Grafi, Sleaford Mods, Jerry Paper

Grafi

Auch und gerade als jemand, der die zeitgenössische Musik in ihrer ganzen Bandbreite auf dem Schirm zu haben glaubt, muss man oft einräumen, etwas wirklich Spannendes übersehen zu haben. In diesem Fall: Grafi. Der Berliner hat vor ein paar Jahren das Kunststück vollbracht, HipHop mit Black Metal zu kombinieren. Das Ergebnis war ein Hybrid, in dem brüllende Gitarrenbretter des Metelheads Nikita Kamprad auf mal ölige, mal brachiale Vocals von Grafi eindreschen, bis sie zwar manchmal wie etwas zu breit getretene Samples wirken, die Raps dabei aber eher auf- als abwerten.

Auch auf dem dritten Album Ektoplasma klingt das dann oft, als wären Bilderbuch am Set von Saw gelandet, in dessen Stahgefängnis Folterelemente wie überproportional eingesetzte Autotunes und selbstreferenzielle Doublebassgewitter um Fluchtwege kämpfen. Wenn erstere überwiegen, wird das dann zu einer etwas seifigen Trapvariante, wenn es letztere tun, ist das Produkt aus dem Studio von KCVS eines der unterhaltsamsten Mash-ups unserer mixfreundlichen Zeit.

Grafi – Ektoplasma (Geistermusik)

Sleaford Mods

Was willste machen: Du hörst Sleaford Mods und kriegst die übliche Drones ins Unterbewusstsein gedrückt. Du hörst Sleaford Mods und hast wie seit zwölf Jahren schon Jason Williamson skelettierte Übellaunigkeit vor Augen. Du hörst Sleaford Mods und kaufst dem Bierdosenmastermind Andrew Robert Lindsay Fearn am Kassettendeck die Langeweile nicht ab. Du hörst Sleaford Mods und verstehst mal wieder bestenfalls die Hälfte. Du hörst also Sleaford Mods und alles klingt bekannt, was beim Raritätensampler All That Glue auch kein Wunder ist. Nur: alles ist eben auch wieder absolut grandios.

Das elfte Album seit der Gründung und Nummer 6 nach dem Durchbruch mit Austerity Dogs kriecht gewohntermaßen durch die Abgründe ihrer aufgewühlten Systemverachtung und knetet dabei den ewig gleichen Teig aus Bass, Beat, Industriesound ins Unterbewusstsein, bis man sich damit in irgendein sauerstoffloses Kellerloch wünschst, um darin kollektiv zu dehydrieren. Oder in diesem Fall: loslaufen, All That Glue kaufen, Vinyl auflegen, durch die Wohnung hüpfen, ins Regal stellen, aufs nächste Album warten und alles wieder von vorn. Es ist eine Sucht. Die beste unserer Tage.

Sleaford Mods – All That Glue (Rough Trade)

Jerry Paper

Weil die Welt in dieser verstörenden Zeit nicht nur verstörende Musik braucht, sei hier ausdrücklich auf Jerry Paper hingewiesen. Nicht dass sich der popmusikalische Avatar des Songwriters Lucas Nathan aus L.A. irgendeiner Form von vorgestanzter Harmonielehre verpflichtet fühlen würde, im Gegenteil. Aber das neue Album namens Abacadabra ist genau das, was der Titel verheißt: ein kleiner Zauberzylinder, aus dem Jerry Paper verschieden große Popstrukturen zieht, die seltsam vertraut klingen und doch völlig neu sind.

Textlich im Niemandsland elaborierten Wahnsinns zwischen Partherapie für Singles und Drogentrips ohne Rauschgift, wird man davon geschmeidig eingelullt. Wann immer Jerry Paper seine fünfköpfige LoFi-Bigband mit wattiertem Gesang über lässigen Bullshit sediert, entsteht eine Ballsaalatmosphäre, die alleine im Wohnzimmer ebenso gut funktioniert wie unter Leuten im Beachclub. Weil letzteres gerade schwieriger ist als ersteres, kann man Abracadabra also nur wärmstens empfehlen. Der nächste Shutdown kommt bestimmt. Machen wirs uns gemütlich.

Jerry Paper – Abacadabra (Stones Throw Records)



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