The Walking Dead: untot & unendlich

Fortsetzungsgemetzel

Nach insgesamt 5600 Minuten in neun Jahren geht The Walking Dead (Foto: FOX/Sky) in die zehnte Staffel. Kurz bevor Breaking Bad am Freitag mit El Camino sein nächstes Spin-off auf Netflix kriegt und auch sonst alles bis zum Erbrechen ausgelutscht wird, was Erfolg am Bildschirm hatte, wird es also Zeit für den Appell, das Zombiegemetzel endlich mal ausbluten zu lassen. Es hat sich auserzählt.

Von Jan Freitag

Da grunzen sie also wieder und beißen, vermodern sichtbar und sind als Wasserleichen noch etwas ekliger, aber irgendwie noch immer dieselben Zombies, mit denen Film und Fernsehen uns seit – ja, seit wann eigentlich die Zeit stiehlt? Wenn die Murdoch-Tochter FOX heute bei Sky die 10. Staffel The Walking Dead zeigt, dehnt sich die Comic-Adaption um acht auf 139 Episoden aus. Und wer sich den Kampf der Menschen mit Untoten, vor allem aber sich selbst ansieht, dürfte zusehends ratlos sein, warum die Serie einfach kein Ende nimmt. Nach 5600 Minuten seit 2010 haben wir die Kernaussage des Showrunners Frank Darabont nämlich verstanden, großes Bingewatcher-Ehrenwort.

Falls die Apokalypse in Gestalt lebloser Monstren ohne Mitgefühl, gar Moral über uns hereinbricht, werden wir selber zu Bestien, okay. Bestien, die gnadenlos nach Macht streben oder wenigstens der Befriedigung sadistischer Triebe. Wie in den ersten neun Staffeln wiegt uns auch Nummer 10 diesbezüglich zwar anfangs in Sicherheit: das Böse jeder Art ist besiegt, der Endzeit-Tyrann Negan geflohen, ein neuer nicht in Sicht. Da können sich die Wohlgesinnten um Carol, Michonne und Daryl scheinbar aufs Wesentliche konzentrieren. Doch wie eine Kohorte Überlebender in römischer Formation zu Trainingszwecken skelettierte Ungeheuer köpft, wird rasch deutlich: TWD, wie Fans die Serie nennen, kreist um sich selbst, je weiter sie sich von Robert Kirkmans Graphic Novel und dem Ursprung des Genres entfernt.

Als Bela Lugosis White Zombie den karibischen Voodoo-Kult 1932 leinwandtauglich machte, waren die Untoten eher melancholische Geister als hirnsüchtige Beißer. Seit den Sechzigern dann kommentierten die gefühlskalten Kannibalen der Splatter-Könige George A. Romero und Peter Jackson erstmals die konsumsedierte, technikgläubige, kriegslüsterne Klassengesellschaft, deren Mitglieder gern in Industriebrachen oder Einkaufszentren ausgeweidet wurden. Mit dem Blockbuster I am Legend oder Marvin Krens deutscher TV-Produktionen Rammbock wurde der Handlungsrahmen zwar schon im vorigen Jahrzehnt erweitert; doch erst Kirkman und Darabont schminkten die Gesellschaftskritik mit Schauwert für Horrorfans zur Menschheitskritik von relevanter Tragweite um. Zumindest fünf, sechs Staffeln lang.

Dann aber begann der Schlagabtausch Mensch vs. Monster, Zivilisation gegen Barbarei zügig zu ermüden. Das Böse wurde stetig böser, seine Gewalt selbstreferenzieller, weshalb die Guten selbst oben auf der Besetzungsliste zwar dezimiert wurden, aber ständig hoffnungsvollen Zuwachs hatten. Und genau hier zeigt sich der gehende Tod von seiner plumpsten Seite. Wenn eines im Personalkarussell nämlich sicher ist, dann dass sämtliche Frauen darin bildschön sind und gleich nach ihrer Modelkarriere in Echtzeit zu todesmutigen Marines mutieren. Dass die siedend heiße Nadia Hilker nun von der Neben- zur Hauptfigur wird, dürfte da eher weniger an ihrer Arbeit im deutschen Vorabendfernsehen zu tun haben. Effekthascherei deluxe für die Generation Men’s Health.

Klar, wenn die kleine Tochter des (ausgestiegenen) Rick wie afrikanische Kindersoldaten stoisch Untote zerhackt als seien es Moorhühner, klingt das postapokalyptische Drama noch immer nach präapokalyptischer Sozialkritik. Der Rest aber bleibt zutiefst narzisstisch – eine Wesenseigenschaft, lehrt uns das Weiße Haus tagtäglich, die wenig Raum für Besinnung bietet. Zum Spin-off Fear of the Walking Dead auf Amazon hat AMC daher für 2020 eins mit zwei Teenagern im Zentrum angekündigt. Oberfiesling Negan kriegt ebenso wie sein Ex-Gegner Rick eine Handvoll eigener Spielfilme. Und ob das Original wirklich endet, hängt von Einschaltquote ab. In den USA ist sie zwar auf weniger als ein Drittel der Topwerte in Staffel 5 abgesackt, aber angesichts der Vielfalt des Senderangebots noch immer solide. Es droht uns also die ewige Apokalypse. Herr, lass bitte kein Hirn regnen! Zumindest nicht auf Serienzombies…



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