Hans Sigl: Bergdoktor & Gossipgeschichten

Operetten mag ich sehr

Anfang des Jahres begann die 13 Staffel Der Bergdoktor. Stets dabei: Hans Sigl (Foto: Erika Hauri/ZDF), steirisches Mannsbild von fast zwei Metern, der seit 2008 am Bildschirm praktisch nur in seiner Alpenpraxis zu sehen ist. Ein Gespräch mit dem 50-jährigen Schauspieler über leichtes Fernsehen und schweres Theater, blutige Operationen und ob er nach 121 Folgen in derselben Rolle noch immer Lust auf seinen Martin Gruber hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Sigl, was halten Sie vom Titel „Quotenkönig“, den Ihnen in die Medien oft verleihen?

Hans Sigl: Ich finde die Wortkombination seltsam. Insofern ist er mir sehr fremd.

Wird im Gegensatz dazu aber auch anerkennend verwendet – wenngleich quantitativ.

Das ist der Punkt. Ich freue mich stets über gute Quoten, weil uns dann viele Menschen zugeschaut haben. Aber daraus einen Wert über die Qualität hinaus zu machen, liegt mir fern.

Erreichen Sie denn lieber viele Menschen mit weniger Anspruch oder wenige Menschen mit mehr?

Ach, im Künstlerherz schlagen doch stets beide Seelen. Ich spiele im Theater ebenso gern auf samstags der großen Bühne vor vollem Haus Musicals wie Donnerstagnacht ein Ibsen-Stück im kleinen Studio. Dasselbe gilt fürs Fernsehen; auch da hat beides seine Berechtigung, seinen Wert – zumindest sofern es gut gemacht ist. Die leichtesten Stücke sind oft am schwersten zu spielen. Operetten zum Beispiel, die ich sehr mag.

Hat der vermeintliche Gegensatz von leicht und schwer, Masse und Klasse auch damit zu tun, dass erstere einfacher zu erreichen ist – etwa wenn beim Bergdoktor stets die Sonne überm Gipfel strahlt und Mutti zuhause das Frühstück macht wie in der angeblich guten alten Zeit?

Das ist eine Frage der Mischung von Bildsprache und Dramaturgie. Während die Kombination Bergformat plus Quote im Feuilleton reflexartig zur Ablehnung führt, bemüht man sich als Schauspieler umso mehr, dieser Art Unterhaltung Qualität zu entlocken. Natürlich geht es von der Figurenzeichnung bis zur Optik immer noch mutiger. Aber der Bergdoktor ist nun mal eine Familienreihe, also für alle Altersgruppen und Schichten gemacht. Ein sogenanntes Well Made Play.

Bedingt das einen eher konservativen Ansatz, bei dem die Familie so über allem steht, dass ein ungewollt schwangerer Teenager zum Start der neuen Staffel nie infrage stellt, das Kind zu kriegen?

In mittlerweile 121 Folgen variiert das von Geschichte zu Geschichte und Regisseur zu Regisseur, hätte in anderen Episoden also auch anders ausgehen können. In diesem Fall ist es in der Tat ein traditionelles, eher ländliches Modell der Familienplanung. Aber glauben Sie mir: ich kämpfe durchaus für modernere, eher städtische Perspektiven. Und manchmal gewinne ich, manchmal gewinnen andere.

Liegt es demnach an Ihnen, dass sich beim Bergdoktor im Gegensatz zum restlichen Genre der Himmel schon auch mal zuzieht?

Ich hoffe schon, aber den Anspruch hatte die Serie von Beginn an. Natürlich kann man immer noch radikaler werden, aber es gibt halt Formatgrenzen, die das ZDF am Donnerstag nicht so überschreiten darf wie Solo für Weiß am Montag, wo es auf fast unerträgliche Art um Kindesmissbrauch ging. Würden wir in jeder Folge drastisch über Krankheit, Tod und Abgründe erzählen, hätten wir definitiv weniger Erfolg. Und ehrlich: Anfangs haben wir öfter mal blutige Operationsszenen gezeigt; das möchte ich als Zuschauer auch nicht immer sehen.

Zumal so was schnell selbstreferenziell wird wie in Game of Thrones, wo Feinde lieber gehäutet werden als einfach nur getötet…

Und deshalb erzählen wir lieber emotional als alles explizit zu bebildern. Umso mehr stört es mich, dass Kritiker gar nicht so sehr uns, sondern das Genre kritisieren. Denn so harmonisch geht es bei uns gar nicht zu.

Im Vergleich zu Ihrem Privatleben mit Frau und Kindern geht es bei Martin Gruber im Gegenteil sogar ziemlich durcheinander zu.

Genau so kann man das beschreiben. Zwinkersmiley.

Gibt es überhaupt Ähnlichkeiten zur Serienfigur, die Sie seit 2008 spielen?

Als Österreicher bin ich verglichen mit deutschen Kollegen vermutlich eher ein Bauchmensch mit einer gewissen Gemütlichkeit, aber auch Grantigkeit, der nicht „und wie geht es dir, mein Schatz“ fragt, sondern einfach „was is?!“. Davon steckt eine Menge im Martin; weil ich nun mal so bin, aber auch, weil die Figur in mittlerweile 121 Produktionseinheiten, wie man einzelne Folgen so schön nennt, aus meiner Sicht ganz gut funktioniert.

Haben Sie nach so langer Zeit nicht manchmal die Schnauze voll von ihr?

Nein, dann könnte ich es ja nicht machen.

Na ja, als Dienstleister am Publikum könnten Sie auch einfach deren Bedarf befriedigen oder einfach vertraglich noch länger gebunden sein?

Emotionale Dienstleitung bearbeite ich schon in meinem Kabarettprogramm. Nein, ich muss von jeder Rolle emotional berührt sein, um mich und andere dafür zu motivieren. Dienst nach Vorschrift funktioniert bei mir nicht. Und um mal was ganz anderes zu machen, hab ich gerade den Actionthriller „Flucht ins Höllental gedreht.

Und – Adrenalin geleckt?

Schon ein bisschen, deshalb wollen wir das vielleicht fortsetzen. Als Schauspieler will man ja grundsätzlich Genres wechseln. Deshalb würde ich zum Beispiel gern Komödien drehen. Andererseits freue ich mich nach dem Winterspecial des Bergdoktors im Frühjahr oft schon Wochen vor Drehbeginn darauf, dass es im Juni wieder losgeht.

Und in der Zwischenzeit stehen Sie auf der Kabarettbühne?

Unter anderem, ja. Grundsätzlich findet die Bühne aber auch parallel zum Drehen statt. Obwohl das im Grunde zwei ganz verschiedene Berufe sind.

Nicht bloß verschiedene Ebenen desselben Berufs?

Eigentlich nicht, aber bei mir trifft das offensichtlich insofern zu, als es Regenbogenjournalisten gibt, die Passagen meines Kabarettprogramms dafür benutzen, Gossip-Geschichten über mich zu schreiben. Dieses Verschmelzen von beruflicher und privater Figur ist echt irre. Und spornt mich zu neuen Dingen an. Man darf gespannt sein.



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