Steffen Hallaschka: stern TV & RTL-Formate

Mein Unterhaltungsspielbein

Vor 30 Jahren schrieb Günther Jauch mit stern TV Fernsehgeschichte – bis ihn Steffen Hallaschka 2011 ersetzte. Ein Gespräch mit dem Nachfolger (Foto: RTL) über die großen kleineren Fußstapfen des legendären Vorgängers, Einzelschicksale in Zeiten der Dauerkrise und warum er nie zum heute journal wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallaschka, erinnern Sie sich noch an die Nachrichtenlage im Frühjahr 2011, als Sie zu stern TV gegangen sind?

Steffen Hallaschka: Dunkel, das waren ja wirklich ganz andere Zeiten als heute.

Der Arabische Frühling war angebrochen, die AfD noch undenkbar, statt Trump saß Obama im Weißen Haus und Thomas Gottschalk auf der Wettcouch.

Dass eine Partei wie die AfD den gesellschaftlichen Diskurs bald darauf Millimeter um Milli-meter verrückt, war damals in der Tat undenkbar. Umso nostalgischer blicke auch ich auf die Zeit zuvor.

Auch als Journalist, für den die Gegenwart gefährlicher, aber auch interessanter ist?

Vor zehn Jahren war es fraglos ein gemütlicheres, freieres Arbeiten in einem Medium, das viel größere Deutungshoheit und Relevanz besaß als heute. Spätestens 2015 hat die Flüchtlingsthematik unseren Beruf aber bei aller Dramatik auch interessanter gemacht.

Wie hat stern TV seinerzeit auf die Ruhe reagiert, wie reagiert es jetzt auf den Sturm?

Für mich persönlich ging es zunächst darum, als Neuer meine Rolle zu finden. Und da stellte sich gleich die Herausforderung, soziale Medien zu integrieren. Beim Fernsehschlachtschiff stern TV herrschte 2011 noch das Denken, lineares Fernsehen first. Da mussten wir es gemeinsam sowohl inhaltlich als auch optisch digitalisieren. Aber ob Sturm oder Ruhe: es war immer wichtig, Geschichten von Menschen zu erzählen, die beide Wetterlagen erleben.

Aber Sturm ist schon spannender?

Mag sein. Aber wenn Sozialministerin von der Leyen bei uns live im Studio mit Hartz-IV-Empfängern sprach, hatte das eine ganz andere Dringlichkeit als die Expertenrunden der Talkshows. Unser Erfolgsgeheimnis war immer, die Lebensrealität der Menschen abzubilden.

Allerdings ist die vermeintliche Lebensrealität am Einzelfall mit dem Risiko verbunden, sich für den Knalleffekt stets die krassesten Einzelfälle rauszupicken.

Einspruch Euer Ehren. Das klingt in dieser akademischen Formulierung schlüssig, dürfte aber der Einzelfallprüfung nicht standhalten. Wir suchen für gesellschaftlich relevante Themen immer Menschen, die sie individuell zum Ausdruck bringen. Als Erdogan Journalisten verhaften ließ, haben wir genau verfolgt, inwieweit sein Arm da bis Deutschland greift und davon aufs Thema Migration geschlossen.

Sie waren also nie auf der Jagd nach Skandalen, wie stern TV vorgehalten wird?

Uns ging und geht es nie um Skandale, also Effekte, sondern Inhalt. Wenn Themen von Massentierhaltung über Werkverträge bis Mindestlohn als skandalös wahrgenommen werden, liegt das nicht an uns, sondern den Themen. Aber gut, mit solchen Klischees hat ein RTL-Formate schnell mal zu tun.

Hat sich die Sendung verändert, seit Ihres nicht mehr in Drittsendelizenz, sondern von RTL produziert wird?

Könnte man meinen. Aber so wenig, wie uns der Sender 28 Jahren in die Sendung geredet hatte, so wenig geschieht es seit 2018. Wir konnten und können das machen, was die Redaktion für richtig hält. Sie genießt sei 1990 größte journalistische Freiheit.

Auch zehn Jahre, nachdem Sie die Moderation von Günther Jauch übernommen haben, wird das Magazin immer noch mit ihm assoziiert. Spüren Sie seine Fußstapfen noch?

Weil Günther Jauch für eine Ära steht, in der Unterhaltung und Information neu definiert wurden, bleiben die zu Recht spürbar. Aber da meine Schuhe zwei Nummern größer sind, konnte ich mir – ohne überheblich klingen zu wollen – auch in seinen Fußstapfen meinen Platz in der Sendung suchen.

Mussten Sie sich dennoch von seinem Erbe emanzipieren?

Nicht aktiv. Es ging eher um den Langmut, Günther Jauch von selber aus den Köpfen der Zuschauer verschwinden zu lassen. In den ersten sechs Monaten musste die Rotznase vom Dritten Programm zwar eher Abhandlungen lesen, warum sie keine Krawatte trug, als dass man sich inhaltlich mit mir auseinandergesetzt hätte; aber das ist okay. Fernsehzuschauer sind Gewohnheitstiere. Ich bin ja selbst einer.

Gibt es zehn Jahre danach mittlerweile Ermüdungs-, gar Abnutzungserscheinungen?

Nee, das Tolle an der Sendung ist ja, dass sie sich immer wieder neu erfindet, deshalb wird es nie langweilig. Ich habe also noch immer große Lust auf die Sendung. Wer mich vor 2010 gefragt hatte, was ich gern moderieren würde, dem habe ich schließlich „stern TV“ geantwortet.

Jetzt kokettieren Sie…

Nein, das war neben der NDR Talkshow mein Traum. Während ich die jedoch vertretungsweise moderieren durfte, dachte ich, bei stern TV bleibt es einer, weil Jauch das noch 120 Jahre selber macht.

Was hätten Sie geantwortet, wenn Tagesthemen oder heute journal gefragt hätten?

Weil ich mein journalistisches Zuhause im Infotainment sehe, hätte ich zumindest lange überlegen müssen. Ich war nie Nachrichtenredakteur, kein Auslandskorrespondent, hab noch nicht mal eigenverantwortlich Filmbeiträge realisiert. Mir war stets die Verbindung von Unterhaltung und Journalismus wichtig.

Wobei Claus Kleber zusehends zum Entertainer wird und die „Tagesthemen“ nun verlängert werden, um näher am Menschen zu sein, wie es heißt.

Trotzdem bleiben die Unterschiede auch dann groß, wenn die Presenter dort nun Unterkörper haben. Ich schiele ehrlich nicht auf eine öffentlich-rechtliche Nachrichtenkarriere.

Gibt es mit kurz vor 50 trotzdem noch Ziele?

Infotainment ist sicher weiterhin mein Standbein, aber ich würde gerne häufiger mein Unterhaltungsspielbein trainieren. Anfang des Jahres habe ich zwei Live-Shows mit Sasha und Tim Mälzer moderiert, was mir einen Riesenspaß gemacht hat. Auch ein intelligentes Quiz könnte ich mir gut vorstellen.



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