Laschets Kinder & Lambys Machtwege

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. September

Boah, sind Kinder anstrengend. Sie schmutzen, lärmen, kosten und stellen auch noch dauernd dumme Fragen, die Erwachsene zur Weißglut bringen. Also einige davon… KiKa-Reporter Alexander zum Beispiel ging Tino Chrupalla mit der Bitte um eines jener Gedichte auf den Sack, die der AfD-Chef dem deutschen Volke zur national(sozialistisch)en Erweckung eintrichtern will. Dann maßregelte Armin Laschet (von Klaas Heufer-Umlauf instruierte) Schüler für unbotmäßiges Nachhaken zum Unionshöcke Hans-Georg Maaßen. Und hier wie dort wurde klar, wie sehr sich beide in dem Moment nach einer Renaissance der Züchtigung sehnten.

Beim dritten Triell hatte sich der Kanzlerkandidat also einige Streicheleinheiten seiner früheren PR-Journalistin Claudia von Brauchitsch erhofft, die gestern mit Linda Zervakis in die Fernsehwahlkampfbütt ging. Aber Pustekuchen: als Sat1-Moderatorin machte sie Laschet mehr Dampf als Olaf Scholz. Mehr Dampf sauch als Annalena Baerbock. Mehr, vor allem aber konstruktiveren Dampf sogar als es ARZDF oder RTL, geschweige denn das heillos chaotische Kleinparteien-Quatriell im Ersten zuvor taten.

Das ist auch deshalb auffällig, weil ProSieben mit dem Politainment-Magazin Zervakis und Opdenhövel.Live. am Montag dilettantischen Mumpitz geliefert hatte. Dafür belegt der Sender beim Deutschen Fernsehpreis die ersten zwei Plätzen der Kategorie Infotainment für Pflege ist #NichtSelbstverständlich und Männerwelten von Joko & Klaas, von denen ersterer sogar nochmals für Wer stiehlt mir die Show prämiert wurde. Weitere Preisträger: Markus Lanz und Anja Reschke, Para und Das letzte Wort, Böhmermanns Magazin Royal und Donzkoys Freitagnacht Jews, Petra Schmidt-Schaller und Sascha Alexander Geršak, Für immer Sommer 90 und, äh, Moment – Oktoberfest 1900?!

Das klingt, als habe die Jury wie vor der Wahl von Andrea Kiewel oder der Sat1-Show Catch dasselbe geraucht wie Nemi El-Hassan, als die spätere WDR-Moderatorin 2014 mit 19 – was sie heute offenbar für die Wissenssendung Quarks disqualifiziert – auf einer antisemitischen Al-Quds-Demo war. Illegalen Stoff hatte wohl auch ServusTV-Chef Ferdinand Wegscheider intus, als er Verschwörerisches über 9/11 und Covid10 verbreitete. Dafür war Facebook mal trocken, als es vorige Woche Dutzende von Querdenker-Konten löschte.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. September

An die, also effektorientierte, leichterregbare, sprich schlichtere Gemüter, widmet sich heute hingegen die TVNow-Doku mit dem dezenten Titel Der Todespfleger. Wie das vortreffliche Sky-Pendent Schwarzer Schatten porträtiert sie den 85-fachen Mörder Niels Högel. Anders als dort allerdings kommt er persönlich am Telefon zu Wort, was der Sender auch noch mit „packendes Interview aus der JVA Oldenburg“ ankündigt und damit die niedersten Zuschauerinstinkte triggert. Höhere davon werden dafür zur besten Sendezeit im Ersten bedient.

Da nämlich zeigt das Erste Wege der Macht, Stephan Lambys journalistisch gewohnt perfekt recherchierte Milieu-Studie der politischen Kultur im Bundestagswahlkampf. Ungewohnt sehenswert ist parallel dazu der sendeplatzübliche Montagsfilm im ZDF. Carlo Ljubek befindet sich darin als Obdachloser, an dem die erschöpfte Köchin Ira (Julia Koschitz) ihr lädiertes Gewissen aufmöbelt, so anrührend wie schlüssig Auf dünnem Eis – und damit im fiktionalen Kerngebiet der ARD.

Genau dort macht sich Gabriela Maria Schmeide als alleinerziehende Mutter nach ihrer Kündigung selbstständig. Ihr mobiler Brotservice Tina Mobil berlinert sechsmal 45 Minuten zwar ein bisschen zu aufdringlich durch verwaiste Dörfer im Dreckgürtel der Hauptstadt. Da Schmeide jedoch wie kaum eine Kollegin richtige Realität glaubhaft machen kann, ist die Primetime-Serie trotzdem sehenswert – und damit das genau Gegenteil von Jürgen Vogel in der neuen ZDF-Freitagskrimireihe Jenseits der Spree, über den wir hier Derricks Trenchcoat des Schweigens hüllen.

Was demgegenüber zu empfehlen wäre: Morgen um 0.10 Uhr das Kleine Fernsehspiel Freaks mit Cornelia Gröschel als unverhoffte Superheldin. Oder die erste Staffel der Comic-Adaption Y – The Last Man von Disney+ um eine Zukunft (fast) ohne fortpflanzungsfähige Männer. Oder tags drauf bei Amazon das opulente Ballettdrama Bords of Paradise. Und zum Wochenendfinale die nicht nur musikalisch wuchtige Achtzigerjahre-HipHop-Gangcrime-Serie BMF auf Starzplay.



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