Amüsier-Apps & Maskierte Sänger

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Juni

Was, hörte man sich unlängst verblüfft fragen, ist bloß mit Wladimir Iljitsch Putin los? Da hat der zaristische Herrscher einen Reporter eingeknastet, der ihm und seinem Regime doof gekommen war, und was macht er? Lässt die Geisel seines Unrechtsstaates nach ein paar Tagen wieder frei, obwohl dieser Iwan Golunow das Haus doch angeblich voller Drogen hatte, als die über jeden Zweifel erhabene Polizei seine Wohnung durchsuchte… Damit steigt Russland im Pressefreiheitsindex wohl um ein paar Plätze zurück in die Top 150, immerhin vor Nord-Korea.

Klingt nach Lockerung im Käfig der russischen Zivilgesellschaft? Nun – keine zwei Wochen später hielt Zar Putin wie jedes Jahr um diese Zeit für seine Untertanen fernsehöffentlich Audienz und beantwortete Fragen jeder Art, wenngleich natürlich nur solche, für die er königliche Lösungen hatte. Damit rutschte er dann doch wieder ein Stück weit im Ranking ab, dumm gelaufen. Dennoch bleibt Putin auch hierzulande ein Liebling nationalautoritärer Kräfte wie jener Alternativpartei im Deutschen Bundestag, deren medial geschürter Hass aufs System den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke atmosphärisch vorbereitet hat.

Geschürt wird diese Stimmung allerdings längst auch von Journalisten, die man bei aller Kritik eigentlich auf der Seite faktenfester Haltungen gewähnt hatte. Zum Beispiel Claus Strunz. Gut – das relativ gesittete Kampfblatt Bild am Sonntag hatte zwar auch unter seiner Führung schon einen Hang zu populistischer Zuspitzung; jetzt aber stellte er sich mit seiner rechten Attacke gegen Migranten, deren Heime und überhaupt Neger, Kanaken, kulturfremdes Gesocks so rabiat außerhalb des bürgerlichen Diskurses, dass sein AfD-Beitritt wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

Und damit bereitet es umso mehr Mühe, zu akzeptieren, dass dieser Mann denselben Beruf ausübt wie die große Wibke Bruhns. Nachdem sie einst als erste Frau die Nachrichten im (Zweiten) deutschen Fernsehen verlesen hatte und danach zu einer der prägenden Journalist(inn)en im Land zählte, ist sie nun mit 80 Jahren verstorben – und damit gewissermaßen erlöst, ihr Metier nicht mehr im Sumpf rechter Lügenmärchen versinken zu sehen. Aber dafür werden wir ja fröhlich mit Unterhaltungsangeboten geflutet wie der neuen Pro7Sat1-App Joyn, die uns seit Mittwoch mit allem nur Erdenklichen entertaint – aber nicht durch wahrhaftige Fakten.

Die Frischwochen

24. Juni – 7. Juli

Im linearen Programm von Pro7 kann man da ab Donnerstag bestaunen, wie sich die Sendergruppe Amüsement so vorstellt: Moderiert vom notorischen Matthias Opdenhövel, singen Prominente als The Masked Singer verkleidet inkognito, wofür sie von den Zuschauern enttarnt werden oder auch nicht, sechs Folgen lang zur besten Sendezeit und danach vermutlich abrufbar auf Joyn. Toll. Das war’s aber auch fast schon mit aktuellen Fernsehtipps. Während die angebrochene Sommerpause im Rest der Woche kaum was anderes als Wiederholungen hervorbringt, gibt es am Donnerstag drauf (4. Juli) jedoch gleich drei Neustarts.

Auf Neo moderiert die Top-Anwältin Laura Karasek um 22.15 Uhr sechsmal das lifestylische Talkformat Zart am Limit und kehrt damit vom knüppelharten Wirtschaftsrecht ins weitaus weichere Gesprächsgenre zurück. Vorschusslorbeer: Die kann das – und zwar nicht nur wegen ihres berühmten Vaters mit Namen Hellmuth. Gut eine Stunde später widmet sich der Schönwetterkabarettist Michael Mittermeier! in seiner selbstbetitelten Nachrichtenpersiflage 45 Minuten lang einem Thema, diesmal: Sicherheit. Vorschussskepsis: könnte ulkig werden im Ersten. Zwischendurch schaltet Netflix die 3. Staffel von Stranger Things frei. Vorschussbonus: Die Güte der ersten zwei Staffeln würde selbst einen Qualitätsabfall um 90 Prozent noch sehenswert machen.

Ansonsten begnügt sich das Regelprogramm dieser heißen Tage so konsequent mit Recyclingware, dass mal wieder nur Arte Platz für Innovationen bietet. Morgen zum Beispiel widmet sich der Kulturkanal um 20.15 Uhr erst den Frauen der Terrormiliz des IS und eine Stunde später deren Kindersoldaten Ashbal, bevor der Themenschwerpunkt 50 Jahre nach Stonewall Freitag (21.45 Uhr) an den Beginn der weltweiten Gay-Pride-Bewegung 1969 erinnert. Und acht Tage danach startet Arte den diesjährige Summer of… mit einem Monat Sendungen jeder Art zum Thema: Freedom. Präsentiert von der glamourösen Beth Ditto, eingeleitet von einer neuen Doku über John und Yoko, deren Liebesbeziehung Anfang der Siebziger mehr spießbürgerliche Verbitterung offengelegt hat als so mancher Beatles-Song.

Dazu passt die einzige Wiederholung der Woche in den Wochen der Wiederholungen, die uns hier der Erwähnung wert ist: das gesellschaftskritische DDR-Spätwerk Coming Out von 1989 aus einem Land, in dem es nach offizieller Diktion nicht nur keine Nazis gab, sondern noch weniger Homosexuelle.

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