WeCrashed: CoWorking & Supernovae

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Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus

Die großartige Miniserie WeCrashed erzählt vom Aufstieg und Fall der real existierenden Immobilien-Firma WeWork und ihres charismatischen Gründers, belässt es bei Apple+ aber zum Glück nicht bei wohlfeiler Kritik am Blasen-Kapitalismus.

Von Jan Freitag

Eine Supernova ist Anfang und Ende zugleich. Im Moment seiner größten Ausdehnung kollabiert dieser enorm massige Stern mit solcher Strahlkraft, dass ihr Anblick – würde er sich nur wenige Tausend Lichtjahre entfernt ereignen – nicht nur der imposanteste, sondern letzte aller Lebewesen wäre. Rebekah hätte sich also besser mal ein weniger explosives Kosewort ausgesucht, um Adam Neumann zu beschreiben. Zu spät.

Als sie ihren Mann zu Beginn der Apple-Serie WeCrashed mit „du bist eine Supernova“ zur Aufsichtsratssitzung seiner eigenen Firma schickt, dürften aufmerksame Zuschauer schließlich ahnen: es wird seine letzte. Denn am Ende der ersten von acht Folgen ist der CEO des hellsten Sterns am New Yorker Start-up-Himmel schon wieder verglüht. Danach aber erzählt WeCrashed auf Basis des gleichnamigen Podcasts vom Aufstieg und Fall eines realen Immobilien-Unternehmens, das Rebekah und Adam Neumann 2010 aus den Ruinen der Finanzkrise gestampft haben.

Zwölf Jahre vorm schicksalhaften Septembertag 2018 nämlich schicken die Autoren Lee Eisenberg und Drew Crevello ihre Hauptfigur mit dem Rollkoffer durch Manhattan, wo er Babyknieschützer und Wechselhacken verkaufen und den überhitzten Mietmarkt nebenbei mit einer Idee umwälzen: Coworking-Spaces. „Könnte man Ihr Selbstbewusstsein in Flaschen abfüllen“, meint ein potenzieller Geldgeber über sein Konzept geteilter Büroflächen, „wäre ich dabei“. Luftschlösser jedoch wolle er nicht bauen. Offenbar ein Fehler. Oscar-Preisträger Jared Leto spielt Adam schließlich wie das israelische-amerikanische Original als charismatischen Überzeugungstäter, der sich von Rückschlägen nie einschüchtern lässt.

Weder als seine Idee kollektiver Arbeitswelten in rummelplatzartigen Lofts Absagen erntet, noch als ihn die Yogalehrerin Rebekah – mit kerniger Empathie von Anne Hathaway verkörpert – mehrfach abblitzen lässt. In ihr findet der unwiderstehliche Träumer folglich eine Seelenverwandte, die das gemeinsame Luftschloss mit Worthülsen von „Familie“ über „Lifestyle“ bis „Community“ zum Weltkonzern mit 425 Immobilien in 100 Toplagen aller Global Cities aufplustert. Gesamtwert zwischenzeitlich: Rund 47 Milliarden Dollar – Mitte der Zehnerjahre das drittwertvollste Privatunternehmen Amerikas und schillerndster Ausdruck einer kapitalistischen Kultur, die Eisenbergs und Crevellos Regisseure grandios in Szenen setzen.

Was WeCrushed – Deutsch: wir sind zerbrochen – in achtmal 50 Minuten zeigt, ist das Dotcom-Versprechen explodierender Renditen auf Fabriketagen ohne Produktionsmittel. Wie Popstars werden die Neumanns von Beleg- wie Kundschaft gefeiert, wenn sie ihre Lyrik von der ethischen Gewinnmaximierung vortragen. Eine „Share Economy“ genannte Form urbaner Nachhaltigkeit, in der Besitz zugunsten kollektivierter Waren und Räume an Bedeutung verliert – für andere zumindest. Denn bevor Adam die eigene Kündigung kriegt, lässt er sich von Dienstboten im Luxusloft zum Aufwachen seine Bong anzünden, während die jüdische Millionenerbin Rebekah mit dem Helikopter zur Firmensause ins Grüne fliegt.

Weil fiktionale Fundamentalkritik der Klassengesellschaft 2.0 aber schnell öde wird und auch ein wenig wohlfeil, erzählen die Showrunner parallel noch andere Geschichten. Die einer Börsenblase zum Beispiel, in der Autobauer, bei denen kaum Autos vom Band laufen, mehr wert sind als alle deutschen Autobauer zusammen. Die einer Selbstbetrugsbranche, in der ein Kapitalist zum anderen sagt, „ich habe kein Wort von dem verstanden, was Sie grad gesagt haben, aber ich wünschte, ich hätte es als erster gesagt“. Oder die einer vermeintlich emanzipierten Arbeitsatmosphäre, in der Frauen auf „Fuck-Klos“ gefügig gemacht werden.

Noch bedeutungsvoller jedoch ist, dass WeCrashed abseits der sozioökonomischen Stoßrichtung eine wundervoll gleichberechtigte Lovestory erzählt, deren Tonfall das Ende der ersten Folge setzt. Nachdem Adam abgesetzt wurde und bei der Fahrt im Fahrstuhl abwärts so laut schweigt, dass es schmerzt, meint Rebekah „fertig mit Schmollen?“ und fordert ihre Assistentin auf, die Anwälte anzurufen. „Welche?“, fragt die. „Alle!“. Hier erst geht der Kampf richtig los. Es ist einer um Lebenswerke und Liebesbeziehungen, Überzeugungen und Ideale, männliche und weibliche Egos, also den Spätkapitalismus im Ganzen. Und das sehr sehenswert.



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