Freiwald & ISIS-Front

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. November

Fernsehen, das sind zunächst mal Bilder und dann erst Töne, Sound und Stimmen. Wenn von letzteren eine für immer verstummt, könnte das also kaum der Rede wert sein. Das ist es aber nicht – sofern sie jemandem wie Walter Freiwald gehört. Sein ulkiges Organ aus dem Hintergrund belanglos ulkiger RTL-Shows hat die Hochphase des Privatfernsehens schließlich so geprägt wie Tutti Frutti, heiße Stühle oder Softpornos zur Nacht. Schon lange allerdings, bevor er in der vorigen Woche nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist, hatten die anfangs so umwälzenden Kommerzkanäle viel ihrer Innovationskraft verloren.

Heute gibt es zwar kreative Ausreißer; die aber finden vornehmlich bei kleineren Ablegern wie Vox oder Pro7 statt, während von Sat1 und RTL kaum noch neuer Inhalt zu hören, geschweige denn sehen ist. Wo deren Kernkompetenzen jetzt liegen, hat die Verleihung der Eyes & Ears Awards vor acht Tagen gezeigt. Insgesamt 44 dieser Preise haben allein die drei Sender mit RTL davor abgeräumt, davon 21. erste Plätze. Die Prämierten vom Bachelor über Love Island bis Krasse Schule zeigen aber schon, dass sie eher keine ganz so hellen Ruhmesblätter sind – bei E&A geht es schließlich vor allem um „Design, Promotion, Marketing“, also die Fähigkeit, mit visuellen Reizen viel Geld zu machen.

Diese Konkurrenz haben ARZDF also womöglich weniger im Blick als die der inhaltlich starken Streamingportale, wenn sie wie angekündigt nun ihre Mediatheken besser verlinken – wenngleich zunächst mal nur im Browser, nicht auf den Apps. Und auch nur für ausgewählte Sendungen wie Weltspiegel oder heute-show. Ob das auch fürs Neo Magazin Royale gilt, wird sich erst noch zeigen. Wer allerdings Jan Böhmermanns halbstündige Abrechnung mit dem Entnazifizierungsversuch der völkermörderischen Hohenzollern-Kaiser gesehen hat, weiß spätestens jetzt, dass er längst zu den politisch wichtigsten Moderatoren Deutschlands gehört.

Die Frischwoche

25. November – 1. Dezember

Interessanterweise gilt das auch für einen, den man in dieser Reihe weniger erwarten würde: Thilo Mischke. Seit ein paar Jahren reist der risikofreudige Journalist für seine Presenter-Reportagen Uncovered in Krisengebiete rund um den Globus. Und dafür räumt Pro7 Dienstag nun sogar die Primetime frei, wenn Mischke Deutsche an der ISIS-Front in Syrien und Irak aufspürt. Das ist natürlich oft aufdringlich pseudonaiv, nähert sich dem Konfliktherd aber mit einer spürbar glaubhaften Empathie und ist damit echt gutes Infotainment. Dass dies auch für Arte gilt, bedarf zwar keiner weiteren Erwähnung; aber die ungeheuer aufrüttelnde Langdoku Wie krank ist Homo-Heilung über den Irrsinn heteronormativer Machtausübung muss hier trotzdem extra hervorgehoben werden.

Abgesehen von Staffel 2 der Provinzpolitikposse Hindafing, die Dienstag (20.15 Uhr) von Arte zum BR wechselt, oder der exzellenten Sky-Serie Der Pass, in der Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek Sonntag ab 10 Uhr in der Mediathek und um 22.15 Uhr im ZDF einen Ritualmörder durchs Gebirge jagen, spielt die fiktionale Musik bei Portalen statt Sendern. Etwa mit dem Familiendrama Zeit der Geheimnisse, in dem Christiane Paul und Corinna Harfouch drei Filme lang die Weihnachtszeit zum Selbsterfahrungstrip machen. An selber Stelle läuft ab Mittwoch nach oscartauglicher Kinokurzauswertung Martin Scorseses Mafia-Meisterwerk The Irishman mit de Niro, Pacino, Joe Pesci als, nun ja, de Niro, Pacino, Joe Pesci.

Tags drauf startet auf der Pro7-Plattform joyn der achtteilige Liebesthriller The Pier von Haus des GeldesShowrunner Álex Pina, was beim Amazon-Kanal Starzplay am Freitag mit zehn Folgen der Zukunftsdystopie The Feed beantwortet wird. Und heute bereits startet die düstere Fantasyserie His Dark Materials auf Sky. Wenn das ZDF dieser Serienflut ab Sonntag das plätschernde Remake der Trapp-Familie entgegensetzt, ist also eigentlich schon alles gesagt über anstehende Programm – bis auf die Wiederholungen der Woche.

Für die sorgt auch mal Amazon Prime mit allen 80 Episoden des bellizistischen Achtzigerjahre-Klassikers Airwolf. Außerdem natürlich Arte, das heute um 20.15 Uhr Fred Zinnemanns legendären Schwarzweißwestern High Noon von 1952 mit Gary Cooper als Einzelkämpfer wiederholt. Viel jünger, aber nicht viel weniger gut: das zeitgenössische Soziogramm Du bist dran (Freitag, 21.45 Uhr, One) in dem Mann (Lars Eidinger) wie Frau (Ursina Lardi) 2013 an moderner Rollenverteilung scheiterten. Und heute um 21.45 Uhr kann man sich Uwe Jansons Tatort aus der Pharmabranche Schleichendes Gift mit dem Hauptstadtteam Ritter/Stark von 2007 nochmals im RBB ansehen.



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