Wahrnehmungsschwellen & Internetquellen

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. Juli

Es ist der denkbar größte Ritterschlag für einen relativ jungen Künstler, wenn ein relativ alter Kollege ihn dafür kritisiert, unwichtig zu sein. Dass der sehr, sehr greise und sehr, sehr weiße, an Haupthaar, Geist, Charakter hingegen betongraue Harald Schmidt im Altrocker-Blatt RollingStone gerade Jan Böhmermann als Krawallschachtel unterhalb der, also Schmidts Wahrnehmungsschwelle bezeichnet hat, spricht fürs letzte Gefecht eines verbitterten Feuilletonfossils gegen seine Wachablösung.

Nun war der Late-Night-Zyniker schon immer ein Perpetuum Mobile eloquente Selbstreferenzialität, Gott und der Welt gegenüber also ungefähr so kritikfähig wie Panzerhaubitzen aus Kruppstahl, aber er war dabei wenigstens unterhaltsam. Und jetzt? Eher so Typ Waldorf & Statler für FAZ-Leser ohne *innen und damit der endgültige Abschiedsgruß des Leitmediums in Richtung Streamingdienste und Mediatheken, wo sich welkes Herbstlaub von Harald Schmidt bis Alexander Gauland eben leicht mal verirren.

Wie viel würdevoller verhalten sich deren Alters-, aber eben nicht Charaktergenossinnen wie Birgit Schrowange, die von Alpharüden wie Schmidt-Gauland gönnerhaft Starke Frauen genannt wurden. Dummerweise hat Sat1 deren Sat1-Format genauso betitelt und damit in den Quotenruin getrieben. Denn wer bitte lässt sich im Jahr 2022 noch mit Worten lebender Leichen abkanzeln? Ausgerechnet im Moment, als Stranger Things den Achtzigerhit Running up that Hill an die Spitze der britischen Charts katapultiert, wurde Schrowanges Sendung folglich abgesetzt.

Davon abgesehen, dass ARZDF sogar mit dem Rekordwert von 8,42 Milliarden Euro Rundfunkbeitrag 2021 nicht mehr solche Resonanz erzielen, wird Kate Bushs Lied auch bei Spotify vielgeklickt – muss sich allerdings im Umfeld rechtsradikaler Songs behaupten. Wie ein Rechercheteam von NDR und SWR herausfand, hat sich die Plattform anders als beteuert also nicht vom braunen Dreck befreit, sondern im Gegenteil – kurzzeitig verbannten Rechtsrock teils wieder zugänglich gemacht.

Dieser farbenblinde Liberalismus passt zur schlimmsten Nachricht der Woche: Großbritannien erlaubt die Auslieferung von Julian Assange an die USA, wo ihm für die Enthüllung amerikanischer Kriegsverbrechen 175 Jahre Haft drohen – also 175 mehr als dem zugehörigen Kriegsverbrecher George W. Bush, wie Katapult leider witzig vorrechnet.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. Juli

Zur Ablenkung von Angriffen auf die Pressefreiheit durch den Brachialpopulisten Boris Johnson würden wir jetzt ja gern richtig gutes – ob lineares oder gestreamtes – Fernsehen empfehlen. Das aber ist im Frühsommer zunächst dünn gesät. Weshalb eine Retrospektive den Auftakt der Wochentipps macht: Heute zeigt Arte zum 40. Todestag von Rainer Werner Fassbinder zwei seiner wirkmächtigsten Filme. Erst Lili Marleen, dann Angst essen Seele auf, beide gleichermaßen verstörend und fesselnd.

Mit etwas Abstand lässt sich das auch über die Karriere des immer noch bekanntesten deutschen Radfahrers sagen, dem die ARD-Mediathek Samstag ein Porträt widmet. In Being Jan Ulrich wird der Tour-de-France-Sieger mit Dopingvergangenheit viermal 25 Minuten lang vollumfänglich beschrieben. Etwas länger darf der unvermeidliche Elton am Mittwoch sein Pausenfüllerspielchen Blamieren oder Kassieren am Mittwoch aus TV total ins Hauptprogramm von ProSieben teleportieren.

Da kann man nur hoffen, dass die Universal-Serie Reich mit Maya Rudolph als Milliardärin Molly, die nach einer Scheidungsschlammschlacht versucht, über eine Stiftung aus den Schlagzeilen zu kommen, ab Freitag auf Apple TV+ ein wenig substanzieller wird. Von der Arte-Komödie Die Vergänglichkeit der Eichhörnchen darf man das Freitag wohl eher behaupten. Wem das insgesamt zu wenig anspruchsvolles Ansichtsmaterial ist, der kann parallel dazu ja mal in Sophie Passmanns Audible-Podcast Quelle Internet reinhören, wo sie sich die Filterblasen der Aufmerksamkeitsindustrie vorknöpft.

Apropos Podcasts, Internet, reinhören, Aufmerksamkeit: die neue Folge von Och eine noch ist online, mit dem besten aus Film und Serie, Doku und Show der ersten sechs Monate. Und weil die großartige Helene Hegemann für die ebenso großartigere Anthology-Serie STRAFE bei RTL+ eine von sechs Episoden nach Schirachs gleichnamigem Roman gedreht hat, wollen wir die Premiere ihres neuen Buches Schlachtensee mit auch echt großartigen Kolleg:innen wie Drangsal, Mara Moya, Albrecht Schuch, Marie Rosa Tietjen und Daniel Zillmann heute Abend an der Berliner Volksbühne empfehlen.



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