Staatszensoren & Schwarzer Montag

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juni

War das nun geschmacklos, Chuzpe, einfach blamabel? Nachdem das Erste am Montag kurzfristig seine Corona-Doku Wuhan – Chronik eines Ausbruchs, die fast vollständig aus kritiklos montiertem Propagandamaterial chinesischer Behörden besteht, abgesetzt hatte, erklärte der SWR den Rückzug mit „Rechteproblemen“, also Formalitäten. Dass er weitere Rechercheanfragen mit dem Hinweis aufs schwebende Verfahren rigoros abbügelt, legt den Verdacht nah, im Baden-Badener Funkhaus säßen Chinas Staatszensoren längst mit am Tisch.

Das allerdings wirkt auch deshalb abwegig, weil der SWR – auch im Vergleich zum südostdeutschen Nachbarland Bayern – für Qualitätsjournalismus steht. Im nordöstlichen Nachbarland Hessen wird der währenddessen mit Füßen einer betriebsblinden Justiz getreten. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke trotz Kontaktbeschränkungen in einem winzigen Gerichtssaal stattfinden, weshalb der wichtigsten Strafsache seit dem NSU-Komplex nur eine Handvoll Reporter beiwohnen.

Da ist es umso verstörender, wenn der Stern angesichts massiv einbrechender Anzeigenerlöse Kurzarbeit anmeldet. Das wichtigste Gesellschaftsmagazin der alten Bonner Republik am Tropf jener Staatsmacht, die es jahrzehntelang kritisch unter die Lupe nahm – es ist dramatischer, als es klingt. Dramatischer als es ist, klingt dagegen der Sturm im Wasserglas, den Dieter Bohlens Kritik an Stefan Raabs Format-Casting Fame Maker, dafür aber immerhin prima Werbung für ProSieben.

Werbung in eigener Sache war bei RTL 30 Jahre lang die Übertragung der testosteronsatten Proll-Sause Formel 1. Ab nächster Saison aber zieht sich der Privatsender zurück und macht damit aller Voraussicht nach Platz für kostenpflichtige Anbieter wie DAZN oder (kauft nicht bei) Amazon Prime.

Die Frischwoche

22. – 28. Juni

Letzterer hat diese Woche nichts Bemerkenswertes im Angebot. Dafür kehrt Konkurrent Sky am Dienstag mit dem zweiten Teil der Börsen-Groteske Black Monday zurück, wo es Krisenverlierer Mo (Don Cheadle) nach dem Schwarzen Montag 1987 mit Feminismus, Drogengangstern, Deregulierungsfans und dem üblichen Übermaß an Aberwitz zu tun kriegt. Auch Netflix setzt auf den Faktor Irrsinn, wenn Will Ferrell drei Tage später in The Story of Fire Saga von Island aus den ESC erobern will. Humorlos dagegen setzt der Streaming-Dienst am Mittwoch die Tradition guter Sportdokumentationen mit Athlete A fort, einem Film über Missbrauchsfälle im Turnen, bevor tags drauf Netflix-Geschichte endet.

Denn mit Dark III geht die weltweit erfolgreichste Drama-Serie aus Deutschland ins Finale, und man muss hinzufügen: endlich – ist Schluss mit Effekthascherei, Hyperdramatisierung und Pathos. Von all dem hat auch die französische Mystery-Serie The Last Wave einiges. Trotzdem ist der Sechsteiler ab Freitag auf Neo, bei dem eine Riesenwelle zwölf Surfer schluckt und persönlichkeitsverändert ausspuckt, ungleich interessanter. Das gilt auch für die Fortsetzung der Anwaltsreihe Dennstein & Schwarz aus Österreich, in der Maria Happel und Martine Ebm tatsächlich eigensinniger sind als ihre vielen Tausend Kolleg*inn*en diese ausgenudelten Genres.

Tausendmal gezeigt und dennoch alles andere als ausgenudelt ist die Wiederholung der Woche Harold and Maude, (Samstag, 23.30 Uhr, RBB), Hal Ashbys bittersüße Liebeskomödie von 1971, nur sechs Jahre älter aber nicht nur wegen der schwarzweißen Farbe weitaus älter im Look: Brennt Paris? (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) René Clements beeindruckendes Résistance-Drama mit Jean-Paul Belmondo als Widerstandskämpfer in Paris von 1965. Und unser Tatort-Tipp ist am gleichen Abend der Gewinner des Publikumsvotings, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wäre das keiner aus Münster.



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