Fußball-EM & Physical

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Juni

Der Halbgötterglaube des ZDF ist mindestens ebenso legendär wie der des Ersten Programms. In den Achtzigern heilte Prof. Brinkmann den halben Schwarzwald, in den Neunzigern heilte Der Landarzt die ganze Ostsee, in den Nullern folgte beiden ein Bergdoktor, der auch vorgestern zum Einsatz kam, als die Fußball-EM kurz im Wachkoma lag. Im Spiel gegen Finnland musste ein Däne wiederbelebt werden. Schockstarre auf dem Rasen, Schockstarre im Stadion, Schockstarre am Bildschirm, Schockstarre sogar bei der Quasselstrippe Béla Réthy – da schaltete das Zweite aus Kopenhagen zum, kein Witz: Bergdoktor Hans Sigl.

Dabei saßen mit Christoph Kramer, Manuel Gräfe und Per Mertesacker drei exzellente Experten im Studio, mit denen Moderator Jochen Breyer die lange Zeit bis zum Wideranpfiff souverän überbrückt hätte. Die ARD dagegen bot gestern zwei originelle Rookies auf: Welttorhüterin Almuth Schult nennt sich selber zwar so konstant ZuschauEr und SpielEr, dass Friedrich Merz vor Glück wohl Testosteron aus Ohren, Mund und Nase läuft, überzeugt jedoch durch kenntnisreiche Einordnungen. Kevin Prince Boateng dagegen bezieht Stellung gegen Rassismus und bleibt auch sprachlich der Emanzipation verpflichtet.

Wem sich Jeff Bezos verpflichtet fühlt, haben Rechercheure nun enthüllt: me, myself and I. Nicht nur, dass der egomanische Manchester-Kapitalist für Einkünfte, die ihm ein Vermögen von sagenhaften 188 Milliarden Dollar bescherten, ganze 1 Prozent Steuern zahlt; er nutzt sie auch nicht wie Bill Gates für sinnhafte Hilfsprojekte, sondern wie Elon Musk für sinnlose Weltraumflüge. Wie gut, dass der Menschheitsfeind die Kontrolle über Amazon bald abgibt. Damit zu Guido Cantz, der Ende 2021 Verstehen Sie Spaß? verlässt – und hoffentlich bis an sein Lebensende ins ARD-Schweigekloster geht.

Verstummt schien auch Tanit Koch. Drei Jahre jedoch, nachdem Julian Reichelt sie von der Bild-Spitze gepimmelt hatte, holt Armin Laschet die zwischenzeitliche RTL-Chefredakteurin in sein Wahlkampfteam. RTL, Springer, CDU – seit langem schon ein Dreamteam. Küche, Böhmi, ZDF ist dagegen bislang kein organisches Dreigespann. Ob die angekündigte Kochshow mit Jan Böhmermann im Zweiten ein Prank ist, muss sich also erst noch zeigen. Kein Prank war hingegen, dass Putins Regime dem WDR-Sportreporter Robert Kempe die EM-Akkreditierung entzog – und nach kurzer Hektik wieder zubilligte.

Die Frischwoche

14. – 20. Juni

Darüber hinaus ist das Fernsehprogramm dieser Tage zwar reich an Fußball (zumindest, wenn es Magenta schafft, die Spiele anders als beim Auftakt am Samstag störungsfrei zu übertragen), aber arm an unterhaltsamem Tiefgang. Daran könnte indes der jüdische Schauspieler Daniel Donskoy etwas ändern, wenn sein Zielgruppentalk Freitagnacht Jews aus dem Netz ins ARD-Spätprogramm wechselt. Gleiches widerfährt der ZDF-Gesprächsperle 13 Fragen. Ab Sonntag diskutieren Salwa Houmsi und Jo Schück nämlich statt in der Mediathek bei Neo über unsere Gesellschaft.

Fiktionale Unterhaltung von Bedeutung liefern indes eher Streamingdienste. Besonders empfehlenswert wäre dabei Physical ab Freitag (Apple TV+) eine tragikomische Kostümserie aus dem Kalifornien der frühen Achtziger, wo sich eine Hausfrau an der eigenen Dauerwelle aus dem Sumpf einer reaktionären Ehe auf die Aerobic-Welle zieht. In derselben Epoche eher tragi als komisch, aber auf hinreißende Art woke und bedeutsam ist der Starzplay-Fünfteiler It’s A Sin, in dem vier schwule Männer im homophoben England anno 1981ff aus der Selbstbefreiung in die Aids-Katastrophe schlittern und doch die Köpfe hochhalten.

Weitere Neustarts: nach dem Start der achtteiligen Netflix-Doku Stadt der Pinguine über wilde Tiere im urbanen Kapstadt am Mittwoch, zeigt der Marktführer ab Freitag zwei, nun ja, nicht ganz so zuckersüße Horrorserien – die Fortsetzung der Zombie-Serie Black Summer, gefolgt von der postapokalyptischen Mystery-Dystopie Katla aus Island. Tags zuvor startet die 2. Staffel der dänischen Skandi-Noir-Serie Darkness. Auch in Blinded jagen bildschöne Cops einen Ritualkiller, der schon in der ersten von acht Folgen bekannt ist. Das ist bei aller Effekthascherei enorm spannend – und weitaus weniger lieblich als die Pixar-Komödie Luca um zwei animierte Jungs im Urlaub, die ab Freitag bei Disney+ ein kleines, aber nicht unwichtiges Geheimnis teilen.



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