Dispatches from Elsewhere: Norm & Wahnsinn

Wege aus dem Mittelmaß

Die bizarr schöne Mysteryserie Dispatches from Elsewhere schickt seit voriger Woche scheinbar mittelmäßige Menschen bei Prime-Video auf die Suche nach dem Glück und fragt nebenbei mit der gebotenen Portion Wahnsinn, was das denn überhaupt sein soll – Glück.

Von Jan Freitag

Nein, das Leben dieser Menschen aus der Mitte Amerikas verläuft alles andere als zufriedenstellend. Die betuliche Janice überspielt mit ihrer guten Laune ein nagendes Empty-Nest-Syndrom. Fredwynns Missmut entspringt seiner Furcht vor staatlicher Verschwörung. Simones Ängste werden durch die soziale Ächtung ihrer Transsexualität auch nicht besser. Und Peters Mangel an Selbstachtung macht ihn so langweilig, dass selbst seine Therapeutin beinahe einnickt.

Was also könnte ihn und seine Leidensgenossen aus dem Trott ihrer Alltagsneurosen holen? Die Antwort lautet: Dispatches from Elsewhere. Übersetzbar mit „Meldungen von anderswo“, pflastert der Kabelsender AMC den Weg dieses verhaltens(un)auffälligen Quartetts so lange mit Botschaften einer Geheimgesellschaft namens „Jejune-Society“, bis es sich gemeinsam auf einer Reise ins Wesen seiner Wünsche befindet. Heute nun holt (boykottiert!) Amazon das wundervolle US-Format nach Deutschland. Und bei aller anfänglichen Tristesse: Von Beginn an strömt ein Gefühl wohliger Wärme durchs Zuschauerherz, das zu keiner Zeit wirklich abkühlen mag.

Doch der Reihe nach.

Peter zum Beispiel, mit ihm beginnt die zehnteilige Anthology verwobener Einzelschicksale, fristet ein kleines Dasein von großer Gleichförmigkeit im riesigen Philadelphia. Morgen für Morgen läuft er zur selben Uhrzeit scheuklappengeschützt durchs selbe Getümmel derselben Route, um am selben Arbeitsplatz dieselben Computerhandgriffe zu tätigen, bevor er im selben Kiosk dasselbe Abendessen kauft und allein vorm Fernseher demselben Tag entgegendämmert. „Ein Dasein ohne Risiko, ohne Schmerz, ohne Freude“, beschreibt es ein gewisser Octavio Coleman Esq. in eloquenter Deutlichkeit aus dem Off. „Nur existieren, nicht leben.“ Eine Tragödie in endlos vielen Akten.

Um ihr zu entfliehen, lockt der charismatische Geheimgesellschaftsführer den spröden Peter auf eine Schnitzeljagd für Mystiker. Die flamboyante Transgenderschönheit Simone (Eve Lindley) hält sie für ein Spiel, der paranoide Fredwynn (André Benjamin) für ein Komplott und die harmoniesüchtige Janice für Schabernack. Peter hingegen will oft erfolglos, aber verbissen an dieses Fenster aus seiner mediokren Existenz glauben und kennzeichnet das mit einer Mimik zwischen Faszination, Panik und Zuversicht, die sein Darsteller Jason Segel bereits als Hauptfigur in How I Met Your Mother zur Perfektion getrieben hatte.

Und auf dem weiten Feld rauschhafter Gegenwartsfantasy, bittet der Regie-Debütant Segel nach eigenem Drehbuch auch sein Ensemble in ein Fernsehvarieté der Extraklasse. Dabei erinnert es zwar inhaltlich an die Abenteuerrallye The Game, optisch an den Retrofuturismus von Maniac, personell an das moderne Märchen Big Fish und dramaturgisch an den strukturierten Wahnsinn in Dirk Gentlys holistischer Detektei. Ungeachtet solcher Referenzen aber ist Dispatches from Elsewhere eine zutiefst eigensinnige Irrfahrt ins Glück, die sich den Anschein harmloser Feelgood-Movies zum Glück mit gehöriger Tiefe entledigt.

Denn natürlich lauert hinterm schönen Schein des selbsterklärten Glücksgurus Octavio (Richard E. Grant) das Rätsel, warum er so viele heillos entfesselten Jünger auf die Jagd nach dem „Geheimnis der göttlichen Nonchalance“ schickt und wer eine mythisch verklärte Heilsbringerin namens „Clara“ wohl ist. Wenn der hauptamtliche Rapper Benjamin aka André3000 aka Outkast das Panoptikum sprechender Fische, Yetis, Brillen, Häuser als „Ablenkung von irgendwas Größerem“ bezeichnet, dürfte das also nicht nur Fredwynns Verfolgungswahn geschuldet sein.

Umso mehr fasziniert es, wie die Serie ihr Publikum zwischen all dem unterhaltsamen Aberwitz permanent mit der Frage konfrontiert, was die Mittelmäßigkeit mit uns allen, dem Publikum, so macht. Ob wir damit glücklich sind. Was das überhaupt sein soll – Glück. Nach 450 Minuten voller Mitteilungen von irgendwo fällt sie ein bisschen leichter, versprochen.



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