Haiyti, Mädness, Low Island

Haiyti

Über Ronja Zschoche alias Haiyti alias Germanys Best Trap-Model alias Mischung aus Nina Hagen, Falco und Haftbefehl ist eigentlich schon alles gesagt, seit die Hamburgerin dem Gangsta-Rap vor drei Jahren ein Feuer aus gewaltzem HipHop und Autotune-Kaskaden unterm Hintern machte. Jede Punshline seither: brillant. Jeder Track: gefeiert. Jedes Album: noch gefeierter.  Viel neues zu erzählen gibt es also selbst dann nicht übers Alleinerziehendenkind aus St. Pauli, wenn ihre Schmusestimme eine neue Plattenrille zerkratzt.

Trotzdem kann man Mieses Leben aber natürlich nicht einfach so an sich vorüberziehen lassen. “Oh mein Gott / ich grüße alle meine Dealer aus dem Block”, spachtelt sie in OMG über dronige Attacken aufs Harmoniegefühl “ich bin anscheinend doch mehr Smoke als Pop / alles funkelt aber düster in meim Kopf”. Damit wäre alles gesagt, was auch dieses Album so grandios macht: Der permanente Kontrast des falschen Lebens im Falschen, verdichtet auf 18 Stücke, die tieftraurig euphorisieren.

Haiyti – Mieses Leben (Hayati Records)

Mädness

Und gäbe es, was selbstverständlich nicht der Fall ist, ein männliches Äquivalent, das dem ghettofeministischen Multilayer-Zeugs von Haiyti auch nur annähernd das Wasser reichen könnte, wäre es vermutlich Mädness. Nicht ganz so streetcredible Herkunft (Darmstadt), aber ähnlich eigensinnige Genrezersetzung, rappt sich De Gude Hesse Marco Döll durch sein siebtes Album Mäd Love, als wäre sein Stil ein Zuckerbäckerladen mit brennender Mülltonne vorm Tresen und gelegentlichem Drive-by-Shooting in der Gummibärchenecke.

Kein Rapper mit dieser Ausstrahlung schafft es hierzulande, Agonie und Aufbruch glaubhafter in Reime zu kleiden. Hier verteilt er beide Mittelfinger an Faschisten, Antisemiten, Nationalisten, dort nennt er seine Grundzufriedenheit meinen größten Erfolg, gern schlendert er mit Mojo-Samples durch die Plattenbausiedlung und verortet sich entsprechend überall und nirgendwo. “Sie nennen es conscious nennen es Cro nenn’es Erwachsenen-Rap”, spricht er zum Auftakt in 2 Cent, “nenne es wie du willst / ich nenne es immer noch das was ich mach bis zuletzt”. Mach weiter!

Mädness – Mäd Love (Mädness/Groove Attack)

Low Island

Und einfach, weil wirs können, wird an dieser Stelle mal so mit dem Prinzip der stilistischen Grunstruktur gebrochen, dass völlig ironiefrei auf hochpolitischen Sprechgesang säuseliger Britpop folgt, der ohne Witz auch noch aus Oxford stammt, also irgendwie Ruderrennen und ondulierte Hecken atmet, die Leadsänger Carlos Posada allerdings gleich im ersten Stück des Debütalbums knapp unter Hüfthöhe mit der Kettensäge stutzt. Schon die konfusten Drums darunter zeigen, dass man auch hier seinen Ohren nicht trauen sollte. Und dann…

Dann folgend elf Tracks, in denen die englische Band alles Britpoppige so hinreißend schräg mit Synths aus dem Hecksler Marke Dubstep zerdeppert, dass Paul Weller die Trommelfelle bluten. Dass If You Could Have It All Again ihr Publikum dennoch unversehrt lässt, liegt dabei am Achtziger-Sound, der immer wieder tiefenentspannt durch die Disharmonien wandert und ein Album komplettiert, dass Haiyti vielleicht doch näher ist als Oasis.

Low Island – Don’t Let The Light In (Emotional Interference)



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