Infodemiker & Bundesligaspieltage

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Mai

Nachdem auf Demos gegen staatliche Corona-Beschränkungen zuletzt bereits das Personal eines Online-Portals und der heute-show attackiert wurden, erwischte es am Donnerstag ein Team der ARD. Ungeachtet der Frage, ob die Angreifer links oder rechts sind, zählen Überfälle auf die Pressefreiheit also längst zur Normalität. Deshalb ist es auch bemerkenswerter, dass Videos, die den folgenden Polizeieinsatz ohne kausalen Angriff zeigen, häufiger geklickt werden als Ursache und Wirkung im Original.

Die Infodemie machtgeblendeter Biedermänner von Xavier Naidoo bis Attila Hildmann gewinnt also an Einfluss in einer Krise, die von verblüffender Rationalität, ja fast schon wissenschaftlicher Expertise geprägt schien. Ein Klima, in dem die Umfragewerte der obrigkeitsstaatlichen CDU ähnlich aufwärts schossen wie jene der führerstaatlichen AfD abwärts. Die Attacke von Berlin aber zeigt, wie das Pendel wieder in Richtung Irrationalität und Filterblase ausschlägt.

Da hätte man sich gewünscht, dass Joko & Klaas die 15 Minuten ihres Duells gegen Pro7 am Mittwoch für was Besseres genutzt hätten, als die freche Übertragung einer RTL-Sendung – aber gut, die Wünsche der Wohlmeinenden zerplatzen zurzeit wie die Träume von einer postpandemischen Entwirrung des präpandemischen Irrsinns. Anschauungsmaterial dafür lieferte der Bundesligist Hertha BSC. Dessen Profi namens Kalou drehte ein Kabinenfilmchen, das nachhaltig belegt, wie blauäugig die Annahme ist, ausgerechnet frühreiche Kindsköpfe wie er taugen als Versuchskaninchen eigenverantwortlichen Normalbetriebs.

Die Frischwoche

11. – 17. Mai

Entlarvender als die Einfalt infantiler Millionäre war aber, dass mal wieder der Bote schlechter Botschaften bestraft wurde, weshalb die Hertha ab Samstag ungeachtet der Quarantäne von Dynamo Dresden zwar ohne Zuschauer und Kalou, aber mit Körperkontakt seiner Kollegen zu sehen ist. Um Public-Viewing zu vermeiden, zeigt Sky die ersten zwei Erstligaspieltage kostenlos; weil dafür nur das Clubpersonal, aber nicht die Presse vor Ort getestet wird, die dafür im engen Ü-Wagen Kontaktverbot halten soll, bleibt das gesellschaftliche Signal fatal.

Es hätte also gepasst, wenn Arte den Schwerpunkt zum Thema Drogen am Dienstag um die DFL als Dealer der Volksdroge Fußball erweitert hätte. So aber geht es um Alkohol (20.15) und Amazon (21.45), bevor die lange Nacht des legalen Rausches mit der US-Doku Süchtig nach Schmerzmitteln endet. Schon interessant, dass ausgerechnet der erbarmungslose Konsumdealer (boykottiert!) Amazon ab Freitag in The Last Narc vier Teile lang einen Drogenkrieg von 1985 dokumentiert, während beim hauseigenen Nischenkanal Starzplay tags drauf die sehenswerte Opioid-Fiktion Hightown anläuft.

Immerhin artverwandt ist da die sechsteilige Real-Crime-Serie Gerichtsverfahren in den Medien, wo Netflix legendäre Strafverfahren aufrollt, bei denen die Presse mittendrin, statt nur dabei war. Eine Konstellation, mit der sich auf anderer Ebene heute Abend (22.45 Uhr) die ARD-Reportage Infokrieger über neurechte Medienmacher befasst. Für etwas Ablenkung vom zusehends zerrütteten Alltag sorgt da heute Abend das ZDF mit dem Familiendrama Ich brauche euch.

Mavie Hörbiger spielt darin eine beruflich erfolgreiche Unternehmerin, die plötzlich für zwei halbwüchsige Kinder ihrer toten Schwester verantwortlich ist – und macht das absolut glaubhaft. Während Sat1 mit der Maulwurfsuche The Mole mittwochs weiter beweist, mit wie wenig Liebe Fernsehen machbar ist, feiern ARD und Pro7 den ESC Samstag einfach ohne ESC und das ZDF den 70. Geburtstag ihres Quotenkönigs Thomas Gottschalk 24 Stunden später ohne Thomas Gottschalk. Was irgendwie gut zu den Wiederholungen der Woche passt.

Die bieten Dienstag (22 Uhr, ServusTV) mit Außer Atem ein Paradebeispiel cineastischer Selbstbefreiung von Jean-Luc Godard mit Belmondo und Jean Seberg als Gangsterpaar im schwarzweißen Cool der Sechziger. Ähnlich bekannt, aber deutlich jünger, ist Tom Hanks als Forrest Gump von 1994 (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1). Und zwei Stunden später beim MDR immerhin hierzulande von Bedeutung: Der Irre Iwan, zweiter Tatort mit Tschirner/Ulmen als Dorn/Lessing in Weimar von 2014.



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