FKA twigs, French 79, Kele

FKA twigs

Wenn ein experimentelles Popalbum wie bei Tori Amos anfängt, ist das für Experimentalpopalbumfans womöglich verstörender als ein Kaossilator beim Bluesrockfestival, aber auch mit dieser Einstiegssequenz wäre mal wieder bewiesen, dass Musik eben mehr Geduld benötigt als die Rausschmeißimpulse der Generation Spotify zulassen. FKA twigs jedenfalls klingt am Anfang echt esoterisch, also – nun ja, nicht so richtig innovativ. Nachdem die britische Soundsammlerin ein paar Takte voran gekommen ist, wird es allerdings außergewöhnlich, versprochen!

Magdalene heißt der Nachfolger ihres preisgekrönten Debüts LP1, und wieder schimmert dieser leicht waldbodenfeuchte Grundsound unter den Samples, Footages, Spielereien hervor. Doch so sehr man sich manchmal an Kate Bush im binären Fieberwahn erinnert fühlt, so ergreifend ist die klangliche Vielfalt der neun Tracks, die hörbar von Digitalfreaks wie Skrillex, Future, Nicolas Jaar produziert wurden. Gut, manchmal nervt das Melodrama in FKA twigs’ Stimme; aber die Konstruktionen dahinter sprühen vor lauter Wahnsinn.

FKA twigs – Madeleine (Young Turks)

French 79

Über French House ist, seit Daft Punk, Kid Loco, Air oder Cassius vor einem Vierteljahrhundert aus zappelig elektronischer Musik geschmeidig elektronische Musik gemacht haben, schon so viel – oft auch dummes Zeug – erzählt worden, dass niemand mehr genau weiß, was genau French House eigentlich sein soll. Simon Henner weiß es ziemlich genau. Und hat sich deshalb vorsorglich French 79 genannt, was eines der nachhaltigsten Jahre des Pop (Specials! HipHop!! Bobby Brown!!!) im Titel trägt und auch sonst die Messlatte angemessen hochhängt. Eine Messlatte, die Joshua LP buchstäblich spielend überspringt.

Der Nachfolger des eher mäßig beachteten Debütalbums Olympic verirrt sich nämlich so herrlich gedankenverloren in synthetisierter Nostalgie, dass diese Art French House eher an den New Wave der frühen Achtziger erinnert und dabei dennoch fröhlich durch die Electronica der Gegenwart spaziert. Einerseits wühlen sich ja andauernd brummbassige Orgeln, elegische Streicher und Bontempi-Tupfer durch Simon Henners Flokatiteppich; zugleich sorgen elegante Frauenvocals und ein dezent treibender Four-to-the-Floor-Beat allerdings für zeitgenössische Energie – und zwar endlich mal ohne HipHop-Avancen. Wehmut zum Tanzen.

French 79 – Joshua LP (Alter K)

Kele

Wer es schafft, ein Ausnahme-Projekt wie Bloc Party, nein – natürlich nicht vergessen, aber doch zur Randepisode einer Musikbiografie zu machen, der muss fürwahr Großes in sich tragen. Kelechukwu Rowland Okereke jedenfalls hat sich bereits 2010 von seiner damals irre erfolgreichen Britrockband teilemanzipiert und erzeugt seither unterm Vornamenskürzel Soloplatten, die jede für sich etwas Eigensinniges hinterlässt, dem man Bloc Party dank Keles Stimme natürlich anhört, aber ohne davon erdrückt zu werden. Das gilt auch und gerade fürs neue Album mit dem futuristischen Titel 2042.

Nach seinem vollakustischen Vorgänger Fatherland erweitert der Londoner aus Liverpool sein Repertoire um eine Art ethnisch angehauchten Emolectropop, der alles Gute von Bloc Party in alles Bessere des Enddreißigers Kele integriert: lässige Gitarrenslaps, erzählerischen Sprechgesang, cheesigen Experimentalsoul, quirligen Retrowave, gelegentlich gar hardcoreverzerrte Riffs, die sich in My Business mit verschrobener Kapitalismuskritik mischen. Das ist nicht immer leicht verdaulich, weckt aber die Hoffnung, dass Kele als nächstes ein technoides Bigband-Metal-Album macht. Es dürfte grandios werden.

Kele – 2042 (KOLA Records)



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