Filip Zumbrunn: Wackelkamera & Tatort

Nur Schauspieler sind unersetzbar

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Filip Zumbrunn (Foto: Zumbrunn) zählt zu den besten Kameraleuten der Schweiz. Durch seine One-Takt-Tatort Die Musik stirbt zuletzt wurde er 2017 auch hierzulande berühmt, zuletzt feierte sein Bremer Tatort Neugeboren Premiere, bei dem der 52-Jährige wie so oft auf viel Bewegung setzt. Mein DWDL-Interview übers Leben außerhalb des Rampenlichts, Wackeln als Prinzip, Hierarchien am Set und wie es sich auf dem Teppich der Berlinale anfühlt.

Von Jan Freitag

Filip Zumbrunn: (lacht) Nein, das kann gut sein. Wir haben, glaube ich, ein oder zwei Einstellungen vom Stativ gedreht. Aber selbst da kam die Idee auf, in der Postproduktion zusätzlich etwas Handbewegung zu simulieren. Abgesehen von ein paar Ausnahmen habe ich jedes Bild aus der Hand gedreht. Idee und Konzept war, dass die Perspektive nie ganz zum Stillstand kommt.

Aber sind Idee und Konzept einer Philosophie geschuldet oder dem Format, also der Geschichte?

Immer der Geschichte. Wir wollten damit der Lebendigkeit der Figuren in diesem Milieu gerecht werden. Um die atmende Bewegung zu verstärken, hatten wir die Handkamera überall dabei.

Aber entsteht für Sie als Kameramann und den Tatort als Film nicht die Gefahr, manieriert zu wirken, wenn dieses Konzept zum Prinzip wird, wenn die Kamera also nicht mehr mit den Figuren korrespondiert, sondern der ästhetischen Idee?

Wie gesagt, es war keine ästhetische Idee, sondern ging darum, ein dokumentarisches Gefühl zu erzeugen, das die Zuschauer wirklich einbindet. Die Direktheit der Figuren findet in der Direktheit ihrer Abbildung visuellen Widerhall.

Sie benutzen also schon auch mal ein Stativ, wenn das Thema Ruhe erfordert?

Da bin ich flexibel. Grundsätzlich verlangt jede Geschichte ihre eigene Erzählstruktur, Bilderwelt und Dynamik. Aber dadurch, dass ich schon einige Spielfilme mit Handkamera gedreht habe, werde ich gerne von Produktionen ins Boot geholt, die eine lebendige Kamera bevorzugen, um möglichst nah am Menschen zu sein.

Gibt es grundsätzlich bestimmte Kameraführungen, die sich für bestimmte Erzählstrukturen, womöglich gar Genres eignen, etwa Krimi oder Romantic Comedy?

Finde ich nicht. Das Genre findet sich gelegentlich bei Faktoren wie Schnitt oder Tempo wieder, aber die Bildsprache als Ganzes variiert selbst innerhalb verschiedener Genres enorm. Im Gegenteil: je mehr Genre und Bildsprache auseinandergehen, also Kontraste offenbaren, desto interessanter, überraschender, origineller wird die Umsetzung.

Passt Ihre Handkamera besser zum jungen Bremer Tatort mit der notorisch hitzköpfig besetzten Jasna Fritzi Bauer als, sagen wir: zu gereiften Ermittlern wie in Köln oder München?

Um es für ein jüngeres Publikum zugänglicher zu machen, könnte ich mir das tatsächlich vorstellen. Dessen Serien-Konsum, der visuelle Überfluss, dem sie auch über soziale Netzwerke ausgesetzt sind, verschafft ihnen Zugang zu höherer Bildbeweglichkeit, die man durchaus bedienen kann und darf.

Und wer entscheidet darüber – holt man sich mit Filip Zumbrunn automatisch mehr Bewegung in die Ästhetik oder ist das Aushandlungssache?

Da wird viel diskutiert. Ich lese das Drehbuch meist, bevor ich erstmals mit der Regie zusammensitze. Und Barbara kannte ich schon gut, wir stammen aus der Schweiz, haben bereits viel miteinander durchlebt, wussten also genau, was auf uns zukommt. Aber egal, ob man von Anfang an auf gleicher Wellenlänge liegt oder sich erst später findet: den Prozess des Austauschs finde ich spannend.

An welchem Punkt von der Idee bis zur ersten Aufnahme treten Kameraleute normalerweise in den Produktionsprozess ein?

In dem Moment, wenn das Drehbuch freigegeben wird und die Regie ihre visuelle Idee entwickelt. Kameraleute werden aber auch nicht nur im professionellen, sondern persönlichen Sinn eingebunden. Weil man eine lange, intensive Zeit miteinander verbringt, wäre es anstrengend für alle, wenn sich Regie und Kamera nicht verstehen. Schon deshalb werden wir mit der letzten Drehbuchzeile zumindest mitgedacht, und bereits da beginnt auch der Austausch mit der Regie.

Sind Sie als Kameramann demnach ein verlängerter Arm der Regie oder eher der linke oder rechte?

Kommt auf die jeweilige Person an. Es gibt Regisseur*innen mit einer glasklaren Vorstellung, die setzen ausschließlich den eigenen Stil durch. Auch da kann ich mich einbringen, aber die Spielräume sind begrenzter. Auf der anderen Seite gibt’s aber auch Regisseur*innen, die es lieben und einfordern, von außen Input zu kriegen. Dazwischen ist das Spektrum echt riesig.

Lassen Sie sich lieber leiten oder leiten gerne selbst?

Kommt drauf an. Es gibt Visionäre, die derart klare Vorstellungen vom Film haben, dass ich ihnen bedingungslos folgen kann. Solche Genies sind allerdings sehr selten. Wenn ich hingegen merke, dass die klare Vorstellung nur unbegründeter Ausdruck eigener Machtbedürfnisse ist, wird es schwieriger, mich ihr unterzuordnen.

Wer hatte die Idee, Ihren Schweizer Tatort vor vier Jahren in einem Take durchzudrehen?

Die war von Dani Levy, mit dem ich auch Die Känguru-Chroniken gemacht habe. Wir waren beide extrem angefixt von Sebastian Schippers Viktoria, den Sturla Brandth Grøvlen ebenfalls in einem Take aufgenommen hat.

Und dafür den Silbernen Bären gekriegt.

Im Kino gab es das schon öfter. Dani Levy wollte es zum ersten Mal in so einer Länge fürs Fernsehen ausprobieren. Ich war mir absolut sicher, dass Sender und Redaktion die Idee abschießen, aber erstaunlicherweise haben alle sofort mitgezogen.

Animieren solche Experimente im Erfolgsfall zur Wiederholung oder sollten es Ausnahmen bleiben, um sich nicht abzunutzen?

Ausnahmen! Bei Projekten wie diesem merkt man, dass der Schnitt erfunden wurde, um die Filme besser zu machen. Das hat sich bereits im Entstehungsprozess gezeigt. One-Take-Film klingt nach kurzem Arbeitsprozess, aber wir konnten erst nach vier Wochen Probe mal 90 Minuten am Stück drehen, und als wir uns die angesehen haben, war das Resultat so schlecht, dass wir alles umstellen mussten. Nicht nachträglich eingreifen zu können, ist eine Riesenherausforderung.

Zumal die Vorbereitung vom Kameramann ein fotografisches Gedächtnis erfordert.

Ich konnte den Film Sekunde für Sekunde im Kopf präzise abspulen, aber das konnten alle am Set, der Regisseur sowieso.

Als Dokumentarfilmer sind Sie Ihr eigener.

Dokumentarfilm drehen benötigt Intuition. Im Dokumentarfilm kannst du nicht unbedingt einer Regieanweisung folgen oder noch einen Take drehen, sondern reagierst darauf, was sich vor der Kamera abspielt, nicht dahinter.

Haben Sie schon mal eigene Ideen in Fiktion umgesetzt, standen also ganz am Anfang eines Produktionsprozesses?

Das überlasse ich den Fachleuten. Vielleicht kommt das irgendwann mal, aber momentan fehlen mir Ideen, die mir so dringlich erscheinen, dass ich sie unbedingt der Menschheit erzählen müsste. Ich lasse mich gerne inspirieren von Geschichten, die andere schreiben.

Haben Sie als Kameramann das Gefühl, von der Branche, vom Publikum, auch von der Kritik ausreichend gewürdigt zu werden?

Puh, schwere Frage. Offen gesagt, sind alle hinter der Kamera prinzipiell uninteressanter als die vor der Kamera. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. Falls es anders wäre, erscheint mir die Regie doch wichtiger als ich. Da laufen schließlich alle Fäden zusammen. In der Pandemie kam öfter die Frage auf, wer austauschbar ist, wer nicht. Da zeigte sich, dass eigentlich nur die vor der Kamera unersetzbar sind, also Schauspieler. So gern ich wertgeschätzt werde, habe ich damit aber auch kein Problem. Selbst die Kameraleute in Hollywood kennen schließlich die wenigsten mit Namen.

Dafür tragen sie mit „Director of Photography“ den aufregenderen Titel.

(lacht) Kameramann ist völlig okay.

Sie wirken gelassen im Umgang mit Hierarchien. Aber gibt es nicht doch Konkurrenzdenken, gar Minderwertigkeitskomplexe der Gewerke vom Casting über die Maske bis hin zur Postproduktion, von denen allenfalls am Ende des Abspanns kurz die Rede ist?

Das ist wie in jeder Position jeder Branche vor allem ein Ego-Problem. Mir reicht es, wenn ich gut durchs Leben komme, ausreichend zu Essen habe und die Kinder gesund sind. Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.

Hat Michael Ballhaus, den nicht nur Cineasten kennen, demnach ein größeres Ego als Sie oder einfach das Glück gehabt, so bekannte Filme zu drehen, dass sein Name nicht mehr zu verschweigen war?

Natürlich hatte er Glück, mit Leuten wie Scorsese filmgeschichtlich so neue Wege zu gehen, dass die Leute neugierig waren, wer da die Kamera führte. Wie groß sein Ego war, kann ich nicht beurteilen, aber er hat auch in einer Zeit gearbeitet, als Experimente vom Arthaus-Kino in den Mainstream geflossen sind. Mit krasser Bildsprache so berühmt zu werden, ist in einer Zeit wie heute, wo grundsätzlich alles möglich ist, definitiv schwieriger

Waren Sie jemals auf dem Roten Teppich?

Als Nachtzug nach Lissabon auf der Berlinale Premiere feierte, bin ich drüber gegangen, aber für mich hat sich gar niemand interessiert. Dennoch war es toll, aus der Limousine auszusteigen und ins Blitzlichtgewitter von Journalisten zu gehen, die wie verrückt Vornamen schreien.

Nur nicht Ihren.

Natürlich nicht. Umso lustiger fand ich es, wie panisch die Stimmung auf dem Roten Teppich ist. Ich würde durchdrehen, die ständig erleben zu müssen.



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