Hohe Hacken & Zwei Päpste

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Dezember

Fernsehfußball, das war mal die Zusammenfassung dreier Samstagsspiele in der Sportschau, alle zwei Jahre EM- oder WM-Partien mit deutscher Beteiligung, dazu Finalrunden im DFB- und Europapokal – das war’s am Röhrenbildschirm. Und heute? Zählt die Übertragung jeder Minute aller Wettbewerbe wie Wasser, Brot und Strom zur Grundversorgung. Allerdings zu Luxusgüterpreisen. Nur so ist zu erklären, dass fürs milliardenalimentierte ZDF beim Wettbieten um die Champions League nur die zeitnahe Zusammenfassung der übrigbleibt. Doch was heißt nur…

Aus öffentlich-rechtlicher Sicht ist es erstaunlich, dass überhaupt etwas von der Eliteliga frei zugänglich bleibt. Schließlich hat selbst der grenzenlos kaufkräftige (kauft nicht bei) Amazon-Kanal Prime im Poker mit dem neureichen Portal DAZN nur ein Dienstagsspiel abgekriegt, während der Platzhirsch Sky sogar ganz leer ausging. Die Transferperiode der späten Neunziger, als Fußball noch mehrheitlich ein Sport, kein Shareholder-Investment war, ist demnach genauso vorbei wie die Zeit der SMS.

Voriges Jahr nämlich, so erklärte die Bundesnetzagentur, haben die Deutschen insgesamt 8,9 Milliarden Kurznachrichten verschickt. Klingt viel, waren aber 14 Prozent weniger als 2017 und damit so wenig wie zuletzt 1999, als Simsen noch nicht im Duden stand und überhaupt einiges in der menschlichen Kommunikation anders war, was keineswegs gleichzusetzen ist mit „schlechter“. Seinerzeit nämlich rückten Reklame und Fiktion gerade ab vom Leitbild der Hausfrauenehe, weshalb Männer plötzlich die Wäsche und Frauen Karriere machen durften.

Schöne emanzipierte Zeit.

Wenn man nämlich heute fernsieht, regiert wieder das Klischee fürsorglicher, attraktiver Frauen, die – falls sie doch mal beruflich Erfolg haben – wie die weiblichen Charaktere der ARD-Filme Der König von Köln oder Der beste Papa der Welt selbst im Wald- und Wieseneinsatz High Heels tragen, was angesichts beider Charaktere so realistisch ist wie Badelatschen im Schützengraben und den reaktionären Standard deutscher Mainstreamunterhaltung gut zum Ausdruck bringt: Frau hat in jeder Lebenslage attraktiv zu sein. Fertig.

Die Frischwoche

16. – 22. Dezember

In einer Zeit, die geständige Pussy-Grabber ins Weiße Haus trägt, macht folglich auch Andrea Sawatzki im 4. ZDF-Einsatz der Familie Bundschuh optisch auf Sexbomb, während Axel Milberg als ihr gleichreifer Mann jenseits körperlicher Verfügbarkeit agieren darf. Ähnliches gilt für die ARD-Filme Geschenkt! (Mittwoch) und Harter Brocken (Donnerstag), von RTL ganz zu schweigen, der seine Kandidatinnen am Dienstag ins Finale den oberflächlichen Bachelor in Paradise schickt.

Wie emanzipiert ist es da, am Freitag um 20.15 Uhr auf der Literatur-Verfilmung Das Löwenmädchen auf Arte beizuwohnen, dessen Titelfigur erfolgreich gegen frauenfeindliche Konventionen im Fin de Siècle kämpft. Förmlich umgekehrt wird das reaktionäre Geschlechterverhältnis, wenn Männer in der britischen Komödie Swimming with Men am Donnerstag auf ServusTV aus sozialer Not Wasserballett machen. Nicht ganz so emanzipiert, aber durchaus eindrücklich unter sich sind der Schöpfung vermeintliche Herren in den anderen Filmtipps der Woche.

Allen voran: Die zwei Päpste. Das brillante Biopic von Benedikt XVI. und Franziskus I. entbehrt ab Freitag auf Netflix zwar jeder Grundlage; wie Anthony Hopkins und Jonathan Pryce ihre Stellvertreter Christi jedoch in einen zweistündigen Disput um die Zukunft der katholischen Kirche treiben, ist auch ohne Frauen glaubhaft. Gleich ganz mit sich allein ist Matt Damon zeitgleich auf Pro7 als gestrandeter Astronaut Der Marsianer. Und immerhin einen Mitspieler haben Jürgen Vogel und Franco Nero in der bisweilen unfreiwillig komischen Ötzi-Nachstellung Der Mann aus dem Eis, heute auf Arte.

Das leitet nach dem kurzen Dokumentartipp The Invisible Line, mit dem der Spartenkanal Crime das Zustandekommen der Terror-Dystopie Die Welle skizziert, schon dem Titel nach die Wiederholungen der Woche ein. Zum Beispiel den Historienklassiker Cleopatra von 1963 mit Elizabeth Taylor am Freitag um 22.55 Uhr im BR als ebendie. Und auf gleichem Kanal reist der Tatort am Dienstag zurück in die Ursprünge von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec zum 400. Reihenfall Schwarzer Advent von 1998.



Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.