Bjarne Mädel: Ernie, Schotty & ein Manager

Auch ein Banker hat Gefühle

Kaum ein Schauspieler hatte es schwerer als Bjarne Mädel, sich von beharrlichen Rollenklischees zu lösen. Sein Banker im ZDF-Melodram Tage des letzten Schnees zeigt: es ist ihm gelungen. Ein Interview über Mittelschichtsfiguren, Realitätsvortäuscher und wie er mal auf einen Hütchenspieler reingefallen ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bjarne Mädel, sind Sie selbst schon mal reingelegt worden wie Ihre Filmfigur Markus Sellin?

Bjarne Mädel: Nicht in dem Ausmaß, aber als ich vor vielen Jahren nach Berlin gekommen bin, hab ich den Fehler gemacht, Hütchenspielern auf den Leim zu gehen. Nachdem ich denen eine Weile lang von der anderen Straßenseite aus zugesehen hatte, war ich mir so derart sicher zu gewinnen, dass ich danach 50 Mark verloren habe. Seither bin ich nicht mehr so richtig betrogen worden.

Wobei Schauspielerei selbst als kleiner Betrug gilt…

Sagt man so, ja. Ich würde allerdings eher von Realitätsvortäuschung reden.

Kriegt man als berufsbedingter Realitätsvortäuscher ein anderes Sensorium für echte Betrüger?

Nicht so sehr, wenn es um Tricksereien geht. Aber wenn mir jemand eine Stimmungslage nur vorgibt, merke ich das auch deshalb oft relativ schnell, weil ich es ebenfalls gelernt habe, Gefühle künstlich herzustellen.

Sind Sie dadurch auch privat in der Lage, anderen emotional einen Bären aufzubinden?

Nein, das sind zwei verschiedene Welten. Zumal es mir auch im Schauspiel nicht darum geht, mich zu verstellen. Meine Figuren sind mir vielfach emotional sehr nah.

Wobei Ihnen der Banker Sellin verglichen mit vielen Ihrer Charaktere seltsam fern wirkt…

Der Mensch war mir nicht fern, nur seine Arbeitswelt; da gibt’s ja auch tatsächlich überhaupt keine Berührungspunkte – was schon beim Anzug oder der Lebensweise anfängt. Beides ist allerdings nur Teil seines beruflichen Umfelds. Die Privatperson mit all ihren Problemen ist mir dann wieder gar nicht so fern. Auch ein Banker hat ja Gefühle!

Fällt es Ihnen dennoch leichter, untere Mittelschicht wie Der kleine Mann, Mord mit Aussicht oder Stromberg zu spielen?

Ich fühle mich meinem Tatortreiniger zwar irgendwie verbundener als einem leitenden Angestellten, für die Intensität des Spiels macht das aber keinen Unterschied. Die Konzentration aufs Spiel ist einfach Teil meines Berufs. Ich bin ja nicht zufällig vor der Kamera gelandet und zum Glück nicht deckungsgleich mit den Figuren, die ich spiele.

Aber trotzdem wie Schotti HSV-Fan.

Es war von Anfang an klar, dass sich Heiko Schotte als Hamburger Macho mit Goldkette für Fußball interessieren sollte. Regisseur Arne Feldhusen war damals eher für St. Pauli, ich für den HSV – aber Pauli wird ja von Axel Prahls Kommissar Thiel im Tatort als Fan schon gut am Fernseher vertreten, auch deshalb haben wir uns für den größeren Traditionsverein Hamburgs entschieden. Dass ich HSV-Fan bin, hat es mir leichter gemacht, das glaubhaft zu vertreten, aber darum geht es echt nicht.

Sondern?

Es geht darum, was für die Geschichte richtig und stimmig ist, nicht was mir privat lieber ist. Natürlich gibt es Figuren oder Lebensumstände, die einem persönlich näher sind als andere. Ich habe zuletzt etwa in Der Überläufer einen Soldaten gespielt, ohne jemals beim Bund gewesen zu sein. Ich kann mich aber natürlich dennoch in seine Not hineinversetzen, auch wenn mir der Umgang mit einer Waffe nicht so vertraut ist. Ich habe durchaus innere Widerstände gegen allzu erfolgreiche Typen, aber einfach nur weil ich es langweiliger finde, sie zu spielen, wenn sie keine Abgründe haben.

Folgt Ihre Rollenauswahl dem Bedarf, sich von Rollenklischees zu emanzipieren?

Ich habe tatsächlich eine Weile aufgepasst. Nach zehn Jahren Stromberg haben alle gesagt, guck mal, da kommt Ernie. Nach sieben Jahren Mord mit Aussicht haben alle gesagt, guck mal, da kommt Dietmar. Nach sieben Jahren Tatortreiniger haben alle gesagt, guck mal, da kommt Schotti. Das waren ja auch alles tolle Sachen, auf die ich sehr stolz bin, aber wenn ich im Theater auf die Bühne komme und jemand fängt an zu lachen, bevor ich angefangen habe zu spielen, oder schlimmer noch, ruft laut Schotti, dann nervt das nicht nur mich, sondern alle. Aber letztlich ist es nur ein Lob für eine Figur, die ich selber ja auch sehr mochte.

Mochten Sie auch diesen Film hier, oder anders gefragt: Würden Sie sich Tage des letzten Schnees auch privat ansehen?

Ja, absolut! Schon allein wegen des tollen Ensembles. Außerdem mag ich die Arbeit von Jan Costin Wagner sehr, der die Romanvorlage geschrieben hat. Er erschafft tolle Figuren, erzählt spannende Krimis, aber eben psychologisch so tiefgründig, dass der Anteil der Polizeiarbeit in den Hintergrund rückt.

Von den Romanen gibt es noch drei. Macht das den Stoff automatisch reihentauglich?

Hätte ich nichts dagegen, aber ohne zu viel zu verraten, bin ich dann ja als Protagonist definitiv raus.



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