Gottschalks Finger & Hayalis Hund

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. November

Es ist seit einiger Zeit viel von toxischer Männlichkeit die Rede – ein Vorwurf, der seinerseits toxisch zu werden droht, wenn er alle Männer über denselben Kamm schert und toxische Stereotypen verfestigt, anstatt sie aufzulösen. Aber eines davon ist nun mal so einflussreich, dass es am Samstag geschlagene drei Stunden öffentlich-rechtlicher Primetime füllen durfte: Thomas Gottschalk.

Einst Europas frischeste Fernsehfrühlingsrolle, hat er sich Richtung Herbst seiner Karriere mit jedem Jahr mehr zum Lustgreis entwickelt, der Misogynie mit Selbstironie tarnt und Eitelkeit mit Exzentrik. Im Kernschatten drolliger Faltengebirge wie diesem sind Frauen bestenfalls Dekoration, schlimmstenfalls Freiwild – so war es auch beim Comeback von Wetten, dass…?, die ihm das ZDF nachträglich zum 70. Geburtstag schenkte.

Emanzipation? Vollendet! Gendern? Lächerlich! Sofa-Besucherinnen ständig zu befingern? Hat dir doch auch nicht geschadet, oder Michelle? Bruhaha! So bot das angeblich einmalige Revival „im besten wie im schlechtesten Sinne“ laut DWDL „über weite Strecken hinweg das typische Wetten, dass..?-Gefühl, ergo: eine unterhaltsame Zumutung. Mit Gästen wie Helene Fischer oder Joko & Klaas, aber ohne Modernisierungsehrgeiz. Dass im ZDF angesichts der 14 Millionen Zuschauer eine Fortsetzung erwogen wird, passt da zur Info von ProSieben, TV Total fortzusetzen – wenngleich mit Sebastian Puffpaff als Stefan Raab.

Mit Johannes Boie als Julius Streicher, pardon: Julian Reichelt, bleibt derweil auch die Bild veränderungsrestistent. Mit den Springer-Gewächsen Linna Nickel und Antje Schippmann lässt der neue Chefredakteur zwar zwei weitere Frauen in seinen Männerzirkel – der weiterhin gegen Demokratie, Minderheiten, Journalismus geifert und damit jene Stimmung anheizt, in der sich der WDR nun endgültig von Nemi El-Hassan trennt, weil sie im Alter von 20 Jahren auf einer islami(sti)schen Demo war. Solche Konsequenzen für extremistische Taten hätte man sich nach 1945 auch gewünscht.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

8. – 14. November

Obwohl – der ARD da Einseitigkeit vorzuwerfen, ist ja nun auch Quatsch. Wie objektiv, überparteilich, haltungsstark der Sender ist, zeigt er schließlich seit gestern wieder in seiner jährlichen Themenwoche, 2021: Stadt.Land.Wandel über die Gräben und Brücken zwischen Provinz und Urbanität. Ein Teil davon: die Fortsetzung der entzückenden Milieu-Studie Warten auf’n Bus um zwei lebenswunde Dorfbewohner. Der RBB zeigt die sieben Teile Samstag ab 20.15 Uhr am Stück, gefolgt von der ersten Staffel.

Nicht dabei: Regisseur Dirk Kummer, der im ARD-Mittwochsfilm stattdessen einen Vater und seinen Sohn für 12 Tage Sommer auf einen Esel-Trip schickt. Einen Ego-Trip dagegen startet am Dienstag Oliver Polak. In seiner vorerst dreiteiligen Netflix-Sendung Your Life is a Joke erkundet der jüdische Brachial-Komiker Gäste wie Christian Ulmen oder Jennifer Rostock und schickt sie danach in die Hölle seiner Stand-up-Boshaftigkeit. Auf impulsive Art erhellend, kann man sagen.

Auf erhellende Art tragisch: Colin Black and White. Die Serie skizziert an selber Stelle, wie aus dem Schwarzen Quaterback Colin Kaepernick der kniende Trump-Antagonist. Gleiches Land, anderes Problem: Dopesick macht die amerikanische Drogentragödie ab Freitag bei Disney+ zum achtteiligen Drama. Ähnliches Problem, anderes Land: In der Porträtreihe Her Story porträtiert Sky ab Donnerstag Dunja Hayali. Gleiches Land, andere Zeit: in der Doku Der weiße Blick beleuchtet Arte am Sonntag (16.10 Uhr) den Kolonialismus.

Und damit es hier nicht zu dramatisch wird, noch drei Entertainment-Tipps: In der zehnteiligen King-Verfilmung Chapplewaite kommt Adrian Brody (Donnerstag, Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts dem dunklen Geheimnis seiner Familie auf die Spur. Zwei Tage später entführt uns die ZDF-Horrorserie Cryptid in den Abgrund einer schwedischen Kleinstadt. Und zwischendurch glänzt der saukomische Will Ferrell bei Apple+ als Therapeut von nebenan. Und wie immer zum Monatsbeginn diskutieren freitagsmedien das Angebot der kommenden vier Wochen in Eric Leimanns Podcast Die Fernsehkritik. Don’t miss!



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