Oliver Welke: 10 Jahre heute-show Teil 1

Wir habe keine Fünfjahrespläne

Seit zehn Jahren moderiert Oliver Welke die heute-show im Zweiten und hat das Satire-Format dort trotz aller Kritik an vielfach brachialer Komik zu einer wichtigen Stimme der heiteren Vernunft im Land gemacht. Ein Interview in zwei Teilen über politischen Humor, schwarz-gelbe Pointenlieferanten, das große Vorbild John Stewart und warum das Radiogewächs Welke gut ohne Instagram auskommt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Welke, vor ein paar Tagen war die Europawahl – haben Sie eigentlich auch gewählt?

Oliver Welke: Selbstverständlich, warum sollte ich denn nicht?

Weil es schwerfällt, sich eine Partei vorzustellen, die auch nur im Entferntesten Ihren Ansprüchen genügt – so hart, wie sie auf wirklich jede einzelne davon Woche für Woche eindreschen.

Was unbedingt für die Sendung spricht. Das was Sie dreschen nennen ist ja nie Selbstzweck sondern geschieht aus Gründen.

Aber es spricht nicht für irgendeine der grundsätzlich wählbaren Parteien.

Mag sein, aber das ist die Aufgabe der politischen Satire. Und anders als in Talkshows, wo schon darauf geachtet wird, eine gewisse Parität herzustellen, führt bei uns ganz ehrlich niemand Buch darüber, welche Partei gerade zu viel oder zu wenig Fett wegkriegt. Unser einziges Kriterium ist Aktualität. Wenn sich Politiker und Parteien dabei aufdrängen, wird dem nachgegangen.

Und sich wenn eine Partei Sendung für Sendung zum Draufhauen aufdrängt, wäre sie für Sie noch wählbar?

Theoretisch schon. Parteien sind schließlich komplexer als manche einzelne Themen. Und das größte Problem unserer Autoren, mich eingeschossen, ist ja, dass manche dieser Themen auf der Stelle treten, zum Beispiel ständig neue Enthüllungen über den Grenzwertbetrug beim Schadstoffausstoß. Da immer und immer wieder aufs Neue dranzubleiben, ist aus journalistischer Sicht Normalität, aus satirischer hingegen echt kompliziert. Trotzdem müssen wir es unabhängig von jeder Parteipräferenz weiter bedienen.

Rufen die Vertreter der bedienten Parteien oder Unternehmen am Montag drauf noch in der Redaktion an, um sich über die Ungleichgewichtung zu beschweren?

Früher vielleicht. Heute läuft das deutlich subtiler. Angeblich meldet sich zwar schon hin und wieder jemand in Mainz, aber weil wir eine Produktionsfirma sind, die ihr Produkt schlüsselfertig in Köln produziert und dann ans ZDF übergibt, ruft hier keiner an. Außerdem sitzen die Betroffenen ja teilweise in den Gremien der Fernsehsender, wo sie sich wahrscheinlich schon mal offen oder hinterher in der Kantine beklagen. Mit dem Sender ist klar vereinbart, dass ich nicht jeden Wasserstand beleidigter Leberwurst vom Lerchenberg hören muss .

Es gibt also nicht Reaktionen aus der CSU, die Sie ständig zwischen den Zähnen haben?

Natürlich ist in zehn Jahren ab und an zu uns durchgedrungen, dass die sich doch etwas zu oft bei uns im Bild sieht. Aber falls es der Nachrichtenlage entspricht, ist das eben so. Wir sind argumentativ absolut safe, haben keine Fünfjahrespläne, keine Kampagnen, keine Agenda, nur die Aktualität. Von einer Nachrichtensendung unterscheiden wir uns also nur darin, über Sachen, die eigentlich gar nicht lustig sind, auch noch Witze machen zu müssen.

Aber gibt es nicht dieses journalistisch verankerte Bedürfnis, ausgewogen zu berichten?

Für meine Kollegen kann ich da nicht sprechen. Ich habe dieses Bedürfnis nicht. Sicher entstehen zu vielen Sachverhalten schon deshalb Überzeugungen, weil sie irgendwann auf mehr als nur oberflächlicher Tageszeitungslektüre beruhen. Aber das sorgt nicht dafür, alle Seiten stets gleichermaßen beleuchten zu wollen. Nehmen Sie das Beispiel Grundrente.

Klingt nur bedingt humortauglich…

Es wird aber dadurch spannend, dass dieses Thema seit 2009 ununterbrochen in Koalitionsverträgen steht und jede Regierung versichert, wie wichtig es sei, dass auch Geringverdiener später  mehr als Grundsicherung kriegen. Bis auf die Tatsache, dass die Grundrente seither mindestens siebenmal den Namen verändert hat, passiert jedoch nichts, Null. Das allein ist für  uns Antrieb genug, es immer und immer wieder in die Sendung zu nehmen.

Ist Ihr persönlicher Antrieb ausschlaggebend dafür, was in der Sendung landet?

Nicht nur, aber auch, ja. Ich arbeite zwar an meiner absolutistischen Herrschaft über die Redaktion, aber bislang sind wir noch immer ein Team aus immerhin sieben Autoren, plus Redakteure, die sich jeden Dienstag hier in der Redaktion fürs erste Brainstorming treffen. Und beim Austarieren unserer Grundhaltung zu einzelnen Themen werde ich häufiger mal überstimmt, keine Sorge. Das hat sich in zehn Jahren kaum geändert.

Darüber hinaus ist das Jahr 2009 mit dem jetzigen kaum vergleichbar. Vor der ersten heute-show hatte Obama gerade den Amtseid abgelegt, die AfD gab es noch nicht und trotz Finanzkrise schien die Welt auf eine Art kollektiver Problemlösung zuzusteuern.

Ich erinnere mich dunkel.

War diese Ausgangslage für Satire Ihrer Art dennoch vergleichbar mit der heutigen?

Nein, dafür sind die Zeiten tatsächlich zu anders. Dass eine rechtspopulistische Partei bald darauf in allen Parlamenten sitzen würde, war seinerzeit ebenso undenkbar wie ein Präsident Donald Trump. Andererseits gab es die Überzeugungen beider auch 2009 schon, sie wurden nur weder legislativ noch exekutiv repräsentiert. Und wenn Sie die Tea Party nehmen, die schon damals in den USA die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet hat, frage ich mich, ob wirklich die Zeiten so grundlegend andere sind oder doch nur die Aufmerksamkeit dafür.

Und Ihre Antwort?

Beides richtig. Mit den sozialen Medien, die damals noch weit weniger Einfluss hatten, wird die Aufmerksamkeitsspanne zusehends kürzer. Was zur Folge hat, dass sich alle politischen Akteure bis hin zu uns Moderatoren und Medien permanent unter dem Zwang sehen, jede noch so irre News sofort rauszuhauen oder  zu kommentieren. Säue wurden auch früher durchs Dorf getrieben, aber heute jagt man immer nur neue hinterher, statt die alten einzufangen.

Was allerdings auch für ein Format wie die heute-show gilt.

Absolut. Deshalb müssen wir uns ständig aufs Neue fragen, worauf wie anspringen und worauf nicht. Ich selber bin da ein wenig Oldschool.

Inwiefern?

Mir geht das oft zu schnell. Ich appelliere gern mal an die Jüngeren, Netzaffineren, noch mal kurz in sich zu gehen, ob die Welt diesen Hype jedesmal  braucht und vor allem: ob sich was Originelles, Lustiges daraus machen lässt. Da hat unsere Show  den Vorteil, dass wir von Montag bis Freitag  Zeit haben,  darauf herum zu denken und wahrscheinlich ein Drittel aller Ideen wegzuwerfen, bevor sie auf Sendung gehen. Die Zeit hat das heute-journal nicht, vom Internet ganz zu schweigen.

Sind Sie auch insofern Oldschool, dem Internet generell zu misstrauen?

Das nicht, aber es birgt die Gefahr, sich permanent zu wichtig zu nehmen. Deshalb komme ich sehr gut ohne Twitter oder Instagram aus und beantworte mir die Frage, ob die Welt meine Meinung oder Fotos wirklich braucht, meistens mit Nein. Klingt wie Kokettieren oder?

Schon.

Meine Eitelkeit findet es durchaus schön, dass ich einmal die Woche sehr prominent in einem Fernsehformat auftauche. Aber den Rest der Woche kann ich prima Privatperson bleiben, die der Öffentlichkeit einfach unterschlägt, was auf ihrem Mittagsteller zu sehen ist. Ich bin nichtmal bei WhatsApp.

Zugleich aber füttert das Internet die heute-show permanent mit Input.

Deshalb möchte ich es auch definitiv nicht mehr missen; die sozialen Medienkanäle von Söder bis Scheuer sind pures Comedy-Gold; da beiße ich nicht in die Hand, die mich füttert.

Sind diese verrückten Zeiten also bessere oder schlechtere Zeiten für Komiker als die ruhigeren vor zehn Jahren?

Bessere, definitiv. Unsere Quellenlage hat sich immens verbessert. Hinzu kommt, dass die Parteien mittlerweile eigene Newsrooms betreiben und Informationen ohne lästiges Kuratieren durch Journalisten nach außen geben. Darüber hinaus wäre ich mir aber gar nicht so sicher, ob die Jahre unter Schwarz-Gelb dramaturgisch anders waren; sie wurden weniger aufgeregt verarbeitet als heute, waren aber nicht weniger irre. Auch vor zehn Jahren gab es also viel zu tun für uns.

Ihr Vorbild war seinerzeit die Daily Show von John Stewart.

Na ja, eines von ungefähr drei, vier Fake-News-Formaten, wie diese Pseudo-Nachrichten damals noch relativ arglos hießen, bevor Donald Trump den Begriff kontaminiert hat. Aber John Stewarts war definitiv die beste, klügste, einflussreichste. Von der wir allerdings praktisch nur den Schreibtisch mit Grafikacheln und Fake-Schalten aus der Greenbox übernommen hatten – wenngleich mit sehr deutschem Fokus und deutschen Figuren, die wir parodiert haben.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen. Freitagsmedien bringt den 2. Teil am kommenden Donnerstag

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