dominik und ich eine sehr gute Arbeitsbeziehung entwickelt haben. Außerdem bin ich ein Freund des multigenerationellen Arbeitens, das auch bei Detlev Buck und Dominik Graf gut funktioniert hat.

Spüren Sie dennoch ein hierarchisches Gefälle zu den Platzhirschen?

Überhaupt nicht, ehrlich. Das beste Argument gegen Hierarchien ist Qualität, Offenheit und Reflexionsvermögen. Auch Selbstironie sollte man nicht unterschätzen – egal mit wem und für was ich arbeite.

Sehen Sie Ihre Zukunft eher im neuen Kino Serie oder im alten Kino Kino?

Definitiv sowohl als auch. Ich kann und will Serie nicht ohne Kino denken. Es ist fatal, wenn man durch den sich weiter aufblähenden Hype das Kino als Medium vergisst. Als sozialer Ort des Erzählens ist es einmalig und wird es immer bleiben, egal wie groß die Retina-Displays dieser Welt auch sein werden.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen
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