Aiming for Enrike, The Chap, Mint Mind

The Chap

Warum ein Krümel, wenn man das ganze Brot haben kann, warum ein Keks, wenn man die ganze Konditorei haben kann, warum ein Äffchen, wenn man den ganzen Zoo haben kann, und warum ein Plattenregal, wenn man The Chap haben kann. Wer es in den letzten 20 Jahren nicht bemerkt hat, weil das englische Quintett mittlerweile acht Platten lang unterm Radar allgemeiner Aufmerksamkeit feinen Radau macht: The Chap ist gar keine Band, sondern Dutzende davon. Und jede geiler als die andere.

Da wäre in Bring Your Dolphin, Opener der neuen Platte Digital Technology, ein irisierender Minimal Wave. Da wäre kurz darauf der zauberhafte Noisepop Pea Shore, gefolgt vom experimentellen Inditronic I Am The Emotion, bevor I Recommend You Do The Same in dronigen Psychobeat abdriftet, den das schrille Merch in die Abgründe des Digital Hardcore überführt, wo der Ethno-Alternative Toothless Fuckface den Weg zurück ins Licht weist. Was für ein tolles Krümeläffchenplattenregal.

The Chap – Digital Technology (staatsakt)

Aiming For Enrike

Da ist es nur schwer zu glauben, dass es sogar noch vogelwilder geht. Aber es geht. Etwa beim digitalanalogen Dadapop-Ensemble Aiming For Enrike. Im Kern erinnert das Quartett aus Norwegen zwar ein wenig an das Berlin-Londoner Pendent The Chap, nur dass die Tracks allesamt so wirken, als wären es im Studio ungefähr doppelt so viele gewesen, die man – um kein Doppelalbum machen zu müssen – einfach übereinander gestapelt und leicht hochgepitcht hat.

Was insofern erstaunlich ist, als der Vorgänger von Music For Working Out angeblich noch chaotischer war. Einerseits. Andererseits ist der hochenergetische Elektromathrock strukturiert genug für kontrollierte Bewegungsabläufe im Club und erinnert dabei an den französischen Gitarrenfreak Matthieu “M” Chedid. Auch das geordnete Durcheinander der technonostalgischen Keyboardkanonaden von Erlend Mokkelbost und Simen Følstad Nilsen, denen die Drums von Tobias Ørnes Andersen gehörig Feuer unterm Hintern machen, ist vielleicht wirr, aber nie verwirrend. Ein fabelhaftes Album zum Durchdrehen.

Aiming For Enrike – Music For Working Out (Pekula Records)

Mint Mind

Dagegen wirken Mint Mind fast schon geerdet – was einiges heißen will. Auch das Nebenprojekt des rührigen Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail ist ja weiter von gewöhnlich entfernt als Helene Fischer von kreativ. Dennoch wirkt der oberflächlich konfuse Psychorock auch auf dem zweiten Album seiner Drittband untergründig vielfach sorgsam ausgefeilt. Tief in der Geschichte des DIY-Garagensounds zwischen Seattle und New York verwurzelt, gibt es von Thoughtsicles demnach satt aufs Trommelfell.

Geschreddert von McPhails halligen Alltagserzählungen aus dem Hallraum urbaner Disruptionen von zu viel Schnaps (Alcoholicity) bis zu wenig Verbindlichkeit (Love A Good Queue) und noch viel zu viel weniger politische Kultur (A Road Best Traveled), sägt sich das Tio aus Hamburg zurück in den Surfrock der Sixties und über den Punk der Siebziger zurück zur Gegenwart, wo das alles ungemein frisch, aber angemessen angepisst klingt.

Mint Mind – Thoughtsicles (Upper Rooms)



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