Reichelts Lügen & Waldheims Walzer

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Mai

Was Christian Drosten Gutes zu tun hat, dürfte selbst Einsiedlern ohne DSL langsam bewusst sein. Allen, die dennoch Zweifel haben, verlinkte der Wissenschaftler vorigen Montag seinen Tweet, mit dem er auf einen Bild-Befehl reagierte, sich zur anstehenden Titelstory zu äußern. In ihr knattert das Springer-Blatt, Drosten sei schuld an Schulschließungen, wofür Autor Filipp Piatov zwar keine Fakten, aber ein paar gegoogelte Statistiker zusammenstümpert. Damit nicht genug: Piatov, der einst auf den Titanic-Hoax „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD“ reingefallen war, gab dem Virologen exakt 60 Minuten Zeit zur Stellungnahme.

Drostens Reaktion: Die Bild bemühe „Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“ für eine „tendenziöse Berichterstattung“. Anstatt zu antworten, twitterte er folglich: „Ich habe Besseres zu tun.“ Doch während sich alle Beteiligten flugs vom Text distanzierten und Anzeigenkundschaft absprang, während allenfalls die AfD noch an Julian Reichelts rechter Seite blieb und selbst Friede Springer den Chefredakteur kritisierte, trat der erst nach und bat Drosten dann allen Ernstes zum Gespräch. Aber wie gesagt – der hatte Besseres zu tun, etwa ein sehr erhellendes Interview im Spiegel.

Das indes dient Maria Furtwänglers Stiftung als neuerlicher Beleg medialer Ungleichbehandlung. Nur 22 Prozent aller Fachleute, die von Presse, Funk & Fernsehen in Corona-Fragen konsultiert werden, sind einer Malisa-Studie zufolge Frauen. Schöne alte Männerwelt – deren größtmöglicher Macho mit einem Vehikel seiner Herrschaft hadert: Weil Twitter es gewagt hat, die erste seiner 17.000 Unwahrheiten seit Amtsantritt – diesmal: Briefwahl fördere Wahlbetrug – faktenzuchecken, drohte er ausgerechnet jenem Kurznachrichtendienst mit Regulation, auf dem er seine 80 Millionen Follower im Schnitt 26 Mal pro Tag belügt.

Die Frischwoche

1. – 7. Juni

Passend zum Beginn einer zaghaften Selbstreflexion „neuer“ Medien könnte man sich Mittwoch auf Arte in Erinnerung rufen, was Radikalen der Marke Trump mal blühte: um 23.50 Uhr rollt Waldheims Walzer auf, wie ein Nationalsozialist der ersten Stunde 1986 nur dank kollektiver Empörung nicht österreichischer Präsident wurde. Zwei Tage später der nächste Skandal beim Kulturkanal: in der sehenswert wahrhaftigen Fiktion Wackersdorf geht es um die bürgerkriegsähnlichen Zustände an der Wiederaufbereitungsanlage fünf Jahre zuvor.

Annähernd dokumentarisch ist ein Spielfilm, den Sky übermorgen aus dem geschlossenen Kino befreit: Das Ende der Wahrheit. Darin wühlt Ronald Zehrfeld tief im Dreck des BND und fördert Dinge zutage, die bei aller Fiktionalität absolut realistisch sind. Realistischer zumindest als das modernisierte Remake vom holländischen Kommissar van der Valk, der ab Montag überm merkwürdigen Untertitel Duell (statt wie im Original Love) in Amsterdam bei der ARD ermittelt.

Zwei Tage später zeigt 13th Street mit Deputy noch eine Polizeiserie mehr voll schöner, tougher, schlagfertiger US-Detectives, während TLC mit Autopsy zeitgleich noch eine Real-Crime-Doku mehr um prominente Todesfälle startet und Netflix zwei Tage später eine Comic-Adaption zeigt, die – nein, trotz gebrauchten Themas nicht nur ein Bankraubfilm mehr ist, sondern The Last Day of American Crime, ein Cyberpunkmix aus Oceans’s Eleven und Pulp Fiction ohne Humor, aber mit viel Brutalität ist.

Am selben Tag beginnt (boykottiert) Amazon eine Serie mit hochaktuellem Sujet: El Presidente ist ein sanft verfremdeter Fußballfunktionär aus Chile im FIFA-Skandal, dessen Authentizität das genaue Gegenteil jenes Bastian Schweinsteiger darstellt, den Til Schweigers FIFA-Fanporträt SCH31NS7EIGER an gleicher Stelle anhimmelt. Und damit in aller Distanz zu den Wiederholungen der Woche, angeführt vom Borowski Schichtwechsel (Samstag, 22.05 Uhr, MDR) aus dem Werftenmilieu von 2004. Viel älter (40 Jahre) ist French Connection (Montag, 21.35 Uhr, Arte), der absolut brillant ist, von der Fortsetzung (Mittwoch, 21.55 Uhr) aber noch übertroffen wird.



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