Putins Krieg & Wackernagels Aussicht

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. März

Keine drei Wochen ist es nun her, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Ganze 19 Tage, um einen Krieg in Europa schon wieder fast als Normalzustand anzusehen. Tote werden gezählt und Bombennächte, Sanktionen verabschiedet und umgangen, russische Medien und Begriffe wie Krieg verboten. Weil Journalist*innen für die Wahrheit darüber nun 15 Jahre Haft drohen, hatten ARZDF das Land zwar zwischenzeitlich verlassen, sind aber schon wieder zurück und berichten zusehends routiniert in der Diktatur über den Ausnahmefall einer Invasion, die gleichermaßen undenk- und erwartbar war.

Es sind bizarre Zeiten, in denen man sich mehr denn je nach Normalität sehnt, vorerst aber schon mit der Anerkennung unverrückbarer Tatsachen wie jener zufrieden wäre, dass man mit faschistischen Kriegstreibern keinen Handel treibt. Immerhin hat die Bundespressekonferenz begriffen, dass man mit deren Handlangern nicht im selben Saal sitzen möchte und den unsäglichen Boris Reitschuster einstimmig ausgeschlossen. Endgültig. Vielleicht stellt ihn Bernd Höcke ja ein, wenn er nach der thüringischen Machtergreifung einen Chefredakteur für den neuen Stürmer braucht.

Ein anderer Grenzwanderer zwischen Hirn und Hoden ist nach seinem Rauswurf beim Tagesspiegel da untergekommen, wo alte weiße Privilegien-Verteidiger gewissermaßen endemisch sind: Harald Martenstein schreibt jetzt für Ulf Poschardts elitenkapitalistische Welt. Das passt ja mal wie Arsch auf Arsch, oder wie heißt das noch? Ob die spektakulärste Personalrochade der Woche passt, muss sich noch zeigen, aber dass Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen zum Spiegel wechseln, darf man wohl als intrasensationellen Medienscoop bezeichnen.

Die Frischwoche

14. – 20. März

Größer noch als die angekündigte Rückkehr von Stefan Raabs Wok-WM nach sieben Jahren Pause, aber nicht ganz so groß wie jene Boni für die (natürlich komplett männlichen) Springer-Vorstände Jan Bayer, Julian Deutz, Andreas Wiele und Mathias Döpfner, für den (kann so eine Zahl Zufall sein?) 88,8 Millionen Euro Sonderauszahlung ein Trostpflaster ist, dass seinem Königreich BDZV langsam die Stiefellecker ausgehen. Was dem Fernsehen hingegen nie ausgeht: Rateshows.

Jörg Pilawas leutseliges Quiz für Dich geht deshalb Mittwoch bei Sat1 in die zweite Runde. Auch Historytainment wie Honecker und der Pastor, heute Abend im ZDF, wird auf deutschem TV-Boden niemals ausgehen. Ebenso wenig aussterbegefährdet: Schmunzelkrimis der Art von Mord mit Aussicht, jetzt dienstags mit Katharina Wackernagel statt Caroline Peters. Frisch beliebt ist hingegen das Prinzip Mockumentary à la Wrong, mit dem RTL+ gerade in Gestalt einer vermeintlichen dokumentargefilmten Hamburger Hipster-WG Baden geht.

Richtig, also so richtig richtig, um nicht zu sagen richtig richtig richtig gut ist demgegenüber die Magenta-Serie Oh Hell, in der Jerks-Autor Johannes Boss die unfassbare Mala Emde ab Donnerstag zu einer notorisch wahrheitsliebenden Lügnerin macht, die das Medium bislang noch nie gesehen hat. Acht Teile à 25 Minuten und jeder Moment eine Offenbarung sozialanalytischer Realcomedy. Über Human Ressources würde man auch gerne was sagen, aber Netflix ist die Presse wie immer zu lästig, um ihr vorab etwas über den Serienstart am Freitag erzählen.

Ebenfalls bemerkenswert sind zwei Achtteiler. Der erste startet parallel bei Apple+, heißt We crashed und handelt von der Welt des Coworking. Der zweite beginnt tags zuvor, nennt sich Funeral for a Dog und erzählt von einem Reporter (Albrech Schuch), den sein Interview mit dem Bestseller-Autor Svensson (Friedrich Mücke) am Comer See in die Vergangenheit einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung zieht. Und die ARD-Serie All In, ab Sonntag in der Mediathek, ist schlicht zu weird, um über Inhalte zu reden. Einfach ansehen, bitte! Zeitgleich bodenständig: Das Rehagel-Porträt König Otto bei Sky. Die liebenswerte Disney+-Doku More Than Robots über kybernetische Bastelwesen. Und die vierteilige Sky-Begegnung mit Janet Jackson an gleicher Stelle ist auch sehenswert.



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