Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)

 



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