Guido Cantz & Conny Plank

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Juni

Der bürgerliche Antirassismus treibt gerade auch am Bildschirm skurrile Blüten. Während vielerorts Denkmäler kolonialistischer Menschenschinder geschleift werden, bereinigen Fernsehsender ihr Programm um reaktionäre Sendungen. Weil Sklaven darin nicht allzu helle, ihre Halter dafür umso humaner dargestellt werden, hat HBO zum Beispiel Vom Winde verweht aus dem Portfolio genommen. Auch sonst fällt von Comedy wie Fawlty Towers oder Little Britain bis hin zur amerikanischen Real Life Doku Cops so einiges einer elastischen Moral zum Opfer, die plötzlich auch Joyn ergriffen hat.

Weil der Untertitel Milf oder Missy pornografische mit rassistischen Klischees mischt, muss die Kuppelshow M.O.M. künftig ohne ihn auskommen. Chinesische Regimekritik dagegen muss nun ohne Zoom auskommen, das vorm chinesischen Regime eingeknickt ist und User sperrt, die ans Jubiläum des Tienanmen-Massakers erinnern – dürfte nicht das letzte Einknicken des Konferenz-Tools vorm Unrecht gewesen sein. Dass Fußball weiterhin ohne Stadiongäste auskommen muss, tut da erstmal gar nichts zur Sache, macht sie aber spätestens seit dem DFB-Pokal noch schlimmer – so unsportlich, öde, belanglos waren die Halbfinals der vorigen Woche live im Ersten.

Letzteres gilt in Teilen auch für eine eigentlich gute Idee der ARD zum 50. Geburtstag ihrer wichtigsten Fiktion: Ab Sonntag darf das Publikum die frisch angebrochene Sommerpause des Tatorts aus einer Bestenliste füllen. Interessanterweise stammt der älteste darauf von 1999 – als hätte es in den 29 Jahren zuvor keine besseren Fälle gegeben. Das erinnert an die kürzliche Selbstgerechtigkeit von Guido Cantz, die Top 10 der besten Fälle aus 40. Jahren Verstehen Sie Spaß? mit sechs aus seiner eigenen Zeit zu füllen. Schon merkwürdig, dieser Mainstream.

Die Frischwoche

15. – 21. Juni

Aber eben auch auf bemerkenswerte Art und Weise schmerzbefreit – anders ist nicht zu erklären, dass RTL die miserabelste aller Moderationsattrappen der Menschheitsgeschichte Freitag zur besten Sendezeit abermals humor-, moral- und inhaltslos aufs Publikum loslässt – diesmal im saumäßig getimten Urlaubsformat Pocher und Papa auf Reisen, um 22.20 Uhr gefolgt von Absolut, dem liebedienerischen Porträt dieses parasitären Selbstdarstellers.

Ein ebenfalls wohlgesinntes Porträt schenkt die ARD dem visionären Toningenieur Conny Plank – was allerdings auch kein Wunder ist. Der Produzent hat die Musik der Gegenwart in den Siebziger- und Achtzigerjahren geprägt wie kaum ein zweiter. Schade nur, dass der abendfüllende Film erst um 23.45 Uhr läuft. Immerhin 60 Minuten früher war heute Wuhan – Chronik eines Ausbruchs angesetzt. Da die dreiviertelstündige Rekonstruktion der Pandemie-Ursprünge ausschließlich auf Filmmaterial der chinesischen Propaganda-Abteilung CICC basiert, hat das Erste den Film aber vom Sender genommen. Tags drauf hält Arte an seiner weitsichtigen Primetime-Doku Feindbild Polizei fest, die bereits vorm Tode George Floyds Ordnungshüter ins Visier nahm.

Fiktional ist am ARD-Mittwoch noch Elisabeth Scharangs Romanadaption Herzrasen mit Martina Gedeck über die identitätsstiftende Kraft menschlicher Makel interessant. Ansonsten herrscht dieser Tage eher Streamingvielfalt. Auf Starzplay gibt Elle Fanning Donnerstag eine opulent inszenierte Katharina The Great. Parallel überzeugt Stana Katić auch in der Fortsetzung von Absentia als disruptive FBI-Agentin (13th Street). Bei Netflix knüpft die Realsatire The Politician 2 nahtlos an die Unterhaltsamkeit des Auftaktes an. Und dort verspricht auch die Kriegsveteranen-Doku Father Soldier Son ab Freitag Tiefgang mit Anspruch.

Apropos: in den Wiederholungen der Woche zeigt Arte am Samstag Das Böse unter der Sonne mit Peter Ustinov als Hercule Poirot von 1982. Angemessen zeitgemäß ist diesbezüglich am Dienstag Wolfgang Petersens Virenthriller Outbreak auf Kabel1 (1995). Und am gleichen Abend gibt es abgesehen vom vermeintlichen Sonntags-Best-of einen Gebraucht-Tatort im NDR (23.30 Uhr): Haie vor Helgoland mit Kommissar Stoever, 1984 noch ohne Brockmöller.



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