Lauer Stuhl & Konferenzen

Die Gebrauchtwoche

TV

17. – 23. Januar

Manche Rückkehr ist gar keine Rückkehr, sondern reanimierter Ist-Zustand. Dass der Bild-gestählte RTL-Politikchef Nikolaus Blome mit der Gossip-Beauftragen Frauke Ludowig den Heißen Stuhl aus der Asservatenkammer geholt, bei Stern TV einen Querdenker draufgesetzt und seine Lügen dort größtenteils unwidersprochen erduldet hat, ist ja ebenso wenig ein Revival wie die fortgesetzte Wiederbelebung von Wetten, dass…? im Zweiten.

Schließlich gehört mangelnde Originalität im Kampf um die Überreste linearen Publikums zum Wesenskern beider Kanäle – den jedoch niemand inniger bewahrt als Sat1, wo seit gefühlt 25 Jahren nichts Innovatives mehr lief. Als Jörg Pilawa nach seinem Wechsel dorthin sein erstes Format präsentierte, war damit klar, was es wird. Nämlich – Surprise – ein Quiz. Und zwar, nächste Überraschung: mit Prominenten für Charity-Zwecke nach einer Idee von John de Mol. Crazy Sat1!

Nach einer Idee von Margaret Thatcher möchte Boris Johnson derweil die BBC zerlegen. Das versucht er zwar ersichtlich, um von seiner desaströsen Führung der vergangenen, na ja, eher der kompletten Regierungsmonate abzulenken. Nichtsdestotrotz ist sein Plan, die Gebührenfinanzierung bis 2027 abzubauen und dann in ein Abo-Modell zu überführen, der bislang größte Angriff auf die Pressefreiheit der britischen Nachkriegszeit. Und damit eine ähnlich schlechte Nachricht wie jene, dass Julian Reichelt „was eigenes machen“ will, wie er in einer Talkshow seines rechtspopulistischen Mitverschwörers Dietrich Mateschitz sagte.

Dafür, sagte das SEXMONSTER, wie er seinesgleichen in der Bild betitelt hätte, rede er „mit sehr vielen, sehr spannenden jungen Kolleginnen und Kollegen“. Wobei erstere wohl vor allem willig sein dürften und letztere reaktionär. Währenddessen beschied das OLG Hamburg, der Spiegel dürfe sein Reichelt-Porträt „Vögeln, fordern, feuern“ wieder online stellen, während die #MeToo-Kanonade gegen Luke Mockridge in weiten Teilen verboten bleibt. Anders als im RTL-Urwald herrscht im Mediendschungel offenbar doch nicht immer nur das Recht der Stärkeren.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

24. – 30. Januar

IBIS läuft also wieder. Und wieder. Und wieder. Diesmal in Südafrika statt Australien, aber mit denselben D-Promis von der Bachelor-Kandidatin Linda Nobat bis zum Bachelorette-Kandidaten Filip Pavlovic. Was noch in der freitagsmedien-Pause anlief: die großartige HipHop-Dramaserie Queens (Disney+). Die großartigere Mafia-Realfiktion L’Ora (Sky). Oder die großgroßartige Tierschützer-Doku Animals Army (joyn+). Und die großgroßartige Fortsetzung vom Ritualmord-Thriller Der Pass (Sky).

Auf andere Art überragend sind dagegen zwei Spielfilme aus und über Deutschland: Matthi Geschonnecks brillante ZDF-Rekonstruktion der Wannseekonferenz, begleitet vom Netflix-Drama München, das jenes Gipfeltreffen zum Politthriller macht, bei dem Hitler (Ulrich Matthes) und Chamberlain (Jeremy Irons) die Annexion des Sudetenlands und damit den 2. Weltkrieg beschlossen haben. Beides ist in seiner wahrhaftigen Spannung fast unerträglich.

Diese Woche neu wäre folgendes: Heute zeigt die ARD um 22.50 Uhr Hajo Seppelts Doku Wie Gott uns schuf über Homosexuelle in der katholischen Kirche. Morgen skizziert Jud Süß 2.0 ab 22.40 Uhr auf Art den neuen Antisemitismus und seine sozialen Netzwerke genannten Verbreitungsportale. Parallel dazu startet die ARD das nächste Improvisationsexperiment von Jan Georg Schütte, bei dem er sechs Teile lang Das Begräbnis einer Provinzpersönlichkeit eskalieren lässt. Und ab Donnerstag porträtiert das Erste Die Gewählten wie den frühvergreisten CDU-Jungen Tilman Kuban oder den alterslosen SPD-Chef Klingbeil.

Zeitgleich importiert Arte die Mystery-Serie Das Seil aus Norwegen, bevor tags drauf der amerikanische Comedycrime-Achtteiler The Afterparty bei Apple+ beginnt. Höhepunkt der nächsten sieben Tage aber ist aus Unterhaltungssicht die Katastrophenserie Station Eleven, in der 99 Prozent aller Menschen einer Grippe zum Opfer fallen. Umso verblüffender, dass der Zehnteiler ab Sonntag bei Starzplay dennoch nicht dystopisch ist.



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