Lea Lu, The OhOhOhs, Childcare

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Lea Lu

Die weibliche Popkultur bietet bis heute vor allem oft Projektionsflächen. Ewigkeiten zur Dekoration am Bühnenrand drapiert, trat sie im Jazz oder Soul zwar früher aus dem Schatten der Männer, wurde jedoch weiter ständig fremdbewertet. Lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant – die Attribute kleiner Mädchen blieben auch jene erwachsener Künstlerinnen. Wenn man(n) Lea Lu als lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant bezeichnet, steht also ein Misogynie-Verdacht im Raum. Dummerweise ist ihr neues Album I Call You genau genau das: lieblich, sanft, süß, nett, hübsch, elegant.

Allerdings ist es eben auch raffiniert, eigensinnig, virtuos, facettenreich, feministisch und überhaupt ein famoses Pop-Album mit der Kraft zur Unterwanderung. Die ausgefuchsten Bläsersequenzen soulpoppier Arrangements müssen sich schließlich ständig am engelsgleichen Gesang übers vertrackte Liebesleben der Schweizer Multi-Instrumentalistin vorbeischummeln, um die musikalische Deutungshoheit darüber zu gewinnen. Das aber gelingt ihnen hervorragend. Und sorgen somit für ein Album, das man zwar dreimal hören muss, um überzeugt zu sein. Aber dann ist man gläubig.

Lea Lu – I Call You

The OhOhOhs

Der Glaube ist übrigens auch ein Wesenselement des Frankfurter Duos The OhOhOhs. Der Glaube daran, mit einer Kombination aus Konzertflügel und Schlagzeug die eskalative Stimmung digitaler Raves zu simulieren. Anfangs womöglich von sich selbst noch belächelt, mixen der ausgebildete Pianist Florian Wäldele und sein Drummer Florian Dreßler seit nunmehr 20 Jahren treibende Beats und meisterhafte Klassik zu einer fiebrigen Form analogen Technos, dem die verkapselten Genres U und E gleichermaßen Anerkennung zollt.

Warum genau – das belegt ihr neues Album Sturm & Drang, auf dem die zwei Flos gewissermaßen ein Zwischenresümee ihrer unbändigen Schaffenskraft präsentieren. Hochbeschleunigte Sonaten wie das Titelstück zum Auftakt gehen darauf fließend über in konzertanten Pop mit Flamenco- (Rondoh) und Opern-Elementen (Der Tod und das Mädchen), bevor sich Get up! oder Marimba mit digitalen Keyboards ins Clubgetümmel werfen. Selten zuvor war eine Platte so getragen und gleichsam tanzbar – schon, weil Klassik selten zuvor so herrlich impulsiv und durcheinander war.

The OhOhOhs – Sturm & Drang (Galileo)

Childcare

Und weil im Durcheinander die Kraft liegt, weil für viele erst das Chaos echte Ordnung entfaltet und überhaupt aufgeräumte Kinderzimmer die unkreativsten sind, betreten wir hiermit eines im zauberhaften Mehrgenerationenhaus von Childcare, deren Debütalbum Wabi-Sabi 2019 für ein wenig Aufruhr im Indiefach sorgte. Jetzt bringt das Quartett mit Busy Busy People den Nachfolger raus und er ist, ganz dem Titel entsprechend ein popkulturelles Manifest künstlerischer Hyperaktivität, das seinesgleichen sucht.

Mit großer Freude am Verschrobenen streunt das Quartett um den Frontmann (was für ein Kackwort) Ian durch ein grell beleuchtetes Dickicht aus Psychopop, Elektroclash und zittrigem Alternativerock – stets auf der Suche nach Rausch ohne Drogen. “Feeling kinda wonky / Stood up, like a lump of jam / Feeling kinda shaky, oh I’m / shook up, like a fanta can”, singen alle irgendwie gleichzeitig in Rhubarb und geben damit den Takt einer außergewöhnlichen Platte für jeden Geschmack und keinen vor.

Childcare – Busy Busy People (eOne)



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