Doppelpässe & Rampensäue

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. November

Wenn sich die Mächtigen vom Penthaus unter den Wolken ins soziale Tiefgeschoss begeben, empfindet der Pöbel das oft als Anteilnahme oder schlimmer noch: Ehrerbietung. Man konnte das gut am – na ja, relativ reichen, verglichen mit Bayern München aber bitterarmen Thomas Helmer sehen, als Uli Hoeneß beim Doppelpass auf Sport1 anrief, um mehr Respekt für den FCB einzufordern. Während seine Majestät Uli I. am Telefon teils namentlich die Talkrunde des Moderators beschimpfte, reagierte Helmer mit einer Zahnlosigkeit, die andere Speichelleckerei zum revolutionären Akt macht. Der Kotau gipfelte darin dass Hoeneß eine Einladung zur nächsten Sendung mit den Worten quittierte, das käme drauf an, „welche Qualität sonst noch eingeladen wird“, worauf der Ex-Bayer buckelte: „Wir sind bemüht und lernfähig.“

Obwohl er damit vor laufender Kamera seine eigenen Gäste beleidigte, ist von Eigenkritik des Senders nichts überliefert. Schöne neue feudale Welt des Sportjournalismus, in der es statt Gesprächs- nur noch Geschäftspartner gibt… Ob sich das ändert, wenn der Haushaltsausschuss des Bundestags ab 2020 die Zustellung von Tageszeitungen mit bis zu 40 Millionen Euro subventioniert, bleibt da ebenso abzuwarten wie die Folgen von Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit auf Inhalte der Berliner Zeitung, die der verlegerische Quereinsteiger kürzlich erworben hat. Tatsache aber ist, dass Medien, insbesondere am Bildschirm und nicht nur im Fußball, ein Problem mit Alphatieren haben.

Beispiel Pro7. Das Travestie-Casting Queen of Drags geht dort zwar weit verantwortungsvoller mit Diversität um als befürchtet, nicht aber Jurychefin Heidi Klum, der es auch in dieser Show um eins allein geht: ihren Kontostand.  Das teilt sie allerdings mit den ganz großen Unterhaltungs- und Techkonzernen, die nun auch im Streaming mitmischen. Wobei die erste AppleTV-Serie For All Mankind um sexy Astronautinnen im Space Race mit Russland fast noch flacher ist als die Schmonzette The Morning Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon an gleicher Stelle. Zumindest qualitativ dürfte das Platzhirschen wie Netflix also kein Kopfzerbrechen bereiten.

Die Frischwoche

18. – 24. November

Im Gegensatz dazu, was Vox abermals mit vergleichsweise wenig Geld, aber viel Chuzpe zustande bringt. Ab Mittwoch spielt Jasna Fritzi Bauer für die Kreativschmiede von RTL eine verkrachte Schauspielerin von 30 Jahren, die dank ihrer kindlichen Optik als Undercover-Cop in einer Schule eingesetzt wird. Rampensau ist von der ersten Minute an so hingebungsvoll inszeniert, gefilmt, vor allem aber gespielt, dass man von der vielschichtigen Geschichte um Männermacht und Frauenrevolte kaum genug kriegen kann.

Das Gegenteil gilt für die Agenten-Serie West of Liberty, in der Wotan Wilke Möhring ab Sonntag im ZDF sechs Folgen lang als verkrachter DDR-Spion ein Nachwendeleben als bester Gast seiner billigen Kneipe mit der Jagd nach einen Whistleblower (Lars Eidinger) auffrischt. Das ist auch dank der beiden Hauptdarsteller noch nicht mal schlecht gemacht, aber so konventionell, dass es vom Bildschirm staubt. Nichts anderes hätte man auch von der ARD-Reihe Bonusfamilie erwartet. Doch das Frauenteam um Regisseurin Jana Filip inszeniert ab Mittwoch nach schwedischem Vorbild eine Patchworksituation, die zwar sehr seifig beginnt, ein wenig klischeehaft bleibt, aber mit zunehmender Dauer Eigensinn und Würde der Figuren wahrt.

Wenn die ARD von beidem auch im Entertainment Restbestände hätte, würde sie sich die Übertragung des Bambi am Donnerstag sparen. So aber schenkt sie dem Regenbogenverlag Burda abermals drei Stunden Werbung in der werbefreien Zeit. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen Hermann Vaskes Doku Why we are creative ansehen, wo 3sat heute um 22.25 Uhr dem Antrieb künstlerischer Gestaltungskraft nachspürt. Ebenfalls sachlich sehenswert: Kleine Germanen, womit Arte tags drauf um 20.15 Uhr Kinder in der rechtsextremen Szene beobachtet, denen ein spezielles Comeback gewiss besser täte als Nazi-Propaganda: 28 Jahre nach der letzten Originalfolge und weitere 32 nach der ersten des Sandmännchens kehrt die DDR-Legende Pittiplatsch am Donnerstag in die Vorschulsendung zurück.

Ähnlich lang her ist die erste Wiederholung der Woche, wobei Joseph Vilsmaiers Versuch, die Schlacht um Stalingrad 1993 schonungslos nachzustellen, in einer dubiosen Wehrmachtsexkulpation endet, die man sich Dienstag (20.15 Uhr) irritiert auf Nitro ansehen kann. Noch älter ist die schwarzweiße Wiederholung Der Vagabund und das Kind, Charlie Chaplins erster Langfilm von 1921 (Mittwoch, 21.40 Uhr, Arte. Und der Tatort Ausgelöscht blendet Dienstag (20.15 Uhr, BR) ins Jahr 2011 zurück, als Bibi Fellner (Adele Neuhauser) noch die neue Assistentin von Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) war.



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