Fußballtore & neue Päpste

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. Februar

Wer einst Fußballfan von, sagen wir: Arminia Bielefeld oder Waldhof Mannheim war, musste selbst dann damit rechnen, sein Team praktisch niemals live zu sehen, wenn es ausnahmsweise mal erstklassig war. Bis in die 1990er Jahre zeigte die Sportschau nämlich nur Ausschnitte dreier Partien pro Spieltag, während es von den sechs anderen das Ergebnis ohne Torabfolge oder sonstige Details gab. Dortmund-Köln 1:1 – und damit geben wir ab zur Tagesschau. Das sollte sich kurz in Erinnerung rufen, wer beklagt, dass die Vergabe der Übertragungsrechte auf vier, fünf, wenn nicht gar 25 Anbieter verteilt werden und sowohl ARD als auch Sky, also die Platzhirsche des Fußballs, leer ausgehen könnten.

Der totale Vermarktungsoverkill hat die Herzensangelegenheit Fußball ohnehin längst zur kopfgesteuerten Geschäftsidee verkommen lassen. Wäre Joseph Vilsmaier nicht vorigen Dienstag buchstäblich bei der Arbeit gestorben, vielleicht hätte ihn das Erste ja irgendwann mal mit einem melancholischen Rückblick auf jene Zeit beauftragt, in der Sport noch einfach Sport war. Eine Zeit, in der auch folgende drei Verstorbene in spe noch eine Zukunft hatten: Die BBC, das Fernsehballett und der Blackberry.

Erstere will Boris Johnson in seiner rückgratlosen Pluralismus-Verachtung demnächst zum Abo-Modell umwandeln und damit dem Tode weihen. Zweiteres darf Ende 2020 nicht mehr wie die 30 Jahre zuvor durch alle MDR-Shows tanzen. Letzterer wird ab August nicht mehr hergestellt, womit nicht nur der mobile Internetzugang vorm Smartphone, sondern auch das Statussymbol der Upper-Class – 2013 noch satte 80 Milliarden Dollar wert – endgültig Geschichte ist. Doch während man weder dem Tastentelefon noch ein paar Hupfdohlen vom Dienst lange nachzutrauern braucht, würde das Ende der BBC das der Demokratie beschleunigen.

Die Frischwoche

16. – 23. Februar

Ohne gebührenfinanziertes, also ausschließlich von Clicks und Quoten generiertes Fernsehen, gäbe es statt Journalismus nämlich irgendwann nur noch Entertainment, ergo ulkige Infotainment-Karikaturen à la Galileo, aber gewiss keine seriösen Dokus mehr wie Mord im Konsulat, mit der Arte morgen um 20.15 Uhr den arabischen Staatsmord am regimekritischen Reporter Kashoggi rekonstruiert. Und auch die heutige Geheimmission Tel Aviv (23.30 Uhr, ARD) über ein denkwürdiges Fußballspiel von Borussia Mönchengladbach in Israel vor 50 Jahren fände wohl weder Finanziers noch Zuschauer. Obwohl – für den Umweg ins Seichte braucht es hierzulande keinen Boris Brexit.

Während das Erste die Primetime übermorgen volle zwei Stunden für Düsseldorf Helau freiräumt, tags drauf Kölle Alaaf im Zweiten läuft und Mainz dort Freitag wie immer Mainz bleibt, verbannt der WDR zwei bemerkenswerte Dokus über die fünfte Jahreszeit im Dritten Reich (Karneval mit Haltung und Heil Hitler und Alaaf!) ins Mittwochnachtprogramm ab 23.25 Uhr. Was weiterhin ziehen könnte, sind dagegen Überwältigungsdreiteiler wie Unsere Erde aus dem All, der heute Abend im Ersten geigenumflort zu Ende geht. Und für den Rest? Gibt es Streamingdienste mit ihren schier unendlichen Mitteln.

Sky zum Beispiel zeigt morgen die wunderbare Coming-of-best-Ager-Serie Work in Progress von und mit der amerikanischen Impro-Komödiantin Abby McEnany, die sich als lebensmüde LGBTQ-Ikone achtmal ein wenig selber spielt. An gleicher Stelle wird Donnerstag die hinreißende Pop-Papst-Persiflage The Young Pope mit John Malkovich als The New Pope fortgesetzt. Und (kauft nicht bei) Amazon Prime hat sich Al Pacino als einer jener Hunters gekauft, die tags drauf bildgewaltig Nazis im Jahr 1977 jagen – theoretisch also auch ein paar jener Wehrmachtsverbrecher der Schlacht von Dunkirk, die Christopher Nolan Sonntag um 20.15 Uhr denkwürdig in Szene setzt. Natürlich versetzt durch ein Fünftel Werbung, sonst wäre die Ausstrahlung von Pro7 nicht bezahlbar.

Ach ja – was noch ginge, sind Wiederholungen der Woche wie Kehraus (Samstag, 20.15 Uhr, BR), Gerhard Polts bitterböse Gesellschaftsstudie am Beispiel des Münchner Faschings von 1983, als das Kabarett noch wirklich groß war. 24 Stunden später zeigt Arte dann Dustin Hoffman als Rain Man von 1988, als Hollywood noch wirklich groß war. Und schon heute läuft an gleicher Stelle John Fords Kavallerie-Legende Rio Grande mit dem Rassisten John Wayne, als Helden noch wirklich groß waren. Dazu passt Roger Cormans Drama Weißer Terror mit William Shatner als rassistischer Südstaaten-Politiker der Fünfziger im Anschluss.



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