Caleb Landry Jones, Flying Lotus, Gary Olson

Caleb Landry Jones

Ach, was wäre Musik doch langweilig, würde sie bloß Erwartungen erfüllen, einerseits. Denn andererseits wird sie schnell schwer erträglich, wenn ihr alle Erwartungen gleichgültig sind. Caleb Landry Jones ist dennoch in dieses bewegte Wasser gesprungen und hat ein Album kreiert, besser noch: gewürfelt, dessen Abläufe so konfus sind, dass Ordnung zu finden unmöglich scheint. Scheint. Denn wer sich darauf einlässt, all die vielen Brüche zwischen Schweine- und Glamrock, Avantgarde- und Chartspop zu erkunden, wird reich belohnt.

Als eine Art Lofi-Bigband fühlt sich der texanische Schauspieler (Twin Peaks) von kaum glaublichen 30 Jahren Beatles, Beethoven und Big Beat gleichermaßen so nahe, dass sein Debütalbum The Mother Stone zum psychedelischen Ritt durchs geschlossene Theater unseres inneren Kindes wird. Eines, das auf die Pauke hauen will, aber gewiss keine Metrik verstehen. Dass dieses heillose Durcheinander dennoch auch für Erwachsene hörbar wird, liegt am großen Gespür des Wizzards für Struktur im Chaos. Trotzdem: besser mal zwei, drei Gläser Wein vorm Hören…

Caleb Landry Jones – The Mother Stone (Sacred Bones Records)

Gary Olson

Das exakte Gegenteil von Durcheinander, Erwartungsbruch und Wizzardness ist dagegen das selbstbetitelte Solodebüt von Gary Olsen, der als Kopf und Trompeter des Indiepop-Ensembels The Ladybug Transistor seit 25 Jahren auch nicht gerade fürs musikalische Chaos bekannt ist. Und ohne Band im Rücken, wirkt sein Wirken kein bisschen weniger strukturiert. Trotzdem erschafft Gary Olson hier etwas, das es vielleicht so nur am Standort New York gibt: Avantgarde, die schwer nach Mainstream klingt oder umgekehrt.

Oder wie er es ausdrückt: “Mach die Augen zu und spüre, wie die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen hindurch fallen. Dann öffne allmählich die Augen und stelle fest, dass du deine Haltestelle verpasst hast. Fang nochmal von vorne an.” Genau das drängt sich auf: der bisweilen geigenumflorte Feel-Well-Gitarren-Pop lümmelt so schimmernd schön unter Olsons sanftem Ostküstengesang herum, dass die Trompeten dazu weiter im Kopf herumspuken, ohne zu stören. Das ist nicht die Quintessenz anspruchsvoller Musik, manchmal aber etwas, wofür sie noch ein Eckchen im Gemüt freihält.

Gary Olson – Gary Olson (Tapete Records)

Flying Lotus

Never trust a Plattencover. Das neue von Stephan Ellison aka. Flying Lotus wirkt zum Beispiel, als wäre in einen Topf voller Walgesänge gefallen und hätte sie mit Offbeats zu jamaikanischen Dancehall verdickt. Völlig falscher Eindruck! Auf Flamagra Instrumentals, einer Art Selbstreduktion aufs Wesentliche seiner Arbeit, hat der HipHop-Elektroniker aus L.A. sein fast gleichnamiges Album von 2019 um alle Vocals erleichtert und daraus ein flächiges Klangerlebnis gemacht, das wie ein Brückenkopf zwischen avantgardistischem Pop und experimentellem House wirkt.

Flamagra Instrumentals

Ohne den Rap und Gesang des Originals verliert die Instrumentalversion zwar gehörig an deklamatorischer Wucht; dafür wird das Vokabular der insgesamt 27 Stücke so intensiv aufs Grundgerüst seiner klanglichen Vielfalt zurückgeworfen, dass Flamagra Instrumentals fast wie ein Glossar elektronischer Sounds erscheint. Sie eröffnen mal aufgewühlt wie der Opener Heroes die Clubnacht, bitten mal ausgelaugt wie Post Requisite im Anschluss zum Ausgang oder verfüllen die Zeit dazwischen mit der Ruhe vor dem Sturm wie das darauffolgende More. Partymusik zum Chillen, auch mal schön.

Flying Lotus – Flamagra Instrumentals (beats international)



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