Mala Oreen, Geese, Richard Ashcroft

Mala Oreen

Die Schweiz – Gletscher, Alphörner und Kühe. Kennt man. Die Schweiz – Prärien, Steelguitars und Cowboyromantik? Kennt man eher nicht so. Umso überraschender ist es, einer Schweizerin zu hören, die amerikanischen Country in ihr europäisches Heimatland (re)importiert und daraus ein Album zaubert, das offenbar tiefster Überzeugung entsprungen ist, nicht Ironie oder gar kultureller Aneignung. Kein Karneval also auf Awake, nur Empathie. Schließlich hat Mala Oreen aus Luzern verwandtschaftliche Links in die USA.

Und nicht nur das. Auch dessen Folk hat sie von Kindesbeinen an aufgesogen, frühzeitig das Fiddeln gelernt und war zuletzt so lange in Texas, dass daraus in Nashville/Tennessee (wo sonst) zehn Tracks entstanden sind, die sich nur als hingebungsvolle Hommage an die ursprüngliche, nicht popverwaschene Americana hören und sehen lassen. Klar, man muss die Melodramatik ihrer Musik schon grundsätzlich mögen. Aber spätestens dann vergisst man die Schweiz dahinter und sitzt mit am Prärielagerfeuer.

Mala Oreen – Awake (TOURBOmusic)

Geese

Wenn Britrock noch klänge, wie Britrock mal klang, wenn er noch das verwaschen Postpunkige im Popgewand besäße, dieses alte Gespür für kakophone Spielerei im harmonischen Proklamationsgesang, das Bands wie Franz Ferdinand nach New York klingen ließ und solche wie The Strokes nach Manchester, wenn wir also an den Rand der Jahrtausendwende zeitreisen würden, wo Oasis und Suede dringend zu den Akten gelegt werden müssten – dann wäre eine Band wie Geese perfekt für diesen Neustart.

Zum dumm, dass Geese ungefähr 20 Jahre zu spät für eine Revolte kommen, aber es ist ungeheuer schön zu hören, dass Rafinesse und Wahnsinn noch immer zusammenpassen, wenn man beide lässt. Das blutjunge Quintett aus Brooklyn, Durchschnittsalter diesseits der Volljährigkeit, wurde gelassen, woraus das wirklich fabelhafte Debütalbum Projector hervorgegangen ist, auf dem die Gitarren so unverzerrt psychedelisch über geschmeidige Keyboardteppiche fegen, dass es die pure Freude ist.

Geese – Projector” (Partisan Records)

Richard Ashcroft

Um hier aber nicht mal ansatzweise den Eindruck zu erwecken, die wegweisend nostalgische Cool-Britannia-Bewegung vor einem Vierteljahrhundert überflüssig gewesen, zollen wir hiermit jemandem Tribut, der damals wirklich Großartiges geleistet hat: Richard Ashcroft. Und weil der frühere Frontmann, so hieß das in maskulinerer Zeit, von (The) Verve vor lauter Selbstliebe kaum lauen kann, hat er uns passend zur reflexiven Heldenverehrung ein Tributalbum in eigener Sache produziert. Klingt eitel. Ist eitel.

Aber auch herausragendes Zeitzeugnis einer Epoche, die dem Pop Tiefe von einer Oberflächlichkeit verliehen hat, dank der die 1990er trotz Eurodance und Tony Blair ein Sehnsuchtsort sind und bleiben. Acustic Hymns Vol. 1 heißt die geigengesättigte Sammlung von zwölf Stücken seiner frühen Jahre, die er mit Freunden akustisch in den berühmten Abbey Road Studios reanimiet und maximal remastered hat und auch wenn das Resultat zuweilen ganz schön überkommen klingt: Was für ein Zeugnis, was für eine Zeit!

Richard Ashcroft – Acustic Hymns Vol. 1 (RPA)



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