Sebastian Koch: Your Honor & Euer Ehren

koch

Spielberg ist ein extrem freundlicher Mann

Spätestens seit seinem oscargekrönten Welterfolg Das Leben der Anderen ist Sebastian Koch (Foto: Andreas H. Bitesnich) einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler. Warum, zeigt er in der ARD-Serie Euer Ehren (abrufbar in der Mediathek). Sein Richter auf Abwegen ist zwar ein Remake vom Remake, aber brillant verkörpert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie vor den Dreharbeiten zu Euer Ehren die amerikanische Version dieser israelischen Serie mit Bryan Cranston gesehen?

Sebastian Koch: Ich hab‘ mich nicht getraut – aus Angst, dass es mich irgendwie besetzt und beschränkt. Aber jetzt, wo ich unsere Serie am Stück gesehen habe und sehr begeistert bin, kann ich das ja nachholen.

Cranston meint über den Michael Desiato, der wie Ihr Michael Jacobi zur Rettung seines straffälligen Sohns unablässig Recht bricht, wer wie er mit Anfang 60 Richter spielt, könnte sich bereits auf dem Weg ins Alterswerk befinden. Sie sind jetzt Ende 50…

Der Titel „Euer Ehren“ klingt natürlich mehr noch als Your Honor ein bisschen sakral, aber ich empfinde den Versuch, seine demokratischen Werte und Einstellungen aktiv umzusetzen als so dynamisch, dass er überhaupt kein alter Sack ist. Deswegen bewerte ich ihn auch nicht nach Alterskriterien.

Nach welchen dann?

Seinem Anspruch an sich selber. Bislang lief bei ihm alles nach Plan, seine Karriere entsprach unserer Wunschvorstellung vom Richter als Idealist, der für die Gerechtigkeit alles sehr genau bewertet. Trotzdem reicht am Ende eine Lüge, um seine Fähigkeiten in einem Abwärtsstrudel so zu überfordern, dass er seine Werte nach und nach aufgibt und aufhört, ein Richter zu sein.

Haben Sie selber schon mal vor einem Richter gesessen?

Vor einer Richterin. In einem Verkehrsdelikt.

Welches Bild von dieser Institution hat sich Ihnen dabei eingeprägt?

Ein beklemmendes. Das liegt im Umstand eines gewissen Freiheitsentzuges, aber auch an der Berufskleidung, die einem Pfarrer nicht unähnlich ist. Wobei Jacobi die Rechtsprechung wirklich als Rechtsprechung auffasst, in seiner Haltung fast schon links ist und deshalb auch dieses einschüchternde, emotionslose Juristendeutsch vermeidet. Ich selbst bin mit Anwälten befreundet, bei denen der Paragrafenwald auf distanzierte Art bis in die Alltagssprache wächst. Bisweilen sehr befremdlich. Jacobi ist da anders, wird von den Ereignissen am Ende aber genauso vor sich hergetrieben, wie alle anderen.

Wie würden Sie als Vater von zwei Kindern denn reagieren, wenn die Rettung eines der beiden nur auf der schiefen Bahn möglich scheint?

Das ist mir zu hypothetisch, deshalb habe ich den Gedanken auch gar nicht zugelassen für die Rolle. Jacobs Reaktion folgt keinem Plan, sondern ist rein intuitiv. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie in eine Kugel springen, die auf ihr Kind abgeschossen wird?

Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen.

Gut gelöst, Herr Freitag. Michael Jacobi ist gesprungen, aus dem Bauch heraus, aber mit allen Konsequenzen. Genau das macht den Stoff so spannend und aussagekräftig, was grad unsere Gesellschaft betrifft, die durch Krisen wie den Rechtsruck so durcheinandergeschüttelt wird, dass sich die Kategorien richtig und falsch zusehends auflösen. Die Serie hebt deshalb nie den Zeigefinger, das gefällt mir sehr. Auch, weil das deutsche Fernsehen Gut und Böse gerne klar voneinander abgrenzt. Wer wo steht, erfährt man oft schon durch die Musik. Deshalb mag ich Geschichten wie diese, die auch mir als Darsteller lieber Fragen stellen als Antworten zu geben und damit wirklich nahekommt, ohne moralisch zu werden.

Wenn man wie Sie öfter abgründige Figuren wie Albert Speer, Rudolf Höß oder Stauffenberg spielt – bergen Fragen ohne Antworten und Nähe ohne Moral da nicht die Gefahr der Verharmlosung?

Gute Frage. Denn gerade beim Speer war ich mit Heinrich Breloer nicht ganz d’accord, wie er diesen Täter zum Mitläufer gemacht hat, der sein Umfeld nur perfekt und mit ausgeklügeltem, hochintelligentem Kalkül belogen hat. Ich bin mir sicher, der hat sich geglaubt, das Richtige zu tun, war also im besten Sinne dieses deutschen Wortes in seiner Realität „ver-rückt“, also einer der Guten. Und gerade da fängt es ja an in unsere Nähe zu kommen. Das Monster können wir wegschieben, indem wir sagen, „das hat nichts mit uns zu tun“, den Menschen aber müssen wir aushalten und uns mit ihm beschäftigen. Sich in diesem Bereich zu bewegen, ist für mich nicht nur als Schauspieler enorm spannend.

Durch Formate wie Speer und Er ist auch der internationale Film auf Sie aufmerksam geworden. Wie war es, vom beengten deutschen auf den globalen Markt zu kommen?

Unabhängig von der Frage, ob das mit der deutschen Enge stimmt, war es auf jedenfalls etwas völlig anderes, international zu drehen – schon wegen der Sprache. Auf Französisch zum Beispiel ist meine Stimme ein bisschen höher, auf Englisch geht sie runter. Ich finde es großartig, in Fremdsprachen zu drehen; das Improvisieren fällt zwar schwerer, es öffnet aber neue Türen auf größere Märkte mit anderen, oft besseren Stoffen.

Wenn Sie zugleich ein deutsches und ein englisches Drehbuch von vergleichbarer Qualität auf den Tisch kriegen – für welches entscheiden Sie sich da?

Kommt auf die Menschen an. Als ich vor Euer Ehren David Nawrath traf, wusste ich sofort, in seiner liebevollen Atmosphäre möchte ich arbeiten. Es ist ein Geschenk, jemanden wie ihn zu finden, der in seinen Filmen nichts behauptet, sondern einfach zeigt, wie es ist. So was findet man auch bei Steven Spielberg, mit ihm Bridge of Spies zu machen, war ein Fest.

Aber auch ohne Fest: Spielberg spricht doch für sich, oder?

Eben nicht. Wenn Atmosphäre und Buch gut sind, ist der Name egal und wenn er es nicht ist, dann eben, weil Steven Spielberg so ein extrem freundlicher Mann ist. Ich urteile da eher nach meinem Bauchgefühl.

Das man sich aber auch erarbeitet haben muss?

Da ist ein bissl was dran, führt allerdings eher dazu, sich auch mal zur Ruhe kommen zu lassen und nicht alles anzunehmen. Es gefällt mir sehr, weniger zu drehen als vor fünf oder zehn Jahren und das, was ich mache, mehr zu genießen.

Kann ein Filmstar dennoch starstruck sein, wenn sich zum Beispiel die Möglichkeit bietet, mit Benedict Cumberbatch zu arbeiten?

Kann sein, hab‘ ich auch einmal gemacht, um mit Julianne Moore zu arbeiten, die ich unbedingt mal kennenlernen wollte. Der Film hieß Belcanto, und ganz ehrlich? Da gibt es Bessere. Aber mit Julianne Moore zu drehen, war toll, die ist echt ‘ne Wucht. Trotzdem, die Geschichte sollte doch im Mittelpunkt stehen und das erste Kriterium sein.

Gibt es jemanden, für den Sie alles stehen und liegen lassen würden?

Natürlich kann mir sowas immer wieder passieren (lacht). Guillermo del Toro zum Beispiel, der so spezielle Sachen wie Nightmare Alley oder Pan’s Labyrinth gemacht hat, Sean Baker mit „The Florida Project“, oder Paul Thomas Anderson, dessen Licorice Pizza Lust auf Filme macht, weil es darin um so wenig und zugleich um alles geht. Da kann die Geschichte auch mal den ein oder anderen Schwachpunkt haben.

Auch für Low- oder No Budget Filme junger, hungriger Regisseure, bei denen es außer Renommee womöglich nichts zu verdienen gäbe?

Es geht mir nicht in erster Linie um Gage, aber wenn ein Film am äußersten Gießkannenrand der deutschen Filmförderung liegt, nur im Feuilleton euphorisch besprochen wird und ihn außer 400 deutschen Akademiemitgliedern niemand sieht, würde ich mir doch überlegen, vielleicht abzusagen. Aus meiner Erfahrung findet aber ein wirklich kraftvolles Drehbuch seinen Weg und die damit verbundene Finanzierung und Aufmerksamkeit. Es gibt halt nicht so viele davon…



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