Haltungswut & Tonis Welt

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. April

Nee, nee – Rezo, dieses neue Video war kein Geniestreich. Seit deiner legendären CDU-Zerstörung giltst du zu Recht als Stimme einer wütenden Vernunft, der die Generationen X bis Z gleichermaßen zuhören. Dein Furor war faktenbasiert, der Jugendslang altersaffin. Jetzt aber zerhackst du gewohnt hochfrequent die Corona-Politik der Bundesregierung, doch so richtig und wichtig das ist: globalisierte Netzvokabeln wie ranten und wack und shady und was weiß ich in die Glasfaser zu keifen, ersetzt nicht das, was du eigentlich am besten kannst: verwertbare Informationen mit einer Mischung aus Wut und Haltung in die Köpfe zu dreschen.

Diesmal jedoch flog definitiv zu viel Geifer am Headset vorbei, diesmal warst du einfach zu zornig, um Nachhaltigkeit zu erzeugen. Und das ist angesichts deiner Kontrahenten, call them Feinde, die falsche Strategie. Von denen nämlich gab es auch in der vorigen Woche zu vernehmbare. Den BR-Komiker Helmut Schleich zum Beispiel, der sich im SchleichFernsehen schwarz angemalt hat, um einen afrikanischen Sohn von Franz Josef Strauß zu karikieren. Blackfacing! Im Jahr 2021! Und das auch noch beispiellos humorfrei!

Der öffentlich-rechtliche Rassismus ist aber nur halb so schäbig wie die Reaktion des Senders. Eine BR-Sprecherin verteidigt Schleichs AfD-Humor ja damit, „künstlerische Freiheit“ sei „ein hohes Gut, lotet aber manchmal auch Grenzen aus“ und die Aufgabe der Satire, „Dinge überspitzt darzustellen“. Gut, überspitzen wir’s mal so: Helmut Schleich ist ein Rassist, und wo wir beim Überspitzen sind: Hendrik Streeck ein Querdenker, weshalb es zwar überraschend war, dass der „Virologe“ seinen RTL-Podcast mit der „Journalistin“ Katja Burkart nach nur zwei Folgen aus „Termingründen“ einstellt, aber ein Grund zur Freude.

Das gilt indes nicht dafür, dass Linda Zervakis nach zehn Jahren die Moderation der Tagesschau abgibt – schon, weil Deutschlands wichtigste Nachrichtensendung zur Hauptsendezeit jetzt wieder fest in blutsdeutscher Hand ist. Apropos Diversität: Nachdem die Sendung der Vorwoche mit The Mole auch schon eine Dokumentation war, ist der Tipp auch diesmal sachlicher Art.

Die Frischwoche

12. – 18. April

In Schwarze Adler schildert Thorsten Körner ab Donnerstag bei Amazon Prime das bizarre Schicksal farbiger Fußballnationalspieler, seit mit Erwin Kostedde in den Siebzigern erstmals einer mit dem titelgebenden Vogel auf der Brust spielte. Dabei sammelt der renommierte Medienjournalist nicht nur ergreifende Geschichten betroffener PoCs, sondern erstellt die Milieustudie einer Nation, die bis heute auf der Suche nach ihrem Umgang mit Andersartigkeit ist.

Mit weniger Realismus versucht das auch ein Spin-Off der Serienlegende Club der roten Bänder. In Tonis Welt kauft sich ein ehemaliger Stations-Insasse mit Asperger-Syndrom das Großelternhaus seiner Freundin mit Tourette-Syndrom. Auch, wenn die achtteilige Selbstbehauptungs-Dramedy ihren Diversitätshumor ab Mittwoch oft überzieht, entsteht daraus ein Dorfporträt von ähnlicher unterhaltsamer Wahrhaftigkeit wie Mapa. Voriges Jahr glänzte das Schicksal eines Witwers mit neugeborenem Baby bei Joyn+, Samstag ist es frei zugänglich in der ARD-Mediathek zu sehen.

Die Neustarts der Woche derweil im Schnelldurchlauf: Heute startet bei Sky die HBO-Superheldinnenserie The Nevers, eine Art retrofuturistischer Spionage-Mystery im viktorianischen Zeitalter. Ähnlich nostalgisch wirkt die Science-Fiction der Joyn+-Serie Strange Angels ab Donnerstag. Parallel dazu lässt Magenta eine Gruppenreise schwererziehbarer Jugendlicher in die Berge so eskalieren, dass Wild Republic nach zwei Folgen an Herr der Fliegen erinnert. Tag drauf startet Disney+ seinen Highschool-Basketball-Dreiteiler One Shot. Samstag porträtiert Judd Apatows fiktives Biopic The King of Staten Island auf Sky den Standup-Komiker Pete Davidson als Feuerwehrmann. Und bevor der dokumentarische Fünfteiler Interview mit einem Serienmörder die Woche bei Starzplay abschließt, empfehlen wir das fünfteilige 3sat-Porträt Wie ein Fremder am Samstag, 20.15 Uhr. Sechs Jahre hat der Filmemacher Aljoscha Pause dafür den Musiker Roland Meyer de Voltaire begleitet, dessen Band Voltaire 2005 als kommende Superstars gehandelt wurde, dann aber in sich zusammenbrach.



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