Schwarze Titelseiten & realistische Teenies

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Februar

Es war schon bemerkenswert, wie kollektiv die Gegenreaktion der gesamten Zivilgesellschaft nach dem faschistischen Anschlag von Hanau war, wie kollektiv ihn aber auch nahezu sämtliche Medien ohne AfD-affine Belegschaft in vielfach bedächtiger Deutlichkeit verurteilt haben. Da blieben ganze Titelseiten schwarz, da ließen Kommentare bis in konservative Redaktionen hinein Null Zweifel an der rassistischen Gesinnung des Attentäters, da herrschte also endlich mal Einigkeit im Umgang mit den Feinden der Demokratie.

Selbst Friedrich Merz schaffte es, sein Ego kurz zu zügeln und forderte, die „Hintergründe dieses rechtsextremen Anschlags müssen jetzt schonungslos aufgeklärt werden“. Natürlich forderte er das auf Twitter. Traditionelle Medien hält der neoliberale Ehevergewaltigungsverteidiger schließlich für überflüssig – so schien es zumindest, als er meinte, Journalisten nicht mehr zu brauchen, was von denen viele sicher ein bisschen bewusst als Ablehnung des Journalismus generell fehlinterpretiert haben.

Merz bezog das allerdings unverkennbar auf politische Meinungsträger selbst, für die soziale Medien in der Tat praktischer sind. Schließlich muss man sich darin nicht mit Lästigkeiten wie Recherche, Fakten, Pluralismus plagen – alles Dinge, die dem Vereinfachungsfuror des Kapitalpopulisten Merz nicht so liegen. Ihm reicht daher ein Sender wie ProSieben, der sich zwar anlassbezogen – nach rechtsextremistischen Anschlägen zum Beispiel – gewissenhaft geben mag, dann aber wieder so ignorant ist, dass die Merzens der Welt fast grün daherkommen.

In seiner neuen Show Alle gegen einen, eine Art LED-Gewitterversion des Familienduells mit Werner Schulze-Erdel, verloste der Plastikkanal am Samstag zum Beispiel ein fossile Dreckschleudern namens Land Rover Evoque, die den Umweltschutz ebenso verachten wie jedes Produkt der episch langen Werbepausen. Damit zeigt er abermals, wie menschverachtend privates TV-Entertainment ist, wenn es nicht gerade Nachhaltigkeit simuliert. Und wie reaktionär, wenn der Moderator praktisch permanent frauenfeindliche Witze macht und zwischendurch wie ein Zehntklässler Alkoholismus im Karneval feiert. Der hat uns übrigens mit einer sensationell kämpferischen Büttenrede des Mainzer Obermessdieners positiv überrascht, in der Andreas Schmitt die AfD unter stehenden Ovationen des kostümierten Publikums zurief: “Ihr werdet uns nie regieren!”. Angesichts des knappen, aber wiederholten Einzugs der nationalsozialistischen Wiedergänger in Hamburg kann man dazu nur sagen: Amen!

Die Frischwoche

24. Februar – 1. März

Trotz der rebellischen Worte vom Freitag, ist es aber keine allzu schlimme Nachricht, dass die ARD heute womöglich nix zu übertragen hat, wenn die Rosenmontagsumzüge sturmbedingt ausfallen. Ein Schicksal, dass der Berlinale nicht droht, wenn 3sat Samstag um 19 Uhr die Verleihung der Bären überträgt, aber gut – Vergleich hinkt. Statthafter ist derjenige deutschen Fiktion zur englischsprachigen. Denn mit I Am Not Okay With This schafft Netflix am Mittwoch so herausragende Coming-of-Age-Unterhaltung in Serie, dass selbst der Mystery-Anteil dieser Geschichte um eine Außenseiterin, die auf Adrenalin Superkräfte entwickelt, realistisch wirkt.

Realistisch will die SyFy-Serie Pandora ab heute nicht sein – geht es darin ab heute auf Sky doch um eine Schar bildschöner Space-Student*inn*en, die im Jahr 2199 die intergalaktische Zivilisation retten. Leider ist der 13-Teiler nach Ansicht des ersten Viertels von solcher Dämlichkeit, dass Raumschiff Enterprise verglichen damit zur Wissenschaftsdoku wird. Ebenfalls abseits der Realität spielt die deutsche Krimiserie Dunkelstadt (Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) mit Alina Levshin als Privatdetektivin Doro Decker die dechs Dolgen dang din deinen decht düsteren Dordfall derwickelt dird. Dann doch lieber Blind ermittelt tags drauf im Ersten.

Nach dem Verlust seines Augenlichts hat es Philipp Hochmair im 2. Fall Die verlorenen Seelen von Wien mit einer Entführung im eigenen Umfeld zu tun hat, was nicht nur dank des Schmähs echt sehenswert ist. Kleine Überraschung am Sonntag im ZDF (Freitag bei Arte) ist die verblüffend vielschichtige Highschool-Komödie Der Sommer nach dem Abitur über drei Schulfreunde um Bastian Pastewka, die sich 25 Jahre später einen einst verpatzten Traum erfüllen – und damit ganz bitterböse ins Chaos stürzen. Vor den Wiederholungen der Woche noch ein Doku-Tipp: Ozeanriesen (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), ein Zweiteiler am Stück über den fortschrittsbesoffenen Gigantismus des frühen 20. Jahrhunderts.

Aus dieser Epoche stammt auch der schwarzweiße Klassiker Das Wachsfigurenkabinett (Montag, 23.25 Uhr, Arte), wo Puppen wie Jack the Ripper 1924 lebendig werden. 1968 entstand Butch Cassidy and the Sundance Kid (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) mit Paul Newman und Robert Redford als Eisenbahnräuber. Der Alt-Tatort heißt Kollaps und zeigt Kommissar Faber (Jörg Hartmann) am Donnerstag (20.15 Uhr, WDR) im Dortmunder Drogenmilieu.



Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.