Jana Pareigis: Diversity & heute-News

Ich benutze das Wort Privilegien ungern

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Seit einem halben Jahr moderiert Jana Pareigis (Foto: Felix Schmitt) die bedeutenden heute-Nachrichten um 19 Uhr im ZDF – als erste Schwarze Frau. Fragen zu ihrer Herkunft findet sie irrelevant und exotisierend, aber das Thema Diversity ist sie noch lange nicht leid – wie sie im journalist-Interview erzählt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Pareigis, wenn wir Ihnen die Entscheidung überließen – worüber möchten Sie nicht mit uns reden?

Jana Pareigis: Mein Privatleben.

Nachvollziehbar. Aber beruflich, politisch, gesellschaftlich ist Ihnen als junge Schwarze Frau in den deutschen Medien jedes Thema recht?

Jana Pareigis: Jung ist gut, ich bin 40 (lacht laut). Ob mich das Thema Diversity nervt? Nee! Denn ich kann dieses Interesse an meiner Haltung dazu ja verstehen, es sagt allerdings auch viel darüber aus, wo wir gesellschaftlich stehen. Weil es einfach noch immer sehr wenige Schwarze Nachrichtenmoderator*innen oder generell Journalist*innen of Colour gibt, ist es gut, dieses grundsätzliche Problem weiter zu thematisieren. Was ich aber auch hier schwierig finde: wenn es dabei um meine privaten Hintergründe geht. Oder würden Sie Claus Kleber über seine Eltern befragen.

In zwei längeren Interviews bislang nicht, nein.

Eben. Ich empfinde es grundsätzlich als irrelevant und exotisierend, wenn mein Familienhintergrund thematisiert wird.

Aber bei einer Schwarzen Frau, deren Lebensweg in Deutschland tendenziell von Vorurteilen, womöglich gar Diskriminierung begleitet sein dürfte, ist es doch naheliegender, die Voraussetzungen dafür zu betrachten als bei einem weißen, von Geburt an privilegierteren Cis-Mann wie Claus Kleber?

Dann könnte man doch mit ihm das Gleiche unter umgekehrten Voraussetzungen besprechen, nämlich wie ihn seine, wie Sie es nennen: privilegierte Position geprägt hat und wie es zu dieser Position überhaupt kommen konnte. Warum konnte Hautfarbe angesichts der bewiesenen Tatsache, dass Rasse ein soziales Konstrukt ist, denn überhaupt so prägend werden? Hätte es vor Hunderten von Jahren nicht auch etwas anderes sein können, das Menschen hierarchisiert – angewachsene Ohrläppchen zum Beispiel? Ich benutze das Wort Privilegien ungern.

Warum?

Weil es kein Privileg sein sollte, nicht von Rassismus betroffen zu sein. Aber was damit einhergeht, ist im Falle eines weißen Mannes, dass er in den deutschen Medien seit jeher der Regelfall ist, während es im Westen mit Wiebke Bruhns erst 1971, in der DDR mit Anne-Rose Neumann 1963, eine Nachrichtenmoderatorin gab, was auch danach noch lange Zeit die Ausnahme blieb. Dieses Missverhältnis prägt beide Seiten doch gleichermaßen, sollte also auch mit beiden Seiten besprochen werden. Als Schwarzer Mensch ist man gewohnt, ständig auf das Schwarzsein angesprochen zu werden, weiße Menschen zucken oft zusammen, wenn sie als weiß bezeichnet werden.

War das Gefühl, als Schwarze Frau am Bildschirm unterrepräsentiert zu sein, für Sie eine Motivation, Fernsehjournalistin zu werden?

Ich bin Journalistin geworden, weil ich gerne Journalistin werden wollte. Das mit der Moderation hat sich vor zwölf Jahren eher so ergeben. Ich liebe einfach das journalistische Handwerk und moderiere, weil es großen Spaß macht. Trotzdem ist es mir auch als Person of Colour wichtig, mich in diesem Beruf zu zeigen und zu hoffen, dass so weiter Barrieren eingerissen werden.

Kommt man dabei automatisch in eine identitätsspezifische, identitätspolitische Richtung…

Ich halte nichts davon, wie dieser Begriff der Identitätspolitik zurzeit verwendet wird, weil es darin ja nicht um Zugehörigkeit geht, sondern um Ausgrenzung. Und deshalb geht es mir in meiner beruflichen Motivation übers journalistische Interesse hinaus auch nicht um Identität, sondern um Teilhabe. Stichwort Bundestag.

Frauenanteil gute 30 Prozent, Migrationshintergrundanteil im Promillebereich.

Genau, immerhin gerade wieder leicht gestiegen, aber was Frauen betrifft immer noch bei maximal einem guten Drittel. Warum prägen (weiße) Männer die wichtigste Institution der Demokratie, die eigentlich doch alle Menschen im Land repräsentiert, so deutlich über ihren Bevölkerungsanteil hinaus? Auf die Medien übertragen heißt dies für mich, dass unabhängig vom Handwerk und der Frage, ob Frauen nun fachkundiger über Frauen oder Schwarze fachkundiger über Schwarze berichten, Marginalisierte einer Stimme bedürfen.(…) Sie kennen das beste Beispiel, bei dem die Medien da eine katastrophale Nebenrolle gespielt haben?

Na?

Bei der rechtsterroristischen Mordserie des NSU. Damals haben weite Teile der Medien mal unbewusst, mal vorsätzlich rassistische Vorurteile aufgegriffen und verbreitet. Das hat dazu geführt, dass die Opfer und Angehörigen über Jahre hinweg kein Gehör fanden und selbst kriminalisiert wurden. Der Mordserie wurde zudem ein menschenverachtender Titel gegeben. 

Döner-Morde.

Ich mag diesen Begriff nicht mal in den Mund nehmen. Niemand hätte von Bratwurst-Morden gesprochen, wenn die Opfer keine Migrationserfahrung gehabt hätten. Das zeigt umso mehr, wie wichtig Vielfalt und Repräsentation in den Medien sind, um Stereotype und Vorurteile zu vermeiden. Daher glaube ich keinesfalls, dass nur Schwarze Frauen über Schwarze Frauen berichten sollten. Aber sie brauchen wie alle Gruppen der Bevölkerung Teilhabe.

Trotzdem stellt sich doch die Frage, ob es im Journalismus Themen gibt, die von unmittelbar Betroffenen mit dem entsprechenden journalistischen Handwerk besser bearbeitet werden als von Außenstehenden, also rein Beobachtenden?

Sagen Sie mal ein Beispiel.

Als ich der Zeit mal einen Text zur Frage angeboten hatte, warum in der deutschen Fiktion alle, wirklich alle Frauen immer, wirklich immer hohe Hacken tragen, sagte die Ressortleiterin zu mir, lieber Jan, lass so was mal lieber die Girls machen.

Ha, sie hat echt „Girls“ gesagt? Ich finde ja, grundsätzlich dürfen alle über alles berichten, sofern sie es gut recherchieren und handwerklich sauber arbeiten. Aber ebenso grundsätzlich finde ich, dass es seit Urzeiten überproportional viele weiße Männer sind. Und auch, wenn sich das Geschlechterverhältnis beim ZDF auf mittlerweile 50 zu 50 angeglichen hat, sind Frauen in Führungspositionen weiterhin so unterrepräsentiert wie People of Colour auf allen Ebenen.

Das ist jedoch ein quantitativer, kein qualitativer Faktor.

Aber Quantität bedingt hier doch Qualität. Expertise speist sich nicht nur aus persönlicher Betroffenheit, aber als Frau Sexismus oder als Schwarzer Mensch Rassismus erfahren zu haben, schafft Erfahrungswissen, das andere nicht haben. Drehen wir die Frage der Identitätspolitik also einfach mal um: warum berichten hierzulande vor allem weiße Männer über alles?

Gab und gibt es in den Redaktionen, in denen Sie gearbeitet haben, denn umgekehrt die Tendenz, bei rassistischen oder sexistischen Themen die biografisch betroffene Jana zu fragen, ob sie das mal machen kann?

Nein, ich werde nicht auf das Thema Rassismus reduziert. Ich habe mich in meiner akademischen Ausbildung wissenschaftlich und publizistisch mit Rassismus auseinandergesetzt und diese Expertise wird geschätzt beim ZDF, habe ich das Gefühl. Aber ich bin Nachrichtenmoderatorin. Ich beschäftige mich mit Nachrichten in ihrer ganzen Spannbreite.

Ist das ZDF demnach schon weiter als die Gesellschaft drumherum?

Na, zumindest achtet das ZDF spürbar auf Diversität.

Mithilfe messbarer Quoten?

Nicht, dass ich wüsste, aber im Bewusstsein, nicht divers genug zu sein. Was das ZDF aber in jedem Fall macht: es geht ergebnisoffen in Castings, schließt also niemanden durch Blickverengung aus – und zwar schon aus purem Pragmatismus. Denn alle, wirklich alle Studien zeigen doch, dass vielfältige möglichst diverse Teams besser arbeiten als homogene. An der Wirtschaftlichkeit kann es also nicht liegen, wer dagegen argumentiert.

Sorgt das Wesen des Journalismus, Informationen anzuhäufen, was der englische Begriff für Recherche und Forschung besser zum Ausdruck bringt…

Research, genau.

Bringt diese Erkenntnisaffinität automatisch Diversität mit sich, weil mit angemessener Research nun mal alles dafürspricht, wie sinnvoll sie sogar ökonomisch ist?

Für so viel Selbstlob der eigenen Branche müsste ich dafür die gesamte Medienlandschaft empirisch betrachten, aber klar – breite Bildung sorgt für breite Sichtfelder.

Sie persönlich haben einst Afrikanistik und Politik studiert.

Afrikastudien. Das ist eher geschichtlich orientiert, Afrikanistik dagegen sprachlich.

Haben Sie das unabhängig von der Frage, ob ein Studiengang, der Geschichte, Kultur und Sprache eines Kontinents mit 55 Ländern über einen Kamm schert auch wieder Rassismus perpetuiert, aus gegenwärtigem oder biografischem Interesse studiert?

Zunächst mal war es das Nebenfach meines Hauptfachs Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Internationale Politik, für den ich mich auch sehr mit Rassismus in den USA, wo ich ein Jahr war, auseinandergesetzt habe. Mich hat schon immer interessiert, wie Dinge politisch funktionieren und zusammenhängen. Ich bin nach dem Abitur aber auch ein Jahr nach Simbabwe gegangen.

Der Heimat Ihres Vaters.

Meines biologischen Vaters.

Dennoch: war dieser Link in Ihre Vergangenheit für die Wahl des Aufenthaltsortes mitverantwortlich?

Das ist mir zu privat, aber ich fand schon immer interessant, den stereotypen, teils medial verstärkten Blick auf afrikanische Länder zu hinterfragen und mir selbst ein Bild zu machen.

Dafür hätten Sie aber auch nach Nairobi oder Kapstadt gehen können, anstatt ins Geburtsland ihres biologischen Vaters.

Ja.

Und?

Nichts und. Bisschen wie Schach hier zwischen uns beiden… (lacht) Ich sehe das Studium generell als Mittel der Perspektiverweiterung. Dafür war ich an einer amerikanischen Universität, an der Africana and Puerto Rican/Latino Studies als einer der ersten einen eigenen Fachbereich hatte. Dass es dafür selbst in den USA bis in die Sechziger gedauert hatte, zeigt doch, wie dominant rassistische Perspektiven sind. Diese Form politischer Marginalisierungsmechanismen hat mich schon früh interessiert. Wer darf sprechen, wer wird gehört? Da müssen wir uns auch als Medien andauernd kritisch hinterfragen und bei der Suche nach Fakten mit der Deutung vorsichtig sein, aber mithilfe unseres journalistischen Handwerkszeugs verschiedene Positionen aufzeigen.

Nur das oder auch Haltung zeigen?

Auch die, aber da geht es, so sehe ich das, weniger um eine persönliche Haltung, als um journalistische und ethische Codices, etwa Menschenwürde oder Menschenrechte zu achten. An diesen Leitplanken sind wir im Falle der Berichterstattung über die NSU-Morde schließlich voll verbeigefahren. Das war aus meiner Sicht nicht nur falsch, sondern unzulässig.

Konnten Sie in Ihren 13 Jahren als Journalistin stets unfallfrei zwischen Hinterfragen und persönlicher Haltung trennen?

Ja. Es sei denn, ich habe wie in meiner Rassismus-Dokumentation bewusst die rein sachliche Ebene verlassen und bin persönlich geworden. Das war allerdings auch genauso gekennzeichnet. Darüber hinaus fällt es mir aber leicht, meine persönliche Sicht vom Job zu trennen.

War Afro.Deutschland diesbezüglich eine Art emotionaler Befreiungsschlag, der einmal sein musste und damit erledigt ist?

(überlegt lange) Ich hatte schon immer Interesse, mal eine Doku über Rassismus zu machen, und als sie sich ergab, hab ich’s halt gemacht. Zumal die persönliche Ebene Menschen emotional mitnimmt. Persönliche Beispiele sorgen für Empathie, das ist ein schöner Ansatz; schließlich geht es bei der Berichterstattung über Marginalisierungen jeder Art nicht nur um Strukturen, sondern die Menschen darin.

Ein anteilnehmender Ansatz, der den Journalismus in Zeiten sozialer Netzwerke – man sieht das am zwanghaften Verlesen von Tweets in Talkshows – mehr denn je prägt.

Genau. Nicht jedem, der sich rassistisch äußert, ist es bewusst, das zu tun. Denen hilft die persönliche Sicht der Betroffenen, und eben nicht nur meine als Berichterstatterin. Dieses Lernen der Verhältnisse gilt übrigens auch für mich selber. Ich habe keine Behinderungen, bin heterosexuell, komme aus der Mittelschicht, einem Akademikerhaushalt und muss mich in die Diskriminierungsmuster all jener, für die das nicht gilt, erst reindenken. Wir alle, nicht nur Journalist*innen, müssen ständig unseren Horizont erweitern. Mit Rassismus und Sexismus habe ich mich viel auseinandergesetzt, bei Homophobie oder sozialer Herkunft muss ich mich auch ständig hinterfragen, sind die Begriffe, die ich benutze, vielleicht unbewusst diskriminierend? Es geht um gegenseitiges Verständnis.

Haben Sie aus dieser Selbsterkenntnis heraus ein didaktisches, um nicht zu sagen pädagogisches Sendungsbewusstsein?

Witzigerweise wird Journalist*innen of Colour mehr als anderen Kolleg*innen unterstellt, sie hätten eine Mission.

Die Frage stelle ich allen Journalistinnen und Journalisten, sofern deren Arbeit darauf hindeutet – auch ihrem sehr, sehr weißen Kollegen Claus Kleber.

(lacht) Okay, glaube ich Ihnen. Aber dem entgegne ich trotzdem. Es! Ist! Ein! Hand! Werk! Der Bruder einer Freundin von mir ist Handwerker. Dabei muss er manchmal eben auch Badezimmerfliesen verlegen, die ihm selber nicht gefallen. Einen guten Job macht er trotzdem und verlegt sie ordentlich. Und so ist das auch beim Journalismus. Obwohl mir manche Fliesen persönlich nicht gefallen, ich beherrsche das Handwerk. Ersteres ist also Geschmackssache, letzteres die Grundvoraussetzung. Deswegen hab‘ ich kein Sendungsbewusstsein, aber natürlich die Aufgabe, besonders bei den Mächtigen alles kritisch zu hinterfragen, nachzuhaken, hinzugucken, Informationen zu sammeln und verfügbar zu machen.

Sind Sie als heute-Moderatorin, die Fakten nur bündelt, nicht kommentiert, sozusagen dort angekommen, wo sich ihr Berufsethos schon immer hin gesehnt hat?

Mit der heute-Moderation hat sich für mich ein Traum erfüllt. Ich muss mich zwar disziplinieren, beim Schreiben der Moderationen nicht zu lang zu werden, mir gefällt das Reduzierte der 19-Uhr-Nachrichten aber sehr.

Mögen Sie auch die damit verbundene Popularität oder zumindest die gesellschaftliche Strahlkraft?

Wie Sie vielleicht gemerkt haben, bin ich sogar ein bisschen öffentlichkeits- und damit popularitätsscheu. Selbst auf social media poste ich nur das Nötigste, sonst fängt das Private nämlich an, das Berufliche zu überlagern. Können alle machen, wie sie wollen. Ich will das nicht. Natürlich hat jede ihre Art zu sprechen, zu gucken, zu schreiben, zu stehen, wir sind ja keine Roboter. Und deshalb ist das Schönste an meinem Job bei heute auch, dass meine Texte von mir stammen. Ich weiß noch, wie ich bei der Deutschen Welle volontiert habe; da machen alle am Ende eine Probemoderation, um zu sehen, wie man vor der Kamera wirkt. Schon da hieß es, offenbar hätte ich Spaß daran. Ich hatte nie dieses Bedürfnis unbedingt ins Fernsehen zu müssen, aber jetzt bin ich da und fühle mich extrem wohl.

Sind Sie als Sprecherin der, pardon: zweitwichtigsten deutschen Nachrichtensendung nach der Tagesschau

What!? (lacht)

… mit gerade mal 40 nicht in einer Position angekommen, an der es nach oben kaum noch Luft ist?

Das klingt jetzt so, als ginge ich mit einem Masterplan durchs Leben, der nur Wege aufwärts kennt. Ich glaube eher, dass man Dinge genießen muss, wenn sie sich ergeben. Und obwohl ich viele Stufen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens von der Deutschen Welle über Morgen- und Mittagsmagazin bis hin zur Brexit-Berichterstattung vor Ort durchlaufen habe, war heute bis vor einem Jahr nicht auf meinem Schirm. Ich laufe nicht von Ehrgeiz getrieben durch die Welt.

Dennoch war Ihre Karriere – komischer Begriff, oder?

Stimmt, benutze ich auch nicht.

Also Ihr beruflicher Werdegang: täuscht der Eindruck, dass er relativ frei von Brüchen ist?

Kommt drauf an, wie Sie Brüche definieren. Ich hatte schon meine Phasen, nach der Schule etwa, wo ich ungeachtet meiner späteren Laufbahn, noch so ein Begriff, erstmal nach Simbabwe gegangen bin, ehrenamtliche, soziale Arbeit gemacht habe, später dann ein Praktikum im UN-Peacekeeping Department im NY und nicht besonders schnell studiert habe. Dass ich von dort zu N24 gekommen bin und während des Studiums bereits als Assistentin des damaligen Chefredakteurs Peter Limbourg in der Parlamentsredaktion gearbeitet habe, war eher Zufall, aber eine total gute Schule. Noch nicht journalistisch, aber technisch.

Assistentin klingt etwas trocken.

Ich fand’s spannend. Ich habe schon immer auch hart gearbeitet, aber alles mit großer Leidenschaft gemacht.

Nehmen wir Brüche also als Rückschritte, gab es die mal?

Auch da frage ich mich, was soll denn vor oder zurück sein? Meine Ausbildung als Antirassismus- und Diversity-Trainerin, die ich nebenbei gemacht habe, war rein journalistisch womöglich nicht zielführend, aber für mich als Person unbedingt. Und als ich in Amerika war, hätte ich an der Columbia-University studieren können. Wow – Prestige! Ich wollte jedoch lieber an eine staatliche Hochschule, das Hunter College der City University of New York, weil der Fachbereich da besser passte. Inhalte sind mir stets wichtiger als Renommee oder Karriereschritte, und am Ende habe ich auch immer das Gefühl, dass sich der Kreis schließt. So ist mein akademisches Wissen zu Rassismus auch in Afro.Deutschland geflossen. Ich bin ja nicht ohne Grund bei den heute-Nachrichten und nicht beim, sagen wir: Sport. Davon habe ich keine Ahnung. Von Politik schon.

Die könnten Sie sich aber auch aneignen?

Womöglich schon, aber das ist nicht meine Expertise, deshalb lasse ich das andere machen, die das viel besser können. Schusterin, bleib bei deinen Leisten. Aber das fällt mir ja auch nicht schwer. Und wie erwähnt: Abgesehen von Hautfarbe und Geschlecht bin ich von meiner sozialen Herkunft her klassische Mittelschicht. Genau da liegt übrigens auch hier im Haus noch was im Argen.

Inwiefern?

Aufsteigergeschichten aus ärmeren, aus sozial benachteiligten Familien dürften eher selten sein. Von daher war mein Lebenslauf nicht ohne Umwege, aber straight.

Sind Sie demnach nie gegen die gläserne Decke männlicher Macht- und Einflusszirkel gestoßen?

Nicht hart zumindest. Und das ZDF hat mir beim Durchstoßen geholfen, indem es mir die Moderation der heute-Nachrichten angeboten hat. Um Netzwerke habe ich mich darüber hinaus wenig gekümmert – weder um die eigenen noch die anderer. Für sowas denke ich viel zu wenig strategisch.

Aber Netzwerke muss man ja nicht knüpfen, um darin zum Objekt oder Subjekt zu werden.

Das stimmt, aber ich glaube mich zu erinnern, in meinem direkten beruflichen Umfeld immer die einzige Schwarze gewesen zu sein. Als solche hatte ich das Glück, dass all meine Chefinnen und Chefs davon unabhängig meine Leistung erkannt, wertgeschätzt und gefördert haben, ohne weiße Männer vorzuziehen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Entschuldigung, aber dafür, dass Sie in doppelter Hinsicht diskriminierungsanfällig sind, klingt es manchmal, als seien Sie bei Ihrem beruflichen Werdegang ständig über eine rosa Wiese voller Einhörner geritten.

Das nicht, ich habe die ganze Zeit richtig hart gearbeitet, um an diesen Punkt zu kommen, und es gibt in allen Strukturen fest verwurzelten Rassismus und Sexismus, den ich sowohl selber als auch bei Kolleg*innen erleben musste, mit denen ich mich darüber intensiv ausgetauscht habe, klar. Aber sie haben in meinem Fall nie bewusst zu großen Brüchen oder zum Scheitern geführt. Aber nur, weil das bei mir jobmässig nicht so war, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einem strukturellen Problem der Ausgrenzung zu tun haben.

Ein großes, spürbareres Problem ist dabei auch, welchen Anfeindungen man in meinem Beruf als Schwarze Frau von außen ausgesetzt ist.

Über die sozialen Netzwerke.

Die das nochmals massiv verstärkt haben. Misogynie, Rassismus kenne ich, seit ich denken kann, in allen Formen auf allen Ebenen, aber wie mittlerweile versucht wird, gerade aber nicht nur Journalist*innen of Colour unter Androhung körperlicher Gewalt zum Schweigen zu bringen – das hat sich durch die sozialen Netzwerke noch mal verstärkt und ist äußerst problematisch.

Gibt es in den Medien so was wie Diversitätssolidarität, dass unmittelbar Betroffene enger zusammenrücken und den Zuspruch all jener kriegen, die nur mittelbar betroffen sind?

Die gibt es in der Tat. Deshalb bin ich – Stichwort Vernetzung – auch Mitglied bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen zur Förderung von Diversität in den Redaktionen und diskriminierungsfreier Berichterstattung, ich bin in einer Gewerkschaft, bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, habe einen Schutzkodex für Medienhäuser mit initiiert, der freie und feste Journalist*innen besser gegen Anfeindungen schützen soll. Ich bin also schon sehr aktiv, aber nicht fürs berufliche Fortkommen, sondern das soziale aller. Dieser Austausch ist ein enorm wichtiger Faktor fürs Empowerment auf der persönlichen Ebene.

Die Malisa-Stiftung von Maria und Elisabeth Furtwängler hat unlängst eine Studie zur Diversität in Medien und Unterhaltungsbranche veröffentlicht, der zufolge viele Genres beim Thema Geschlechterparität selbst für ältere Frauen auf gutem Weg sind. Was aber immer noch weit unterm Bevölkerungsschnitt vorkomme, sei Migration, Behinderung, Alter und mit Abstrichen sexuelle Orientierung.

Kann ich mir gut vorstellen.

Wie schaffen es die Medien gemeinsam, dieses Ungleichgewicht zu beseitigen?

Ein guter Anfang wäre jedenfalls mal das generelle Bewusstsein dafür, dass es Missverhältnisse gibt, die auf sozialer Ungleichheit verschiedener Art beruhen. Darauf müssen wir schon bei der Auswahl von Volontärinnen und Volontären stärker achten, aber auch bei unserer eigenen Sprache. Wer von „Problemvierteln“ oder „Brennpunktschulen“ spricht, darf sich nicht wundern, wenn sich die Menschen dort stigmatisiert fühlen. Dabei sind doch die grundlegenden Probleme schlechte Startchancen und fehlende Ressourcen. Abqualifizierende Pauschalisierung wird eher nicht dazu führen, dass sich Menschen von dort in unserem Beruf bewerben.

Ein syrischer Vorname katapultiert die Bewerbungsmappe da schnell zurück zum Postausgang.

Wir wissen alle, dass Schüler und Schülerinnen mit erkennbarem Einwanderungshintergrund für gleiche Leistungen schlechter benotet werden – und zwar oft ein Leben lang. Das müssen Medienunternehmen auf dem Schirm haben.

Ist das ein Plädoyer für die Quote?

Ich persönlich habe nichts gegen Quoten, auch was Migrationserfahrungen betrifft.

Entsprechend ihrer Repräsentanz in der Gesamtbevölkerung?

Als Übergangslösung fände ich das sinnvoll. Denn die Frage ist ja, wann es sich ohne Quoten ändert. Wir sind seit jeher ein Einwanderungsland. Beispiel die sogenannten ersten Gastarbeiter kamen vor 60 Jahren, dafür hat sich am Status der Immigranten und ihrer Nachfahren bislang vergleichsweise wenig geändert. Wer die damalige Berichterstattung zu den NSU-Morden betrachtet, darf sich nicht wundern, wie schwer das die betroffenen Communities getroffen hat. Wir müssen dringend wegkommen von Männerbünden und Glasdecken, unter denen Identitäten über die Zukunft entscheiden, nicht Fähigkeiten.

Eine andere Studie, diesmal der Electronic Media School, hat Volontärinnen und Volontäre der ARD im April untersucht, die sich vom ZDF nicht grundsätzlich unterscheiden dürften. Der Migrationsanteil kommt dort – wenngleich einschließlich der Deutschen Welle – auf erstaunliche 30 Prozent, der weibliche sogar auf 60.

Echt?

Echt. Demgegenüber stehen allerdings nur jeweils elf Prozent Ostdeutsche und Landbewohner, aber 67 Prozent aus Akademikerhaushalten und ebenso bemerkenswert: mehr als die Hälfte potenzieller Grünenwähler. Ganz schön einseitige Zahlen, oder?

Absolut. Besonders die Unterrepräsentation ostdeutscher und ländlicher Biografien entzieht dem Journalismus enorm wichtige Expertisen aus Regionen, die deren Nachvollziehbarkeit ungemein steigern würde. Wir müssen da trotz spürbarer Fortschritte wirklich vielfältiger werden.

Ist das Glas des Journalismus in Sachen Diversität demnach halb voll oder halb leer?

Definitiv halb leer, und ich frage mich wirklich, wie lange wir eigentlich noch warten wollen, bis das Glas voll von dieser Selbstverständlichkeit ist? Es tut sich was, aber viel zu langsam.

Und was können die Medien zu dieser Selbstbeschleunigung beitragen?

Diversität schon bei den Einstellungspraxen gezielter in Richtung aller strukturell unterrepräsentierten Gruppen fördern und diese Förderung bis auf Führungsetagen fortsetzen. Außerdem muss der Schutz der Pressefreiheit mit allen Mitteln verfolgt werden. Wenn Journalist*innen für die Ausübung ihrer Arbeit angegriffen werden, geht es tatsächlich ums Grundsätzlichste, Elementarste der Demokratie, das ist keine Privatsache. Aber es fällt mir wirklich schwer, Allheilmittel zu formulieren.

Wenn Sie, was ich selber schon getan habe, vor Schulklassen oder Volo-Kursen stehen würden, um sie vom Sinn und Glück unserer Branche zu überzeugen, was würden Sie denen sagen?

Dass es ein wunderschöner Beruf ist, bei dem man jobbedingt alles hinterfragen, ständig lernen, Zusammenhänge verstehen kann, darf, muss und damit etwas Unerlässliches dazu beiträgt, dass diese Demokratie funktioniert. Ist das zu allgemein?

Nein, aber wenn da eine 16-jährige Schwarze sitzt, die Angst vor dieser Aufgabe hat – wie würden Sie ihr die zu nehmen versuchen?

So leid es mir tut: dass sie es schaffen kann, dafür aber faktisch noch immer doppelt so hart arbeiten muss wie die meisten gleichaltrigen (weißen) Männer. Und dass es immer noch viel davon abhängt Glück zu haben, Glück, dass die Vorgesetzten sich des Themas Rassismus bewusst sind, und einem die Möglichkeit geben, sein Können zu zeigen. Und das ist das Problematische: dass es von so was abhängt.

Gibt es Mechanismen der Stress-Resilienz, die Sie selber für sich anwenden?

Mir tut persönlicher Austausch bei gleichzeitiger Fokussierung aufs Wesentliche gut. Dabei hilft mir das ZDF sehr, in dem zum Beispiel Kommentare und Posts über und an mich von anderen vorsortiert und gegebenenfalls angezeigt werden, damit nicht der ganze Müll bei mir landet. Justiziabler Hass, Sexismus und Rassismus sind nicht tolerabel. Punkt.


6 Comments on “Jana Pareigis: Diversity & heute-News”

  1. Wieviele Schwarze gibts in Deu? So ca. 1 Mio. Macht 1/80. Also müssten im BT 9 sitzen. Tun sie nicht. Aber ich würde wetten, dass der Dame selbst 50 nicht reichen würden. Ihrerseits ist es schon Jammern auf Spitzenniveau.

  2. Jan Freitag says:

    Werter Nouseforislam, Sie denken, schreiben, agitieren wie ein Weißer Alter Mann mit großer Angst vorm Verlust jahrtausendealter Priviliegion. Da kommen wir argumentativ nicht überein, aber danke fürs Gespräch.

  3. zaungast20 says:

    “Weisser Alter Mann” ist mindest so diskriminierend, wie “Neger”. Einfach rotzig und zeugt von jugendlicher Überheblichkeit.


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