Gesinnungstests & Dissidenten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. Juni – 4. Juli

Hipphipphurra – es ist ein Junge! Ein weißer zudem, klar. Und mit genau 50 an Jahren reich genug, um alt genannt zu werden. In der Wahl Norbert Himmlers zum neuen ZDF-Intendanten zeigt das hiesige Patriarchat seine Stressresilienz nochmals in voller Stärke und nein, das hat zunächst wenig mit der Befähigung eines weißen, mittelalten Mannes zu tun, der dem Sender aus seiner Heimatstadt Mainz bereits als studentische Hilfskraft tätig ist. Himmler ist nach Lage der Dinge ein exzellenter Fernsehmacher.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger (und Ziehvater) Thomas Bellut, hat er das Zweite zur Plattform diversifizierter Sehgewohnheiten gemacht, auf der Jan Böhmermann locker neben Katie Fjorde (be)steht und das Traumschiff neben dem Browser Ballett. Trotzdem hinterlässt die Wahl vom Freitag einen schalen Beigeschmack. Denn nicht nur, dass der sechste Intendant seit 1962 abermals männlich ist; seine Konkurrentin Tina Hassel zog sich nach drohendem Patt vor der dritten Wahlrunde auch noch freiwillig zurück – ein Move, den Alpharüden wie Himmler noch nicht mal theoretisch im psychosozialen Handlungsrepertoire haben.

Nochmals: Himmler ist eine gute, zielführende, eine konkurrenzfähige Wahl. Peinlich ist es dennoch, dass sein Haussender in 61 Jahren keine, nicht eine einzige Frau vom eigenen Hof gefunden hat, um ihn zu leiten. Dass Tina Hassel 2022 Chefredakteur Peter Frey ablösen dürfte, ist da zunächst nur ein schwacher Trost. Und damit zurück zum Fußball. Denn auch da ist es – Hipphipphurra – ein Junge, der die Geschicke des Kontinents leitet, weshalb die EM-Stadien der Viertel- und Halbfinals am Bildschirm so voll sind, dass die Delta-Variante hüpft vor Freude.

Für Regenbögen allerdings brauchen wir da schon Sonnenscheinregen. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat VW verboten, Bandenwerbung in die Farben der LGBTQ-Bewegung zu tauchen. Andernfalls könnte das Čeferins totalitäre Geldgeber von Orbán bis Putin verstören – und soweit sollten Respekt-Kampagnen nun wirklich nicht gehen… Auf seinem Rechtskurs Richtung NPD noch weiter geht derweil Hans-Georg Maaßen, der in einem Interview mit dem dubiosen Regionalsender TV Berlin Gesinnungsprüfungen für Tagesschau-Sprecher*innen forderte.

Die Frischwoche

5. – 11. Juli

Von Charaktertests für Soldaten hat man aus Maaßens Mund hingegen noch nichts gehört. Das Thema der gleichnamigen ARD-Dokumentation dürfte den Landser-Fan jedoch aus seinem geistigen Führerbunker vor den Fernseher treiben – um ihn gleich wieder abzuschalten. Denn Christian von Brockhausens Porträt dreier Rekruten auf dem Weg nach Afghanistan ist keine Heldenerzählung, wie Maaßen sie mag, sondern einfühlsam-kritisches Sachfilmfernsehen der Extraklasse.

Das gilt mit Abstrichen auch für die Sky-Doku The Dissident, in der Regisseur Bryan Fogel (Ikarus) den Auftragsmord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi vor drei Jahren rekonstruiert. Alles ein bisschen zu laut, alles ein bisschen zu melodramatisch, alles aber auch sehr erhellend. In entfernterer Vergangenheit, die unverändert gegenwärtig ist, gräbt dagegen Samuel L. Jackson. Selbst Nachfahre afrikanischer Sklaven, begibt sich der Schauspieler ab morgen auf History Play (Apple+/Amazon), sechs Teile lang auf die Spur von zwölf Millionen Menschen, die in 300 Jahren Enslaved wurden.

Auch das ist manchmal ein wenig überdramatisiert, dank der Dreiteilung in Jacksons Familiengeschichte, einer parallelen Schatzsuche nach versunkenen Sklavenschiffen und der notwenigen Geschichtseinordnung aber äußerst gehaltvoll. Ob das auch fürs Klima Update gilt, mit dem RTL ab Donnerstag nach den Hauptnachrichten Umweltschutz simuliert, bleibt abzuwarten. Die Magenta-Serie Der Djatlow-Pass dagegen ist fiktional, befasst sich ab heute aber mit dem wahren Unglück von neun Wanderern, die vor 62 Jahren auf mysteriöse Art im Ural ums Leben gekommen sind.

Ausgedacht und doch auf drollige Art lebendig ist die Neo-Serie Deadlines, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Vier Schulfreundinnen treffen sich Jahre nach der Trennung in Frankfurt und vergleichen ihre scheinbar verschiedenen Großstadt-Existenzen. Apropos Frauen im Rampenlicht: Am Samstag springt Sabine Heinrich aus der WDR-Nische ins ZDF-Rampenlicht und moderiert – zunächst um 19.25 Uhr, im Finale zur Primetime – die Lagerfeuershow Das große Deutschland-Quiz. Und der Vollständigkeit halber wollen wir nicht die 2. Staffel der Netflix-Serie Biohackers tags zuvor verschweigen.



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