Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)



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