Wannseekonferenz: ZDF-Fiktion & Wahrheit

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Aber wird das nicht sehr teuer?

Die dritte Verfilmung der Wannseekonferenz-Protokolle ist ein Kammerspiel, von fürchterlicher Anziehungskraft – gerade, weil das ZDF (in seiner Mediathek) zeigt, wer den Holocaust damals organisierte: ganz gewöhnliche Männer mit ganz gewöhnlichem Vernichtungswillen.

Von Jan Freitag

„Was nützen die besten Worte“, schrieb Kurt Tucholsky lange, bevor die Nazis erst seine Bücher verbrannt, dann seine Staatsbürgerschaft annulliert hatten, „wenn sie über die Wirklichkeit hinwegtäuschen“. Wäre der sprachgewaltige Schriftsteller nicht kurz darauf im schwedischen Exil gestorben, er hätte diesen Satz womöglich am 20. Januar ergänzt, als sich in anderthalb Stunden zeigte: die schlechtesten Worte können durchaus über die Wirklichkeit hinwegtäuschen – zuweilen sogar die Wirklichkeit derer, von denen sie stammen.

Als sich nationalsozialistische Spitzenfunktionäre aus Regierung, Partei, SS heute vor 80 Jahren in einer prächtigen Villa am Südwestrand Berlins trafen, um die „Endlösung der Judenfrage“ voranzutreiben, fiel daher kaum ein konkretes Wort zur geplanten Vernichtungsoffensive. Über 90 Sitzungsminuten hinweg haben die 15 Teilnehmer ihre elf Millionen Opfer schließlich nur „ausgekämmt“, dann „einwaggoniert“, mit „Abschubmitteln“ in „Zielräume“ mal „evakuiert“, mal „deportiert“, um sie nach Kriterien der „Nützlichkeit“ einer „Sonderbehandlung“ zu unterziehen, wie die „Vorgänge im Osten“ weiter westlich hier heißen.

Wer sich die neueste Verfilmung des akribisch stenografierten Protokolls der „Wannseekonferenz“ anhört, könnte folglich meinen, es gehe gar nicht um den Holocaust, sondern jene Umstrukturierung des Postwesens, zu der Ministerialdirektor Friedrich Kritzinger im Anschluss aufbricht. „Sie ham ja ‘ne Kondition“, gibt ihm NSDAP-Kanzleivize Gerhard Klopfer noch lächelnd mit auf den Weg, worauf der Beamte nüchtern „man muss Opfer bringen“ entgegnet – dann ist die folgenschwerste Sitzung der Menschheitsgeschichte beendet, ohne dass Worte wie Tod oder Vergasen, Konzentrationslager und Vernichtung fallen.

Der verharmlosende Duktus allein aber macht die Neuverfilmung der Zusammenkunft gar nicht so faszinierend; es ist die Banalität des Bösen, mit der sie Matti Geschonneck nach Drehbüchern von Magnus Vattrodt unter Begleitung des Vorlagengebers Paul Mommertz sie in Szene setzt. Kurz vor der Konferenz mit Seeblick hat Deutschland Amerika den Krieg erklärt, die russische Gegenoffensive rollt, doch als von der Etsch bis an die Memel bereits Bomben aufs Reich hageln, verteilt Genozid-Verwalter Adolf Eichmann (Johannes Allmayer) Platzkärtchen auf dem Verhandlungstisch, zu denen seine Sekretärin Ingeborg Werlemann (Lilli Fichtner) penibel Block und Bleistift legt. Ordnung muss sein.

Schon wegen des Durcheinanders. Wie Dietrich Mattausch im baugleichen Kammerspiel von 1984 (dem auch Paul Mommertz die Skripte schrieb), wie Kenneth Branagh in der BBC-Version 17 Jahre später, muss nun also auch Philipp Hochmairs Reichssicherheitsleiter Heydrich bei Kaffee und Cognac Profilneurosen und Machtkalküle ausbalancieren. Während NSDAP-Bevollmächtige der Art von Alfred Meyer (Peter Jordan) aufs Endlösungstempo drücken, das ein Regierungsbeamter à la Wilhelm Stuckart (Godehard Giese) juristisch bremst, würden SS-Aktivisten wie Rudolf Lange (Frederic Linkemann) schon zu Beginn der Sitzung gern symbolisch das Gas aufdrehen, von dem erst später die Rede sein wird.

Die resolute Nonchalance, mit der Hochmair den Zeremonienmeister gibt, grenzt da ans Genialische. Aber auch alle anderen Darsteller spielen das zynische Feilschen um Halb- und Vierteljuden, die geplanten Alterslager für Weltkriegsveteranen, den beklagten Arbeitskraftverlust durch massenhafte Deportationen mit einer opportunistischen Nüchternheit, die gleichermaßen fasziniert und abstößt. „Donnerwetter“, schwärmt Außenpolitiker Martin Luther (Simon Schwarz) über die Ablaufpläne der Massenvernichtung, „wenn ich als Spediteur einen gehabt hätte wie Eichmann, hätte ich auch so ‘ne Villa“, worauf der spätere Blutrichter Roland Freisler fragt: „Aber wird das nicht sehr teuer?“

Dieses selbstgefällige Kompetenz- und Kostengerangel zieht sich von der ersten bis zur 104. Minute durch die unerträglich sehenswerten Realfiktion einer unbegreiflichen Versammlung. Es verbirgt aber nie, dass wirklich jeder am Konferenztisch schuldig im Sinne sämtlicher Anklagepunkte von Nürnberg war. Anders, als es der reaktionäre Kollektivschuld-Leugner Guido Knopp vor 20 Jahren beim gleichen Sender getan hätte, wird bei dieser Wannseekonferenz also niemand entlastet. Dennoch verbietet sich Geschonneck überflüssige Interpretationsspielräume des Bösen und belässt es bei der Faktenlage, die den Holocaust als Werk gewöhnlicher Menschen überliefert.

Das unscheinbare Wörtchen „Gas“ fällt dabei übrigens erst am Ende, als die Sitzordnung schon aufgelöst wurde, gefolgt vom Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B. „Na, das passt doch“, meint Eberhard Schöngarth (Maximilian Brückner) süffisant. Vier Jahre später wurde der Sicherheitschef der SS im Generalgouvernement von den Alliierten hingerichtet – abgesehen von Adolf Eichmann als einziger der 15 Beteiligten, von denen viele weitgehend unbehelligt in der Bundesrepublik weiterlebten, als wäre nichts gewesen.



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