Flight 666: Iron Maiden & Ed Force One

Im Privatflieger der Metalprediger

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Ein hinreißender Konzertfilm über die Welttour der unverwüstlichen Iron Maiden macht deutlich, warum die Zackengitarrenszene keine Zweckgemeinschaft, sondern eine Familie ist. Nach 13 Jahren DVD-Dasein steht er jetzt endlich in der Arte-Mediathek.

Von Jan Freitag

Die Boing 757: zweistrahliger Stolz des American Way of Life, Symbol entgrenzter Mobilität, ein Stück US-Identität, das zwar im Schatten der Boing 747 steht, aber genau wie der Jumbo-Jet fossile Fortschrittsgläubigkeit auf kurzer Strecke verkörpert und damit etwa so zeitgemäß ist wie Pfälzer Schlachtplatten, Rohrstockzüchtigung oder, sagen wir: Iron Maiden. An dieser Stelle dürfte es (zumindest unterm zeitunglesenden Teil der Rockszene) einen Aufschrei der Entrüstung geben. Also Ohren zu, Augen auf.

Die Urväter harten Rocks mögen jahrelang in bandeigener Boing 757 um den Globus gejettet sein, als sei der Klimawandel ein flüchtiges E-Gitarrensolo; wer ihnen dort volle 45 Tage im grandiosen Dokumentarfilm Flight 666 beiwohnen darf, kann nur zu einem Urteil gelangen: Pfälzer Schlachtplatten und Rohrstockzüchtigung bleiben wohl (hoffentlich) für alle Ewigkeit Anachronismen; Iron Maiden aber sind auch nach 50.000 Meilen in ihrer Ed Force One genannten Kerosinschleuder zukunftstauglich wie Mediationen und Veggieburger.

Zur Erklärung für Spätgeborene, Ungläubige, beide in einem: Iron Maiden, lange vor Maggie Thatchers Wahl zum Prime Minister unweit vom Westminster Palace gegründet und seit 40 Jahren in nahezu gleicher Besetzung auf Tour, waren aus Rockstarsicht bereits 2008 Fossile. Damals überzeugte der Anthropologe und Regisseur Sam Dunn seine Lieblingsband davon, ihre Welttournee begleiten zu dürfen. Und wie in den meisten seiner Genre-Analysen unterstützt vom kanadischen Filmemacher Scot McFadyen, sollte das Resultat ein Mix aus gefilmtem Fanzine und gefühlter Sozialstudie werden.

Hierzulande allenfalls in Programmkinos oder Festivalzelten sichtbar, haben die beiden Showrunner 2009 mit Flight 666 ein zweistündiges Juwel publizistischer Distanzlosigkeit geschliffen, das trotz ihrer spürbaren Vergötterung der Berichtsgegenstände jedoch über den Wolken nie an Bodenhaftung verliert. Mehr als ein Jahrzehnt später steht es nun endlich in der Arte-Mediathek. Und wem beim Gedanken an hochtourige Riff-Stakkatos zum Pathos operettenhafter Gesänge die Fußnägel hochklappen: bitte dennoch reinhören. Es lohnt sich.

Die – für einen Konzertfilm verblüffend schlecht gemischte – Tourneebegleitung handelt zwar wesentlich von der Wall of Sound turmhoch gestapelter Stromgitarren im Doublebass-Gewitter. Darunter jedoch schwingen zarte Liebesmelodien im Takt einer organischen Verbindung zwischen Sender und Empfänger, die so vermutlich kein anderes Musikgenre herzustellen vermag. Die Weltreise in 21 Städte auf vier Kontinenten zeigt schließlich keine Konzert-, sondern Messebesucher (das zeitgenössische -innen kann man sich getrost sparen; neun von zehn Besuchern sind Männer, aber das stört hier gar nicht weiter).

Vom Start in Mumbai über Perth (Tag 7, 10.924 Meilen) und Tokio (Tag 16, 16.277 Meilen), Los Angeles (Tag 19, 22.073 Meilen) oder Sao Paolo (Tag 31, 28.863 Meilen) bis nach Toronto (Tag 46, 36.192 Meilen) haben Hunderttausende zahlender Gäste nicht nur Eintrittskarten, sondern Himmelsleitern erworben. Ihr kollektives Glücksgefühl wird auch in der zweidimensionalen Fernsehversion jederzeit deutlich. Noch bemerkenswerter ist da nur, mit welcher Demut sechs alternde Prediger der Church of Heavy Metal – schon damals alle über 50 und noch heute auf Tour – die bedingungslose Zärtlichkeit ihrer Fans in klassenlose Energie verwandeln.

Iron Maidens Boing 757, gelenkt von Sänger Dickinson persönlich, kennt keine First Class für eiserne Jungfrauen, nur einen Teamspirit, den die Kameras zwar kaum unbeeinflusst lassen; Heisenbergs Unschärferelation macht schließlich auch an der heiligen Zackengitarre nicht Halt. Aber wie Crew und Band auf Augenhöhe interagieren, wie ihnen die Hingabe des Publikums den Atem verschlägt, wie würdevoll sie dabei ihr schütteres Haupthaar schütteln, altersgemäß „bloody“ statt „fucking“ sagen, vor den Gigs gern Golf spielen, aber abzüglich eigenen Starruhms plus Flieger nicht grundlegend anders drauf sind als vier Generationen entfesselter Fans vor der Bühne – das macht diese Zweckgemeinschaft zur Familie.

Von der darf sich die Welt vorm Stadiontor also ruhig eine Scheibe abschneiden. Zumal die Ed Force One mittlerweile ausgemustert wurde. Nicht mehr nachhaltig genug, hieß es. Iron Maiden aber fliegen einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und weiter. Flight 666 zeigt eindrücklich, warum.

https://programm.ard.de/TV/arte/iron-maiden—flight-666/eid_287244000695085



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