Öffnungsdiskussionsorgien & Biohackers

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. April

In ihrer 14-jährigen Amtszeit war Angela Merkel selten eine Frau großer Worte. Die Medienrepublik lechzte zwar nach gesprochenen Headlines. Stattdessen bekam sie ihr „Wir schaffen das!“, was 2015 nur deshalb im Gedächtnis haften bliebt, weil es die Neonazis von Pegida bis AfD aufbläht hatten. Jetzt aber sorgte doch mal ein Satz der ewigen Kanzlerin auch links der völkischen Ecke für Wirbel: Öffnungsdiskussionsorgien.

Vor acht Tagen im Koalitionsausschuss geäußert, ist es der umstrittenste Kampfbegriff dieser Krisentage. Betrifft er doch das Wesen demokratischer Kompromissbildung: den Streit. Ihn mit einer solch unglücklichen Formulierung zu diskreditieren, unterhöhlt die Demokratie womöglich mehr als jedes Ausgehverbot. Merkel hier Kalkül vorzuwerfen, springt aber trotzdem auf den Zug populistischer Medien, die sich nichts sehnlicher wünschen als a) kompromisslose Führungskraft, solange sie b) nicht rational, sondern national handelt.

Diesbezüglich kann man der Bild bekanntlich viel vorwerfen: dass sie bis zur Selbstverleugnung rückgratlos ist und für ein bisschen mehr Auflage die Mütter der Chefredaktion an den IS verkaufen würde, dass sie ihr Publikum ähnlich verachtet wie ihre Gegner, dass sie im Grunde nicht mal Journalismus betreibt. Eins aber darf man der Papier und Pixel gewordenen Hölle moralischer Verwahrlosung nie unterstellen: dass sie sich nicht geldwert in Szene zu setzen versteht und dafür stets willfährige Komplizen gewinnt.

Nur so ist zu erklären, dass Armin Laschet und Markus Söder vorigen Dienstag mit den Chefs ihrer rentabelsten Heimclubs Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke die Fortsetzung der Bundesliga exklusiv bei Bild.TV verbreitet haben. Andererseits: wenn der Fußballkapitalismus sein hässlichstes Gesicht zeigt, ist es auch einfach angemessen, dies unterm Logo des menschenverachtenden Mediums werbewirksam ins Bild zu rücken.

Die Frischwoche

27. April – 3. Mai

Im Gegensatz zur deutschen Thriller-Serie Biohackers, die Netflix wegen pandemischer Anspielungen vom Donnerstag genommen hat, könnten im Mai also tatsächlich Geisterspiele bei Sky, DAZN und Telekom zu sehen sein. Dinge, die die Welt im Ausnahmezustand so wenig braucht wie einen Fernsehsamstag, an dem die ARD (Frag doch mal die Maus) und das ZDF (Andrea Berg), dazu RTL (Denn sie wissen nicht, was passiert) und Pro7 (Schlag den Star) simulieren, die Welt sei weiter im Normalzustand.

Andererseits ist es legitim, in Krisen nicht nur über Krisen zu reden, wie es ZDFinfo heute um 20.15 Uhr etwa mit den Sieben größten Verschwörungstheorien der Geschichte tut, sondern ein bisschen davon abzulenken. Es muss ja nicht gleich durchschaubar sein wie Christina Athenstädt anstelle der verstorbenen Lisa Martinek als blinde Anwältin Die Heiland, ab Dienstag im Ersten. Besser ist tags drauf an selber Stelle Hannelore Elsners letzter Film Lang lebe die Königin, wo sie sich in Gestalt einer verblassenden Diva ein wenig selber spielt.

Weil seine Hauptdarstellerin während der Dreharbeiten starb, hatte Regisseur Richard Huber die Idee, fehlende Szenen mit Kolleginnen von Iris Berben über Judy Winter bis Eva Mattes zu besetzen, was wider Erwarten weder manieriert noch peinlich ist. Diese Gefahr hat auch Deutscher (Dienstag/Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) knapp umschifft. Der vierteilige Nachbarschaftsstreit nach dem Wahlsieg einer rechtsextremen Partei ist zwar plakativ, aber ohne Pathos eindringlich. Und wer weiß – vielleicht gibt’s 2095 eine ZDF-Doku wie Wir im Krieg (Dienstag, 20.15 Uhr) mit Homevideos faschistischer Volksgenossen vorm Untergang.

Doch damit zurück zur Ablenkung vom Irrsinn überall, etwa mit Familie Willoughby, einer animierten Netflix-Komödie um vier Kinder, die so vernachlässigt werden, dass sie ihren Eltern eine Reise ohne Wiederkehr organisieren. Oder der britischen Medical Temple um ein Untergrundkrankenhaus für Ausgestoßene, ab Donnerstag auf Sky. Dann wäre da noch die (kauft nicht bei!) Amazon-Serie Upload vom Office-Erfinder Greg Daniels, in der man sich ab Freitag postmortal digitalisieren lässt. Und die Info-Doku White Boy Rich über den FBI-Dealer Richard Wershe ist ab Samstag real, aber vor allem ähnlich unterhaltsam wie die Wiederholungen der Woche.

Zum Beispiel Fred Zinnemanns schwarzweißer Kriegsfilmklassiker Verdammt in alle Ewigkeit über die letzten Tage vor Pearl Harbour von 1953 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) oder kunterbunt: Unternehmen Petticoat (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Blake Edwards‘ Antikriegsgroteske mit freundlich misogynem Unterton, der 1959 state of the art war, dank Cary Grant als Kommandeur eines rosa U-Bootes aber auch sehr lustig.



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