Sleater-Kinney, The Murder Capital, Pompeya

Sleater Kinney

Wer den Feminismus mit und ohne Post-, Lipstick- oder Individual- davor im Jahr 2 nach MeToo, Trump und Pence-Effekt auf große Bühnen trägt, sollte sich vor Augen halten, wie das ein Vierteljahrhundert früher wohl bei Gleichgesinnten war. Damals eroberten Riot Grrrls wie Sleater-Kinney die Westküste und trafen beim Versuch, das männerdominierte Rockbusiness mit viel Wut zu dekonstruieren, auf eine Gesellschaft, die den burschikosen Habitus zwar ganz putzig fand, aber nicht weiter beachtete. Kein Wunder, dass der Furor, mit dem Corin Tucker, Carrie Brownstein und Janet Weiss zu Werke gingen, mit jedem Song brachialer wurde. Kein Wunder aber auch, dass selbst der wütendste Furor irgendwann mal verraucht.

Weil kein Feuer auf Erden ewig brennt, wurden Sleater Kinney ruhiger, lösten sich 2006 auf, kamen sechs Jahre später zurück und begannen von Neuem, ohne dass die Emanzipation im Showbiz und ringsum auch nur ansatzweise zur Vollendung gekommen war. Das sollte im Hinterkopf behalten, wer sich übers neue, neunte Album des Alternative-Trios wundert. Nach gewohnt brachialem Start steigt zwar auch das dreckig verzerrte Reach On Home robust ein, wird jedoch rasch poppiger, bevor Reach Out im Anschluss fast nach Madonna auf einer Line Franz Ferdinand klingt. So gelassen, fast harmonisch geht es das halbe Album weiter. Klingt gar nicht nach Sleater-Kinney? Doch! Deshalb ist ihr richtiges Leben im Falschen ja auch diesmal so grandios und dringend nötig.

Sleater-Kinney – The Center Won’t Hold (Caroline)

The Murder Capital

Wessen Wut stattdessen schwer nach der von Sleater-Kinney anno 1995 klingt, ist die der irischen Postpunkband The Murder Capital. Wie sich die Gitarren da vor einer kakophonischer Wall of Sound sammeln und angetrieben vom wavig drängenden Bass überwinden, wie das nimmermüde Schlagzeug dazu im Sprint zum Spring ansetzt und Sänger James MacGovern dazu jenseits aller Harmonielehren den Kollaps menschlicher Kommunikation anprangert – das muss vorm selben Ärger angetrieben sein wie einst die Riot Grrrls. Nur, dass hier eben Männer am Werke sind. Männer allerdings, die mit dem gängigen Posergehabe des klassischen Rock wenig gemein haben.

Schon dem Namen nach sind Stücke wie Slowdance I und II melodramatische, hyperpoetische, emotional und klanglich entgrenzte Soundexperimente am Rande der Harmonielehre, die allerdings mit einer gehörigen Portion Verzerrern auf den Noise der Werke ringsum verweisen und sich nie so ganz den Strukturen des Indierock verweigern. Feeling Fades dann kehrt mit seiner hochenergetischen Dynamik wieder zurück in jene Zeit, als der Punkrock gediegen wurde und Rockmusik kultiviert, in die frühen Achtzigern, zu Joy Division und The Fall. Ein wunderbares Album für die schlechte Laune mit Niveau.

The Murder Capital – When I Have Fears (Human Season Records)

Pompeya

Russland, so viel Vorurteil muss erlaubt sein, ist nicht das bekannteste Pflaster für eigensinnigen Independent. Der ESC mag zwar kein idealer Referenzrahmen sein, aber wer ihn Jahr für Jahr verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, östlich des Ural gibt es ausschließlich plastinierten Folklorepop plus etwas Punk und Metal, dessen Interpreten allerdings zügig im Knast landen. Ist natürlich Quatsch. Gerade Moskaus Musikszene dürfte westlich des Ural unbekannter, aber keinesfalls weniger vielschichtig sein. Das beste Beispiel ist Pompeya, die exakt so pompös klingen, wie ihr Name, nur sehr viel klüger.

Auch auf ihrer vierten Platte machen die vier Hauptstädter einen Mulitlayer-Pop, der seine Facetten wie ein 3D-Drucker Schicht für Schicht verklebt, bis daraus die täuschend echte Kopie eines Achtzigerjahre-Waves wird. Tief aus der Hüfte geslappte Riffs und Bassläufe flattern dabei flamboyant unterm Ein- bis Vierfachfalsett hindurch, der deutlich hörbar vom Entstehungsort USA geprägt ist. Duran Duran und Heaven 17 schimmern hindurch, aber auch die funkige Farbenpracht eines Todd Terje, mit dem Pompeya nicht nur den Eklektizismus gemeinsam hat. Ein wunderbares Album zum Kontern tradierter Klischees. Und abgesehen davon einfach wahnsinnig unterhaltsam.

Pompeya – Songs From The Videos (Pompeya Music)



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