Ibiza-Video & Miracle Workers

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Mai

Der jüngste Skandal um FPÖ-Vizekanzler Strache, der sich im längst berühmten Ibiza-Video vor versteckter Kamera von einer falschen Oligarchin bestechen ließ – was Jan Böhmermann Wochen zuvor angedeutet hatte, von der Presse aber bis kurz vor der Europawahl geheim gehalten wurde – zeigt erneut wie schwierig es ist, sich im Schützengraben journalistischer Grundprinzipien trittsicher zwischen Überparteilichkeit und Haltung, Pluralismus und Moral, Information und Selektion zu bewegen. Wenn gewissenhafte Reporter über jedes rechtsradikale Stöckchen springen oder im gegenteiligen Fall, die Meinungsfreiheit unterdrücken, wird schließlich gern von allen Seiten auf sie draufgehauen.

Der Bayerische Rundfunk hatte sich diesbezüglich ebenso wie der aus Hessen, Berlin-Brandenburg und Hamburg dafür entschieden, das Empörungsspiel der NPD nicht mitzuspielen und die Ausstrahlung ihrer rassistischen Europawahl-Spots zu  verweigern. Ethisch nachvollziehbar, presserechtlich weniger – so urteilte jetzt das Bayerische Verwaltungsgericht und verdonnerte die Verweigerer dazu, Wahlreklame der verfassungsfeindlichen, doch politisch irrelevanten Partei auszustrahlen. Denn darin wird zwar so über mordende Flüchtlinge gelogen, dass sich die EU-Parlamentsbalken biegen; da im Wahlkampf jedoch Waffengleichheit unterschiedlich einflussreicher Parteien zu herrschen habe, muss ein Fernsehsender und sein Publikum eben selbst Überspitzung am Rande der Volksverhetzung aushalten.

Zumindest, wenn sie nicht gar so drastisch wird wie jener bluttriefende NPD-Clip, den das ZDF nicht senden will und muss. Bei so viel braunem Kalkül, sehnt man sich manchmal fast in die Zeiten rosaroter Selbstberuhigungen zurück, als eine Doris Day mit ihrem unzeitgemäß berufstätigen, emotional indes oft reaktionärem Gefühlsbiedermeier zwei Jahrzehnte Kinokomödie geprägt hat. Dass sie nun im Alter von 97 Jahren gestorben ist, zeigt uns in Dutzenden von Wiederholungen ihrer Klassiker, wie gemütlich Weggucken gelegentlich sein kann. Wie unterhaltsam. Und wie verlogen.

Die Frischwoche

20. – 26. Mai

Während das ZDF nächsten Sonntag in Erinnerung an Days technikolorbuntes Lebenswerk den 150. Pilcher-Film zeigt, empfehlen wir daher explizit zwei 3sat-Dokus, die am Mittwoch eindringlich vorm drohenden Rechtsruck Europas warnen: um 20.15 Uhr Lost in Brexit, gefolgt von Wut auf Brüssel, was Arte tags zuvor zur besten Sendezeit mit Wahlkampf der Wutbürger und anschließend Hinter den Kulissen des Brexit eingeleitet haben wird.

Weil aber selbst in politisch deprimierender Zeit nicht alles bloß nüchtern und sachlich sein sollte, gibt es auch leichte Kost jenseits der Küsten von Cornwall zu sehen. Die neue Netflix-Serie What/if mit der abgetauchten Renée Zellweger in einer Art Unmoralisches Angebot revisited zählt ab Freitag zwar ebenso wenig dazu wie ein achtteiliges Remake von Jean-Jacques Annauds legendärer Romanverfilmung Der Name der Rose parallel auf Sky, die wirklich niemand braucht. Wirklich wunderbar sind aber Steve Buscimi und Daniel Radcliffe als Gott und Engel einer hinreißenden TNT-Serie namens Miracle Workers, die den Himmel als lausig geführtes Mittelstandsunternehmen mit etwas zu viel Einfluss karikiert. Oder auch die Neuauflage der Antikriegsgroteske Catch 22 als Sechsteiler von und mit George Clooney auf Starzplay.

Immerhin akzeptabel ist die ZDF-Komödie Hüftkreisen mit Nancy am Donnerstag (20.15 Uhr) um einen Mann in der Midlife Crisis, was zwar abermals aufwirft, warum Journalisten in der Fernsehfiktion stets entweder skrupellose Aasgeier oder desperate Wracks sind, aber die Fallstricke männlichen Alters sehr unterhaltsam verhandelt. In seiner popkulturellen Scheindramatik leicht wie ein Sommerhit ist die Arte-Doku From Fame to Shame (Freitag, 21.45 Uhr) über den Täuschungsskandal der deutschen Pseudostars Milli Vanilli. Eher gehaltvoll ist dagegen Grenzland vom neuen Stern am Regiehimmel Marvin Kren (4 Blocks). Mit seiner eigenen Mutter Brigitte als österreichische Ermittlerin verarbeitet er darin ebenso virtuos wie kreativ einen Mordfall im Dunstkreis der Flüchtlingsdebatte 2015.

Die Wiederholungen der Woche stammen ebenfalls aus einer Zeit globaler Zerrüttung, versuchten ihr allerdings mit politikfernem Entertainment zu entkommen. In Theo gegen den Rest der Welt zum Beispiel brillierte Marius Müller-Westernhagen 1980 als Antiheld eines herrlich nostalgischen Roadmovies (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat), das erstaunlicherweise nur fünf Jahre älter ist als Doris Dörries Männer 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle. Und weil es keinen Alt-Tatort von Belang gibt, empfehlen wir 48 Stunden danach dort Schimanski alias George in der Räuberpistole Die Katze (1987). Und damit das gesamte Recycling dieser Woche auf 3sat läuft, wird hier mal zu Ernst Lubitschs schwarzweißer Ménage à Trois Rosita von 1923 geraten.

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