Tyrannenwerbung & Freiheitspreise

Die Gebrauchtwoche

28. Oktober – 3. November

Mark Zuckerberg macht gerade ernst mit dem öffentlich geleisteten Schwur, Demokratie und Pluralismus zu fördern. Nachdem Twitter-Chef Jack Dorsey medienwirksam angekündigt hat, fortan keine politische Werbung mehr zu schalten, hat der Facebook-Chef noch etwas lauter ins Netz geblasen, er werde dies auch weiterhin tun, weil es sich für Privatunternehmen nicht „geziemt, Politiker zu zensieren“. Klingt honorig. Doch indem es Steve Bannons rechtes Propagandaportal Breitbart in den Nachrichten-Feed News Tab aufnimmt, verschafft Facebook einer explizit antidemokratischen, antipluralistischen Stimme noch mehr Kraft.

Wenn Zuckerberg diesen Schritt nun mit Meinungsvielfalt erklärt, zeigt er damit allerdings nur eines: Faschismus offenbar für eine Meinung, kein Verbrechen zu halten. Aber gut – damit befindet er sich ja in Gesellschaft amtlicher Potentaten wie Jair Bolsonaro. Weil ihn Enthüllungen des TV-Senders El Globo mit dem Mord an einer Journalistin in Verbindung bringen, drohte Brasiliens rechtsextremistischer Präsident Medien, die gegen ihn recherchieren, in einer geifernden Videobotschaft ganz offen damit, ihnen nach der Wahl 2022 die Lizenz zu entziehen sofern er, Zitat, bis dahin nicht tot sei.

Weil ihm Medien, die überhaupt von irgendwas anderem als seiner unermesslichen Weisheit berichten, suspekt sind, hat Bolsonaros russischer Kollege Putin derweil die Errichtung eines nicht ganz so world Wide Webs namens Runet dekretiert. Womit er angeblich Hackerangriffe umgehen könne, eignet sich aber natürlich auch prima zur digitalen Kontrolle unliebsamer Äußerungen, also Menschen. So richtig weit entfernt von der real existierenden Tyrannei jener Zeiten, deren Ende vor 30 Jahren gerade senderauf, senderab gedacht wird, sind die wütenden weißen alten Männer damit also nicht mehr.

Die Frischwoche

4. – 10. November

Das ZDF etwa fiktionalisiert sie von heute bis Mittwoch mit dem Dreiteiler Preis der Freiheit, der interessanterweise von wütenden weißen jüngeren Frauen handelt. Nicolette Krebitz, Nadja Uhl und Barbara Auer spielen darin drei Schwestern, die auf unterschiedlichste Art ins Wirtschaftssystem der untergehenden DDR involviert sind. Das ist wie so oft im deutsch-deutschen Historytainment häufig arg moralisierend, dank des – auch männlicherseits – großartigen Ensembles aber auch sehr sehenswert.

Was die selbstherrliche Einverleibung des Ostens in den Westen angerichtet hat, lässt sich ja gerade gut an den Wahlerfolgen der AfD erleben. Wobei das Erste damit fiktional einen bemerkenswerten Umgang gefunden hat: Wenn der Erzgebirgskrimi am Samstag den überschwemmten Krimimarkt weiter flutet, suchen Stephan Luca und Lara Mandoki Tote im Stollen einer sächsischen Provinz, in der gierige Wessis eingeborene Bergmänner ausbeuten und die AfD schlichtweg nicht vorkommt. Einen selbstkritischeren Umgang mit dem Facettenreichtum regionaler Strukturen zeigt da der BR, dessen sensationelle Provinzpolitiksatire Hindafing ab Donnerstag auf Arte in zwei Dreifachfolgen weitergesponnen wird.

Überhaupt ist es die Woche der Sequels, Bootlegs, Spin-Offs. Am Mittwoch verlegt Fox das vielfach ausgewalzte SciFi-Drama Krieg der Welten erstaunlich zurückhaltend ins Smartphone-Zeitalter. Bereits heute zeigt Netflix die zweite Staffel der wunderbar absurden Pubertätserzählung The End of the F…ing World, was Sky parallel mit der Serienadaption der Graphic Novel Watchman garniert, bevor dort vier Tage später das halluzinogene Fantasygeschichtsepos Britannia fortgesetzt wird. Und während der Sorgentelefonist Domian nach drei Jahren Pause am Freitag (23.30 Uhr) – diesmal mit Livegästen vor Publikum – zum WDR zurückkehrt, beginnt Samstag die nächste ARD-Themenwoche, diesmal zur digitalen Bildung.

Einmalig ist die Partie der deutschen Fußballnationalspielerinnen, ab Freitag um 18.30 Uhr auf Eurosport vor der Rekordkulisse von 90.000 Fans im Wembley-Stadion. Das könnte auch die Zuschauerzahl der klugen Milieustudie Back for Good sein, mit der sich das Trash-TV Mittwoch (22 Uhr, SWR) selbst auf die Schippe nimmt. Die Wiederholungen der Woche handeln dagegen allesamt von Mördern: Sonntag (20.15 Uhr) treibt Die Filzlaus den Profikiller Lino Ventura (mit anschließendem Arte-Porträt) in den Wahnsinn. Heute zeigt der Kulturkanal Hitchcocks letzten Film Familiengrab um eine Hellseherin, die Erben sucht, aber Profikiller findet. Und zwei Stunden später sucht Manne Krug im herrlich staubigen Tatort Schmutzarbeit von 1989 beim RBB einen, genau: einen Profikiller.



Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.