Besinnungsmomente & einsame Herzen

Die Gebrauchtwoche

27. Mai – 2. Juni

Die ganz großen Momente des Fernsehens entstehen manchmal im ganz Kleinen. Immer mal wieder weltbewegendes Enthüllungsentertainment von Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale zum Beispiel. Ein kurzer Augenblick der Stille im Gebrüll tausender Talkshows. Claus Klebers Rührungstränen für Busfahrer, der sich dem rechtspopulistischen Mainstream engegenstellte. Und seit Mittwoch weit vorn im Pantheon unvergesslicher TV-Sequenzen: Joko & Klaas.

Tags zuvor hatten beide im Showkampf mit dem eigenen Arbeitgeber 15 Minuten Sendezeit zur freien Verfügung gewonnen. Eine Viertelstunde Anarchie, die angesichts der Begrüßung („Na, ihr Pissnelken“) am Mittwoch um 20.15 Uhr auf Pro7 den personalüblichen Dadaismus befürchten ließ. Dann aber räumte das lustige Rampensauduett bierernst die Bühne und ließ dort nichts als einen Stuhl stehen, auf dem sodann nacheinander drei Menschen platznahmen, die sonst nie zu Wort kämen. Nicht auf diese Sender, nicht zu dieser Zeit.

Erst durfte die Seenotretterin Pia Klemp den zynischen Irrsinn der europäischen Flüchtlingsabwehrpolitik schildern. Danach warb Dieter Puhl von der Bahnhofsmission Zoo in gleicher Länge um Verständnis für Obdachlose. Und als eine Birgit Lohmeyer in aller Stille davon sprach, wie sie im berüchtigten Neonazi-Dorf Jamel die Stellung der Vernunft, der Kraft, der Zivilcourage hält, war klar: Hier kommt das dauererregte Fernsehen und sein aufgeputschtes Publikum kurz zur Besinnung.

Schwer zu glauben, dass so etwas weiter drin sein wird, wenn Silvio Berlusconi mehr als jene 9,6 Prozent übernimmt, mit denen sich seine Mediaset vorige Woche bei ProSiebenSat1 eingekauft hat. Und dass deren CEO Max Conze das Investment nicht als Bedrohung der programmatischen Vielfalt, sondern „Vertrauensbeweis in unsere Strategie“ bezeichnet, lässt Schlimmes befürchten. Es passt jedoch zur Stimmung, die Annegret Kramp-Karrenbauer verbreitet.

Der Peinlichkeit im Streit mit dem Youtuber Rezo ließ sie parallel dazu ja flugs jene folgen, sich öffentlich Gedanken über die Einschränkung der Meinungsfreiheit im Netz zu machen. Für den Versuch, die brennende Demokratie mit populistischem Feuer zu löschen, kreierte das Bohemian Browser Ballett daraufhin den Begriff „verakken“, der die Panik mittiger Parteien im Kampf gegen Bedeutungsverlust gut umschreibt. Aber gut – ganz ähnlich verakkt ja auch das Erste den täglichen Kampf ums junge Publikum.

Die Frischwoche

3. – 9. Juni

Am Samstag etwa in einer Schnulze um drei betagte Freundinnen, die es – so heißt das dann im PR-Sprech – „noch mal wissen wollen“ und ein Tanzcafé für Senioren eröffnen. Der Club der einsamen Herzen ist so saftig, seifig, soßig, dass man Mitleid mit der verstorbenen Hannelore Elsner kriegt, die hier neben Jutta Speidel und Uschi Glas ihr Talent verschleudert hat. Besser macht es (wie so oft) der ARD-Mittwochsfilm. In Die Auferstehung nutzt Regisseur Niki Stein einen Erbschaftsstreit dazu, die beteiligte Verwandtschaft um den gut aufgelegten Joachim Król erst emotional zu vereinen, dann lustvoll zu zerstören.

Noch viel besser macht es (wie so oft) der Privatsender Vox. Trotz des denkbar blöden Titels Das Wichtigste im Leben, verhandeln Bettina Lamprecht und Jürgen Vogel als Eltern einer gewöhnlich ungewöhnlichen Familie ab Mittwoch fünf Doppelfolgen lang ihren Alltag mit drei Kindern, in dem die Probleme nicht künstlich aufgebläht, sondern mit feinem Witz skizziert werden. Und das ist bei aller Fiktion fast so wahrhaftig wie der HBO-Zweiteiler What’s My Name.

Ab heute porträtiert Antoine Fuqua auf Sky Muhammad Ali in einer Art dokumentarischem Tanzfilm, der die Komplexität des weltgrößten Boxers ohne störenden Off-Kommentar als Balanceakt zwischen sportlichem, gesellschaftlichem und menschlichem Rhythmus zeigt. Morgen erinnert dann Arte ab 20.15 Uhr mit einer zweiteiligen Doku und einem Porträt von Liu Xiaobo, dem Mann, der Peking die Stirn bot, ans Massaker auf dem Tian’anmen-Platz vor 30 Jahren. Dass Discovery Donnerstag seinen conscious-lifestyle-Kanal Home & Garden startet, verstauen wir da mal wohlwollend in der Schublade Eskapismus, in die das spanische Netflix-Melodram Elisa und Marzella nicht gehört; schließlich geht es in der Eigenproduktion um zwei lesbisch Liebende im katholischen Spanien des Jahres 1901.

Irgendwie soziokulturell ist auch die Wiederholung der Woche: In Vorbereitung zur 2. Staffel, zeigt das ZDF heute um 23.50 Uhr alle vier Teile der Bundestagsrealsatire Eichwald, MdB mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Parlamentarier am Stück. Eine Viertelstunde zuvor zeigt Arte Hans Karl Breslauers Schwarzweißfilm Die Stadt ohne Juden, in dem der aufziehende Nationalsozialismus 1924 auf beklemmende Art vorfiktionalisiert wurde. Wer die Abgründe unserer Spezies lieber theatralisch überhöht mag, sollte den Im Schmerz geboren von 2014 (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehen, der vielleicht furioseste Austritt des Tatort.

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