(Luft-)Terroristen & (Dom)inas

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. Mai

Schon furchteinflößend, wie rigide die EU offenen Staatsterrorismus ahndet. Nachdem Weißrusslands Diktator Lukaschenko ein europäisches Passagierflugzeug kaperte, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch festzunehmen, reagierte sie knallhart und verhängte – nein, weder Handelsbeschränkungen noch Botschafterausweisungen, geschweige denn Handelsboykotte, sondern Einreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Krass…

Man mag sich kaum ausmalen, wie brutal die Wertegemeinschaft durchgreifen würde, ließe Lukaschenko Journalisten öffentlich hinrichten; es könnte sein, dass sie die Pressefreiheit dann so verteidigt wie in Ungarn, Polen oder der Türkei, also – ach nee, hoppla, gar nicht. Das erinnert ein bisschen daran, welche Maßnahmen CDU/CSU-Politiker*innen zu befürchten haben, wenn sie mit Maskendeals Millionen oder für lupenreine Demokratien wie Aserbeidschan Werbung kostenpflichtig Werbung machen…

Beides taten übrigens Abgeordnete jener christlichen Dauerregierungsparteien, die das strengere Verbot illegaler Spenden gerade daran knüpfen, dass ein früherer Konkurrent seine Beteiligung am Medienverlag DVVG abstößt, weil das, hüstel, für sozialdemokratische Gewissenskonflikte sorgen könne. Ihren Humor hat die gewissenbissbefreite Union jedenfalls nicht verloren. Anders als ein gewisser Ikke Hüftgold. Wer mit Ballermann-Hits wie Hackevoll durch die Nacht oder Dicke Titten Kartoffelsalat sein Geld verdient, dürfte zwar gewissenbissbefreit sein.

Weil ihm Sat1 beim – mittlerweile abgesetzten – Elendspranger Plötzlich arm, plötzlich reich misshandelte Kinder ins Haus holte, machte Matthias Distel, so sein bürgerlicher Name, den Skandal publik – wofür ihn die Produktionsfirma Imago flugs auf Unterlassung verklagte, weil er auch das Honorar veröffentlicht, nämlich 47.500 Euro für ihn, also 30-mal mehr als das Almosen für die Eltern der geprügelten Kids. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Amazon zahlt demnächst das 146.768-fache von Ikkes Salär dafür, MGM zu kaufen und damit das letzte unabhängige Filmstudio Hollywoods.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Mai – 4. Juni

Neben eigener Ware wie der Real-Crime-Serie Dom, die ab Freitag den brasilianischen Drogenkrieg fiktionalisiert, zeigt Amazon demnächst also auch zugkräftige Klassiker von James Bond bis Ben Hur. Was Sky am Tag zuvor sendet, klingt zwar ähnlich wie Dom, ist aber was völlig anders. Die Historienserie Domina stellt das Leben der antiken Herrscherin Livia nach, aus deren Dynastie Roms erster Kaiser Gaius hervorging. Doch so opulent der Achtteiler ist – inhaltlich bleibt das Potpourri aus Sex, Gewalt und Gegenwartssprache die übliche Effekthascherei pseudohistorischen Reenactments.

Dann doch lieber Fantasy, die sich zu ihrer Fantasie bekennt. Sweet Tooth zum Beispiel. In der dystopischen Mystery-Serie führt eine – Achtung, Aktualität – Pandemie ab Freitag auf Netflix zum Kollateralschaden hybrider Wesen, die von den Überlebenden der Katastrophe gejagt werden. Und damit das auch für Kinder verdaulich ist, sehen wir dem kleinen Gus mit Hirschgeweih und Steinschleuder dabei zu, wie er seine Mama in einer Mischwelt aus Bambi und Mad Max sucht. Süß, aber auch sozialkritisch. Ohne Zucker relevant ist die Neo-Serie Exit. Für Sex, Macht und Drogen werfen vier norwegische Broker ab Samstag alle moralischen Werte über Bord ihrer Luxusyacht.

Dabei wäre die achtteilige Schwanzparade fast zu klischeehaft, basierte sie nicht auf wahrer Vorlage. Von der Realität entkoppelt ist hingegen die Sky-Sitcom Intelligence von und mit Nick Mohammed. Eine überaus lustige Mischung aus Stromberg und Homeland mit David Schwimmer als NSA-Spion, der pünktlich zur Reunion seiner Friends auf gleichem Portal in die britische Fernmeldeaufklärung GCHQ strafversetzt wird. Originell ist auch das Geldwäsche-Drama Limbo, morgen (22.45 Uhr, ARD): Regisseur Tim Dünschede hat es in nur einem Take gedreht. Demgegenüber wirkt die Netflix-Sause Carnival um Influencer beim Feiern in Rio ab Mittwoch ebenso zerschnippelt wie tags drauf der achtteilige Apple-Thriller Lisey’s Story nach Motiven von Steven King.



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