Silbereisen: Schlagershow & Lächelfassade

In Florians Spaßhölle

Wenn Florian Silbereisen wie jedes Jahr um diese Zeit zu den Schlager-Champions im Ersten lädt, macht die Wahrhaftigkeit kurz Pause, aber genau damit Millionen von Menschen bis zur Verzückung glücklich. Ein Ortsbesuch unter Klatschpappen, Schnulzenstars und Mienenspielen im ausverkauften Berliner Velodrom.

Von Jan Freitag

Das Land des Lächelns – samstagabends im Ersten liegt es öfter mal fernab von Japan. Genauer: im Berliner Velodrom, wenn sich darin wie jedes Jahr Anfang Januar die Schlagerelite trifft. Hier lächeln alle, hier herrscht der Frohsinn, hier ist auch dessen König zuhause: Florian Silbereisen. Umso erstaunlicher ist es da, wenn er mal nicht lächelt. Dann nämlich, wenn ein Dutzend Kameras an Drähten, Kränen, Männerhänden kurz nicht auf ihn samt seiner Bombenlaune gerichtet ist, sondern auf einen seiner vielen Schlager-Champions.

So heißt das denkbargrößte Defilee der richtig leichten Muse im öffentlich-rechtlichen Programm. Und mittendrin wie so oft Florian Silbereisen, Deutschlands Unterhaltungswerktätiger schlechthin – auch wenn die meiste Arbeit hier, im Plattenbauosten der Hauptstadt, seit
Tagen andere machen. Hunderte von Technikern und Ausstattern, Showgestaltern und Security-Schränken, Klatschpappenverteilern und natürlich die Planeten des blonden Zentralgestirns der Volksschlagerbranche von A wie Andrea Berg bis Z wie Ben Zucker.

Während der Flori knappe drei Stunden vorm Großen Fest der Besten kurz mal mit bierernstem Blick sein minutenschnell ausverkauftes TV-Reich inspiziert, spucken blickdicht verblendete Luxuslimousinen den Hofadel des LED-Königs in die Tiefgarage vom Velodrom. Matthias Reim kommt mit Sohn, DJ Ötzi mit Kippe, Stefan Mross mit Braut, Andrea Bocelli mit Hund, Lucas Cordalis mit Katze(nberger) und absolut alle mit der Fähigkeit, auf dem Roten Teppich ein Betonlächeln unters Makeup zu tackern, das im perlweiß im Blitzlichtgewitter von drei Dutzend professionellen und der doppelten Anzahl Hobby-Fotografen strahlt.

So geht das Prozedere Benz für Benz von einer Jagdfanfare eines Spielmannszugsangekündigt fast in Traumschiffepisodenlänge weiter. Auf Howard Carpendale folgt Kerstin Ott  folgt Thomas Anders folgt Mary Roos folgt Roland Kaiser folgt Marianne Rosenberg folgt Semino Rossi alles, was Schlagerrang und Namen hat in eine Monsterhalle, die derweil vom versierten Warmupper Kevin vorgeheizt wird. Dabei braucht die Mehrzahl der 9533 zahlenden Besucher spätestens nach der zweiten Maß Berliner Kindl für 11 Euro vielleicht nüchterne Fahrer nach dem Abpfiff, aber kaum Motivation zum Abdrehen. Die Stimmung ist schon lange vorm Anpfiff so siedend, dass es den Flori kaum noch gebraucht hätte zum Anheizen. Aber dann kommt er doch und brüllt euphorisch „Wie geil ist das denn?!“ ins Meer ulkiger Hüte und leuchtender Brillen auf Menschen wirklich aller Alters- und immerhin einigen der sozialen Schichten mit erstaunlicher Tätowierungsdichte.

Wann die Partymeute zu klatschen habe („sobald ich raufkomme“) und wann besser nicht („wenn ich runtergehe“), gibt er ihnen noch bis zum kollektiven Countdown mit auf den Weg – dann herrscht plötzlich: Stille.  Volle fünf Minuten, am Ende der „Tagesschau“ vermutlich gerade vom Bericht über die australische Buschbrandhitze bis zum Winterfrühling  swetter daheim. Temperaturmäßig dazwischen explodiert dann physisch wie emotional endlich ein gewaltiges Feuerwerk, als Silbereisen zur Schlagersause brüllt und dabei ohne jeden Zweifel in seinem Element ist.

Er wird sich fortan volle 200 Minuten auch ohne Teleprompter kaum verhaspeln und dennoch nichts von Bedeutung sagen. Er wird die Stimmung der Zuschauer ringsum der kruzifixförmigen Bühne spüren wie ein Seismograph und bis hoch in die rappelvollen Oberränge Frohsinn verbreiten. Er wird Mailfragen der Fans verlesen und über jede Antwort lachen. Kurzum: Er wird die perfekte Illusion einer impulsiven Veranstaltung liefern, an der viele Hundert Handlanger so eingehend gefeilt haben, bis vom kleinsten Licht bis Ross Anthonys Tränen nach dessen Ode an den verstorbenen Vater nichts dem Zufall überlassen wird.

Als das Publikum an der richtigen Stelle von Giovanni Zarellas Version des Mitgröl-Songs Wahnsinn kollektiv den Refrain nachsingt, erfahren die Fernsehzuschauer also nicht, dass die in der Halle den Einsatz zuvor sorgsam geübt hatten. Und als Florian Silbereisen Andreas Gabaliers Bruder fragt, ob er den Berlinern in aller Schnelle das Jodeln beibringen könne, hat Kevin natürlich auch das eingeübt, aber hey: wenn Roland Kaiser von einer leibhaftigen Band begleitet schmachtet, er wolle „mit offenem Herzen der Wahrheit ins Auge sehen“, geht es hier um alles, aber sie gewiss nicht. Es geht um Gemeinschaft in Luftschlössern, die Stefan Mross bald mit seiner zukünftigen Frau bewohnt, der er bei Silbereisens Adventsfest der 100.000 Lichter bestimmt völlig unvorbereitet einen Heiratsantrag gemacht hat.

Und jetzt? Stehen die zwei Turteltauben beim Flori auf der Bühne und versichern sich geigenumflort ihrer ewigen Liebe – wobei dem Moderator nur darum die Mimik gefriert, weil sich die Kameras dem Sturm zweier Windmaschinen im Kleid von Stefans Zukünftiger widmen. Klingt zynisch? Ist es auch! Aber eben auch Showbiz at it’s best, bei dem sich der gravitätische Roland Kaiser freiwillig aus dem Rampenlicht schubsen lässt, weil die Pyrotechniker darin halt den nächsten Kracher vorbereiten. Eine gutgeölte Spaßmaschine, in der zwar jeder Text auf riesigem Laufband mitläuft, aber niemand hinsieht, weil vom Teeny bis zum Greis eh alle alles auswendig können. Alles.

Am Ende gipfelt die Glückseligkeit im Medley von Andrea Berg, das ein blasser Mittelstufenschüler am Bühnenrand mitsingt als sei es globaler Pop – dann stürmen all die Besten nochmals das gigantische Bühnenkreuz unterm gigantischeren Hallendach und es ist wieder vorbei. Spots aus, Licht an. Auch Floris Lachen stirbt in Echtzeit, als sei nichts gewesen. Bis Mitte März zumindest, wenn er – wie sein melodramatisches Tremolo locker fünfmal verkündet hatte – erneut die ARD-Bühne stürmt und lacht und scherzt und fragt und kumpelt und singt und mit alldem nur aufhört, falls niemand hinsieht. So ist das Spiel. Im Berliner Velodrom, Samstagabend, ARD-Primetime, spielt es jeder gerne mit.



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