24h Europe: Echtzeit & Wahrhaftigkeit

Europareise

Nach Berlin, Jerusalem und Bayern hat ein gewaltiges Team um den Filmemacher Volker Heise (Foto: RBB) den gesamten Kontinent in Echtzeit erkundet. Das Resultat steht seit Samstag in der Mediathek und ist nicht weniger als ein dokumentarisches Meisterwerk im Dienste vielfältiger Eintracht.

Von Jan Freitag

Der See, in den Rakel und Lovisa am Morgen einer durchwachten Mittsommernacht springen, ist trotz fast pausenloser Junisonne eiskalt –das spürt man am Nebel über Helsinkis Waldboden, das sieht man an den Augen der zwei Schülerinnen, das tönt aus jedem ihrer quietschvergnügten Schreie. Schließlich ist ein Bad um diese Zeit der ideale Wachmacher für sie, für uns, für alle. Denn wer den beiden beim Schwimmenin einem derAbertausend finnischen Gewässer zusieht, hat sich zwölf Monate später samstags vor sechs aus dem Bett geschält, um etwas Beispielloses zu erleben.

Bei Rakel und Lovisa ist es ein sensationell sorgloser, irgendwie aufregender, wiederholt wunderbarer Wochenendfrühsommertag, wie ihn wohl nur Teenager genießen. Bei ihrem Publikum hingegen ist es ein sensationell berauschender, irgendwie unfassbarer, wiederholt sehenswerter Beitrag des Kulturkanals Arte, der es zehn Jahre nach 24h Berlin wieder mal getan hat: einen Mikrokosmos so intensiv unter die Lupe zu nehmen, dass man buchstäblich nicht nur dabei ist, sondern wirklich mittendrin. In 24h Europe.

So heißt die Erweiterung von Volker Heises Panoptikum grundverschiedener, seltsam vertrauter Daseinsentwürfe, die von Deutschlands Hauptstadt übers welthistorisch noch wuchtigere Jerusalem nach Bayern führte und von dort aus nun kontinental erweitert wird. Statt Tempelhof und Tempelberg hat der versierte Dokumentarist am vorigen Samstag von 6 Uhr bis Sonntag um die selbe Zeit also gleich 26 Länder erkundet. Vergleichen mit den vorhergehenden Ausflügen in den Alltag grundverschiedener Menschen auf begrenztem Raum, sagt Volker Heise über diese Perspektiverweiterung, „war ein echter Quantensprung“.

Und weil der so gewaltig war, musste er sich Hilfe suchen. Nach drei vierundzwanzigstündigen Langzeitbeobachtungen als Showrunner hat der Produzent die künstlerische Verantwortung an Britt Beyer und Vassili Silovic abgegeben. Das Konzept jedoch bleibt identisch: Zwischen Island und Kreta, Atlantik und Ural begleiten 45 Teams 60 Protagonisten zwischen 18 und 30 Jahren im Spannungsfeld eines riesig kleinen Lebensraums von gut 10.000 Quadratkilometern Größe, den noch niemand zuvor in dieser Dichte beleuchtet hat.

Nach dem Anbaden der finnischen Schülerinnen zum Beispiel wandern die Kameras vom Plattenbau des russischen Stahlarbeiters Andreij zum Flüchtlingsschiff der italienischen Seenotretterin Chloé und zurück. Sie beobachten Taxifahrer und Geschäftsleute, Azubis und Arbeitslose, Bauern und Ingenieure, Ärzte und Patienten, Tagediebe und Workoholics, Naturliebhaber, Clubgewächse. Und während sich erstaunlich viele der jungenLeute in Empathie und Mitgefühl für andere üben, bereitet sich die hessische AfD-Aktivistin Marie ebenso wie ein polnisches Wehrsportgruppenmitglied eher aufs Gegenteil vor.

So widersprüchliche, zugleich jedoch engverbundene Einzelschicksale verbindet Arte also erneut zu einer soziokulturellen Echtzeitarchäologie, die im Licht der anstehenden Europawahl etwas Beispielloses versucht: Aus maximaler Differenz größtmögliche Nähe zu generieren. Es gehe um ein Gefühl von Verbundenheit, sagt Volker Heise. In 1440 Minuten Konzentrat Hunderter Drehstunden Sendezeit gelingt ihm das erneut mit verblüffendem Unterhaltungswert. Und das, obwohl sich der empathiefördernde Faktor Lokalkolorit auch aus deutscher Sicht auf einen Bruchteil der Charaktere reduziert.

Wie in der Dramaserie Eden, die das Megathema Migration – wenngleich bisweilen etwas konventionell – an gleicher Stelle fiktionalisiert, geht es Heises Team schließlich um neue Sichtachsen im Dienste des europäischen Projekts. Die permanenten Ortswechsel verlangen dem Zuschauer dabei zwar ein hohes Maß an Konzentration ab, der bis in den fünfzehnminütigen Abspann reicht. Wer bis zum Schluss dranbleibt, wird jedoch mit frischem Wind durchs brexit-, populismus, krisenwunde Gemüt belohnt und stellt sich unvermeidbar die Frage, wo das eigentlich noch hinführen soll – 24h Welt oder zurück ins Dorf? „Wir werden sehen“, sagt Volker Heise. Es klingt wie ein Versprechen.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.